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Von Selbstwert, Stolz und Vorurteil

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Bessere Bildung, bessere Arbeit und irgendwann ein gleichberechtigtes Leben: Der Kulturverein "Spolu" will ostslowakische Roma-Frauen selbstbewusster machen -und wurde dafür mit dem "SozialMarie"-Preis für soziale Innovation geehrt.

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Bessere Bildung, bessere Arbeit und irgendwann ein gleichberechtigtes Leben: Der Kulturverein "Spolu" will ostslowakische Roma-Frauen selbstbewusster machen -und wurde dafür mit dem "SozialMarie"-Preis für soziale Innovation geehrt.

Das Baden? Das haben wir längst erledigt." Jaroslava Kotlárová lacht, wenn sie vom jüngsten Schwimmausflug erzählt. In ihrem Dorf bei Spis ská Nová Ves in der Ostslowakei wirft sich dieser Tage noch einmal jeder, der kann, ins kühle Nass. Doch was für die Mehrheitsbevölkerung selbstverständlich ist, bedeutet für Kotlárová und ihre Nachbarinnen mehr als nur Erholung: Denn Roma-Frauen wie sie sind im Freizeitpark kein gewohntes Bild.

Lernnachhilfe, Schwimmausflüge, Erziehungstipps und Fünf-Uhr-Tee: Wenn Jaroslava Kotlárová von ihrer Arbeit im Volksgruppen-Verein erzählt, klingt das mitunter etwas schräg. Gemeinsam mit Drahomíra Poláková und dem Sozialpädagogen Anton Bobák ist sie in der Initiative "Spolu"(zu deutsch: "gemeinsam") aktiv. "Hauptsächlich arbeiten wir mit Schülern", erzählt sie von den Hausbesuchen und der Nachhilfe für die Roma-Kinder ihres Dorfes. Aber die quirlige Großmutter, die alle nur "Frau Abgeordnete" oder "Frau Bürgermeisterin" nennen, hilft auch so manchem Nachbar beim Ausfüllen seiner Dokumente.

So selbstsicher Kotlárová auch wirken mag -bezogen auf ihre Volksgruppe sieht das anders aus. Geschätzte 500.000 Romnija und Roma leben in der Slowakei, sie stellen etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Integriert sind sie freilich nicht. Allein die Schuleinschreibung ist für viele Kinder eine Hürde auf dem Weg zur sozialen Inklusion. Wessen Wohnadresse in einem slowakischen Roma-Getto liegt, wird häufig gleich in die Sonderschule eingeschrieben, erzählen Pädagoginnen der Kindertagesstätte im ostslowakischen Stropkov. Diese frühe Ausgrenzungserfahrung präge oft das ganze Leben. Während Angehörige einer "weißen" Mehrheitsbevölkerung den öffentlichen Raum erobern, sind Romnija und Roma häufig nur als Straßenkehrerinnen oder Müllsammler präsent.

Überzeugungsarbeit bei Männern

Dass das Recht auf Freizeit, Erholung und gesellschaftliche Teilhabe oft nicht einmal in Roma-Kreisen selbst ein Thema ist, weiß man bei "Spolu" nur zu gut. Auch in Spis ská Nová Ves sei die Gleichberechtigung noch nicht wirklich angekommen, erzählen die beiden Vereins-Obfrauen. Noch immer hätten die Roma-Männer daheim das Sagen, meint Drahomíra Poláková. So müsse "Spolu" weitermachen -mit dem Ziel, das Selbstvertrauen von Roma-Frauen zu stärken, bis diese stark genug seien, ihren Männern zu verdeutlichen: "Seit einverstanden mit dem, was wir uns wünschen!"

Wegen ihres Engagements wurden Poláková und Kotlárová sowie Anton Bobák für die "SozialMarie", einen Preis für soziale Innovation in Europa, nominiert -und vergangenen Mai im Wiener Radiokulturhaus zwar nicht mit dem Hauptpreis, aber mit 2000 Euro und großem Medieninteresse geehrt. "Sogar zwei slowakische Fernsehteams sind gekommen", freut sich Agnes Truger vom "Welthaus" in Graz -einer katholischen Hilfsorganisation, die gemeinsam mit der steirischen Caritas die "Spolu"-Projekte schon seit Jahren unterstützt. In knallroten T-Shirts haben die beiden Frauen die Auszeichnung in Empfang genommen. Warum darauf "Agentinnen der Gleichbehandlung" zu lesen war? Jaroslava Kotlárová lacht. Der so selbstbewusst zur Schau gestellte Spruch entstamme eigentlich einer beleidigenden Geste, erzählt sie: Nachdem man sie und Drahomíra Poláková in einem slowakischen Restaurant über eine Stunde lang nicht bedient habe, sei man zu einem Entschluss gekommen: "Es muss mehr Gleichbehandlung geben -zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Roma und Nicht-Roma, zwischen Mann und Frau. Dafür sollten wir eintreten, wie Agentinnen das tun."

Ins Bad dürfen -wie alle anderen

Mit diesem Ziel vor Augen haben die beiden Frauen in ihrem ostslowakischen Dorf schon so manches auf die Beine gestellt -nicht nur Nachhilfe, sondern auch einen Marsch am 8. April, dem Internationalen Tag der Roma. Heute laden sie im Haus von Drahomíra Poláková zum "Fünf-Uhr-Tee" ein. Frauen und Kinder aus dem Dorf sind da, man plant den nächsten Ausflug in die Stadt. Plötzlich zeigt die Gastgeberin auf ein etwa dreijähriges Mädchen im Raum: "Look at her, she's white -not black", freut sich Poláková über die rosigen Wangen ihrer Enkelin. Anders als alle anderen ihrer Kindeskinder hat die Kleine blasse Haut, was ihre Oma sichtlich freut. Vielleicht würde sie es einmal einfacher haben als dunkelhäutigere Kinder, hofft sie: nicht in die Sonderschule müssen, eine Arbeit bekommen, von der man leben kann -und als Erwachsene allein ins Freibad gehen dürfen. So selbstverständlich wie andere Frauen auch.

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