Vom Sollen zum Wollen

Wirtschaft • Die Vorstellung, dass Einkommen die Folge von Arbeit ist, stammt aus der Zeit, als der Mensch ein Selbstversorger war. Heute gilt das nicht mehr. Ein Plädoyer für ein Grundeinkommen.

Wollen wir uns Armut leis-ten? Hat es unsere Gesellschaft nötig, dass wir auch nur einen einzigen Bürger durch das soziale Netz fallen lassen? Diese Fragen müssen wir uns als Gesellschaft stellen, deren Produktivität ständig steigt und deren Realität von Kinderarmut und Niedriglöhnen geprägt ist. Sollten wir nicht übereinkommen - wie es Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus so treffend formulierte - Armut in die Museen zu verbannen? In einem Interview mit der Zeitung Die Welt stellt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble fest: "Wir hatten die Sozialgesetze eingeführt, um Menschen durch staatliche Leistungen vor Armut zu bewahren. Es ist ein paradoxer Widerspruch, dass Menschen gerade dann als arm wahrgenommen werden, weil sie staatliche Transferleistungen beziehen.“

Teilhabe am Wohlstand für alle

Die Frage, die sich ganz offensichtlich stellt, ist: Wie stellen wir heute und in Zukunft sicher, dass alle Bürger eine Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand haben? Denn eine Teilhabe ist die Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind: Diese Erkenntnis von Albert Einstein bedeutet doch, dass wir mit den bisherigen Denkschemata des Bismarckschen Sozialstaates die Zukunft nicht bewältigen können. Denn die Voraussetzung der damaligen Zeit, stabile Berufsbiografien, konsistente Familienverhältnisse und eine viel geringere Lebenserwartung, gelten heute nicht mehr.

Wenn dieses 130 Jahre alte Dogma an seine Grenzen stößt, dann liegt es bei uns nach neuen Modellen zur Sicherung des sozialen Friedens und der Gerechtigkeit zu suchen, also einen Paradigmenwechsel anzustreben. Wenn es uns nicht gelingt, grundlegende Veränderungen durchzuführen, dann wird uns unser Gesellschaftsmodell um die Ohren fliegen! Wie schaffen wir es, dass die Würde des Menschen unangetastet bleibt, die Armut eingedämmt wird und die Demokratie sich so weiterentwickelt, dass ein leistungsfähiges Gemeinwesen für alle Bürger entsteht? Die Meinung, Einkommen sei die Folge der Arbeit, ist ein immer noch weit verbreiteter Denkirrtum! Das zeigt zum Beispiel SPD-Chef Sigmar Gabriel, der vor kurzem in einem Interview in der Wochenzeitung Die Zeit behauptete, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Affront für arbeitende Menschen sei.

Arbeit setzt Einkommen voraus

Das Gegenteil ist der Fall! Wir müssen uns klar machen, dass das Einkommen die Voraussetzung für Arbeit ist. Der Mensch braucht das Einkommen, um leben zu können, und die Arbeit, um über sich hinauswachsen und reifen zu können. Es geht darum, dass wir als Gemeinschaft Verhältnisse schaffen, die es dem Einzelnen ermöglichen, über sich hinauszuwachsen: Ich plädiere für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE), das jedem Bürger ein bescheidenes, menschenwürdiges Leben ermöglicht. Damit schaffen wir Rahmenbedingungen, dass die Menschen die Möglichkeit haben, die Arbeit zu wählen, die für sie sinnvoll ist. Es ist ein Unterschied, ob jemand eine Arbeit um des Einkommens willen annehmen muss oder ob er gemäß seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten eigeninitiativ tätig wird. Je mehr Bürger selbst erkennen, was zu tun ist, und dies eigeninitiativ ergreifen, desto höher ist das Wohl einer Gemeinschaft. Im Grundeinkommen steckt die Möglichkeit, ein freier, eigenverantwortlicher Mensch zu werden.

Die Idee hört sich zunächst verlockend an, dennoch gilt: Das BGE ist eine anstrengende Angelegenheit, da die Verantwortungshoheit plötzlich wieder beim Einzelnen liegt, und es von da an keine Ausreden mehr gibt, warum etwas nicht unternommen oder verändert werden konnte! Anders gesagt, meine Lebensumstände sind nicht mehr in der Hand einer vermeintlich anderen Person. Ich entscheide, wohin die Reise geht. Durch ein geregeltes Grundeinkommen hat man die echte Chance, etwas zu verändern und zwar ohne, dass es einem gleich finanziell das Rückgrat bricht. Arbeit als ein Füreinander-Leisten in sozialer Sicherheit, in Würde und nach eigener Wahl.

Automation wird segensreich, denn durch den Wegfall von Arbeiten, die auch programmierbare Automaten leis-ten können, entsteht keine neue Arbeitslosigkeit. Das Grundeinkommen schafft Freiraum. Viele gemeinwirtschaftliche und kulturelle Arbeitsaufgaben sind finanzierbar.

Das Grundeinkommen ist ein archimedischer Punkt: Wir können uns in unserer Fantasie gar nicht genügend ausmalen, wie das Grundeinkommen unser Zusammenleben verändern würde. Wir hätten eine ganz andere Gesellschaft, eine, die sich vom Sollen zum Wollen wandeln würde! Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der wir ständig für andere tätig sind und andere für uns. Die Blusen oder die Hemden, die wir tragen, die Schuhe, das eigene Auto. Alles wird von Fremden für Fremde produziert. Und dabei ist die ganze Welt für uns tätig. Wir sind eine Gesellschaft von Fremdversorgten und Fremdversorgern geworden.

Wir leben nicht vom Geld

Die Vorstellung, dass Einkommen die Folge von Arbeit ist, stammt aus Zeiten, als der Mensch Selbstversorger war. Damals muss-te das Land bestellt werden, um anschließend etwas ernten zu können. Heute benötigen wir, um leben und wieder frei sein zu können, ein Äquivalent zum Grund und Boden-Prinzip aus der Zeit der Selbstversorgung - das ist das Grundeinkommen. Wer damals den Boden nicht beackerte, hatte auch nichts zu essen. Übertragen auf heute heißt das: Wer sein Einkommen nicht ausgibt, hat auch nichts zu essen.

Ein Vorwurf, der immer wieder ins Feld geführt wird, ist, dass ein Grundeinkommen nicht finanzierbar sei. Damit verbunden ist der weit verbreitete Denkirrtum, wir würden vom Geld leben. Aber wir leben doch von den Gütern, die wir hervorbringen, also von der Realwirtschaft und nicht von den Finanzmärkten. Der Ökonom und Sozialphilosoph Oswald von Nell-Breuning formulierte sehr treffend: "Alles, was sich güterwirtschaftlich erstellen lässt, das lässt sich auch finanzieren - vorausgesetzt, wir haben den ehrlichen Willen dazu.“

Aus Zutrauen wird Vertrauen

Wollen wir in einer Welt leben, in der einem nichts geschenkt wird? Eine Welt, in der künstlich erzeugter Mangel und Knappheit herrschen und Freiheit an Bedingungen geknüpft ist? Wollen wir unsere Würde erfahren, indem wir uns dem Unbill stellen? "Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Bevormundung hemmt sein Reifen!“ - dieses Zitat von Gottfried Frey bringt es auf den Punkt: In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist Zutrauen das Grundgebot, da daraus erst Vertrauen erwachsen kann! Ich setze bei meinen Betrachtungen zum Grundeinkommen lieber einen Menschen voraus, der nach Sinn strebt, zielorientiert und gütig ist, oder wie es in Goethes Faust heißt: "der Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst!“

Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Utopie. Nur wenn genügend Menschen das neue Denken können, dann wird es realisierbar. Denn alles, was heute Realität ist, war gestern Utopie, und alles, was morgen Realität sein wird, ist heute Utopie!

Der Autor ist Gründer und Aufsichtsrat von dm drogeriemarkt. Er leitet das Institut für Entrepreneurship an der Uni Karlsruhe.

Ein Grund für die Zukunft

Das Grundeinkommen: Interviews und Reaktionen.

Von Götz W. Werner, Freies Geistesleben 2013. 128 Seiten, broschiert, € 5,-

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