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"Währung ist Herrschaft"

Sind die Spannungen zwischen Europa und den USA nur Ausdruck der Konkurrenz zweier ökonomischer Blöcke? Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky zu den wirtschaftlichen Hintergründen eines Irak-Kriegs und der Rolle von Rüstungsindustrie und Geheimdiensten.

Die Furche: Die Bewertungen, welche Rolle das Erdöl bei einem Irak-Krieg spielt, sind widersprüchlich. Was ist Ihre Meinung dazu?

Michel Chossudovsky: Es ist ein Eroberungskrieg, der nicht nur gegen den Irak oder den Iran gerichtet ist, sondern auch gegen europäische Ölinteressen. Da ist eine enorme Rivalität zwischen den Öl-Konzernen, zwischen den anglo-amerikanischen Firmen BP, Chevron-Texaco, Exxon einerseits und den europäischen Konzernen, also Total-Fina-Elf und dem italienischen ENI. Da haben wir eine Großmacht-Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und seinen britischen Alliierten einerseits und den französisch-deutschen Interessen, die nicht nur in der Ölindustrie bestehen, sondern auch in der Rüstungsindustrie.

Die Furche: Gibt es noch andere ökonomische Interessen?

Chossudovsky: Ja, das ist die Kontrolle über Währungssysteme. Seit der Euro existiert, gibt es eine neue Rivalität. Wir sollten sie nicht gering achten. Sie ist fundamental. In all den Ländern, die nun im Einflussbereich der Vereinigten Staaten sind, also zum Beispiel die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien, hat sich der Dollar durchgesetzt. In Osteuropa, dem Balkan und in Teilen der ehemaligen Sowjetunion hat sich der Euro durchgesetzt. Es ist ein Wettbewerb zwischen zwei konkurrierenden Finanzsystemen, die den Prozess der Geldschöpfung kontrollieren - durch die Federal Reserve in Amerika und die Europäische Zentralbank in Europa.

Die Furche: Aber der Direktor der Federal Reserve, Alan Greenspan, warnt vor einem Irak-Krieg, weil dies die Konjunktur schwächen könnte.

Chossudovsky: Ich bin überzeugt, dass das Ziel all dieser militärischen und strategischen Operationen die Destabilisierung nationaler Währungssysteme ist, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind. Jede einzelne Währung in der Welt wird zerstört. Wir beobachten in der westlichen Hemisphäre den so genannten "Dollarisierungsprozess". Land um Land wird gezwungen, seine nationale Währung an den Dollar zu koppeln.

Die Furche: Mit welchen Konsequenzen?

Chossudovsky: Wenn Sie den Dollar als nationale Währung akzeptieren, bedeutet das, das sie nichts mehr kontrollieren. Wenn Sie ein Krankenhaus bauen wollen, dann müssen Sie US-Dollar leihen. Von einem ökonomischen Standpunkt aus muss man sagen: Die Finanzinstitutionen und Regierungen können nicht mehr selber Kredit gewähren. Sie müssen das Geld in harter Währung leihen. Das ist das Schicksal von Argentinien über einige Jahre. Heute sehen wir die Konsequenzen: völlige Verwüstung.

Die Furche: Ist das der Grund, warum sich die USA einen sagenhaften Schuldenberg leisten können?

Chossudovsky: Ja, natürlich. In unserer Welt ist es inzwischen so, dass sie nicht mehr echte Werte kontrollieren müssen. Alles was Sie kontrollieren müssen, sind die Instrumente der Geldschöpfung. Und die Geldschöpfung gibt ihnen dann Kontrolle über Ressourcen. Die Instrumente der Geldpolitik determinieren schließlich alle anderen Bereiche der ökonomischen Eroberung: Kontrolle über Ressourcen, Öl, Menschen, Institutionen, soziale Dienste, und so weiter. Währung ist die Grundlage von Herrschaft.

Die Furche: Und die Rüstung?

Chossudovsky: In den USA gibt es eine massive Umleitung öffentlicher Ausgaben zu Gunsten des Militärs. Das Besondere an einem Rüstungskonzern ist ja, dass er nicht auf dem freien Markt verkauft, sie verkaufen an das Verteidigungsministerium. Es gibt nur einen Käufer. Wenn sie den Markt nicht haben, sind sie tot. Sie können das ja nicht im Supermarkt verkaufen. Wir haben eine Konkurrenz zwischen dem Geld, das nun in die Rüstungsindustrie fließt und das andernfalls für Soziale Dienste ausgegeben würde. Die Zahlen sind astronomisch: Das US-Verteidigungs-Etat ist 30 Prozent größer als das Brutto-Inlands-Produkt der russischen Föderation, wo mehr als 150 Millionen Menschen leben.

Die Furche: Folgt man Ihrer Argumentation, dann kontrollieren Rüstungs-, Öl-, und Finanzkonzerne den US-Staatsapparat?

Chossudovsky: Der militärische Apparat, also CIA und Pentagon, ist mit diesen Konzernen verbunden. Sie haben Leute in den Aufsichtsräten, ehemalige CIA-Direktoren arbeiten für die Rüstungsindustrie, Militärs arbeiten bei den Ölkonzernen etc. Sie haben eine Herrschaftsstruktur, die die Kriegsindustrie unterhält.

Die Furche: Ihnen geht es jetzt nicht mehr nur um ökonomische Hintergründe, sondern auch um die Verbindungen des US-Geheimdienstes?

Chossudovsky: Ich sehe inzwischen viele Verbindungen zwischen ökonomischen und geheimdienstlichen Themen. Eine strikt ökonomische Analyse bietet keine Lösung. Darum kümmere ich mich in meinen jüngsten Forschungen um die verdeckten Geheimdienstoperationen, die benutzt werden, um einen Krieg vorzubereiten. Die Bush-Administration behauptet, dieser Krieg würde aus humanitären Gründen geführt. Sie ziehen eine Verbindung zwischen El-Kaida und der irakischen Regierung. Sie warnen die Bevölkerung vor Anschlägen von El-KaidaTerroristen. All das ist konstruiert, Teil der Propaganda. Wir konnten nachweisen, dass El-Kaida eine Schöpfung des CIA ist. Die USA können nicht mit Nuklearwaffen Krieg gegen ein Land führen, dem sie vorwerfen, mit El-Kaida zu kollaborieren - wofür es keine Beweise gibt - und auf der anderen Seite gibt es einen Berg von Beweisen, dass die US-Regierung mit El-Kaida zusammenarbeitet.

Die Furche: Sie haben keinen Beleg für CIA-Kontakte mit El-Kaida, der nach dem 11. September datiert. So können Sie nicht die CIA-Version zerstören, wonach dieser El-Kaida zwar aufbaute und unterstützte, El-Kaida sich aber schließlich gegen seinen Schöpfer gestellt habe.

Chossudovsky: Das ist die offizielle Antwort. Aber selbst diese Antwort wird in den Massenmedien nicht diskutiert. Das ist empörend genug. Aber das kann widerlegt werden durch Dokumente, die der US-Kongress während der neunziger Jahre gesammelt hat. Da gibt es einen Bericht der Republikaner, der sagt, dass die Clinton-Administration mit El-Kaida zusammenarbeitete.

Die Furche: Das war in Bosnien vor dem 11. September.

Chossudovsky: Ja, das war in Bosnien, aber nach dem Kalten Krieg. Wir haben den 11. September mit der Beteiligung des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Es gibt sehr konkrete Verbindungen zwischen dem Kopf des pakistanischen Geheimdienstes, General Mahmud Ahmed und den Terroristen. Zugleich traf Ahmed zwischen dem 4. und 13. September 2001 hohe Offizielle der amerikanischen Regierung. Ich gebe keine endgültige Antwort, wer es letztendlich getan hat. Ich sage nur: Es gibt da verschiedene Verbindungen, die man untersuchen muss. Aber niemand, weder die Regierungen noch die großen Medien diskutieren diese Verbindungen.

Das Gespräch führte Christoph Fleischmann.

An "neutrale Ökonomie" glaubt er nicht

Michel Chossudovsky lehrt an der Universität Ottawa (Kanada) Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Globalisierung und internationale Finanzinstitutionen. Der 60-Jährige hat in verschiedenen Ländern Lateinamerikas, Asiens und Europas gelehrt und geforscht.

An der Katholischen Universität in Chile erlebte er den Militärputsch vom 11. September 1973 und sah viele seiner Kollegen von der Wirtschaftsfakultät in Schlüsselpositionen der Militärregierung wechseln. "Ich begann zu verstehen, dass die makroökonomische Reform weder neutral war noch von den breiteren Prozessen sozialer und politischer Transformation getrennt werden konnte." In seinen jüngsten Veröffentlichungen verbindet er Globalisierungskritik mit der Kritik an der Militarisierung der amerikanischen Außenpolitik und der sie begleitenden Propaganda. Er ist Herausgeber der Zeitschrift Global Outlook (www.globalresearch.ca). Auf deutsch erschien von Chossudovsky zuletzt der Band:

Global brutal

Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg

Zweitausendundeins Verlag, Frankfurt a. M. 2002 480 Seiten, e 12,75

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