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Bahn frei für mehr Bahn

FOKUS
Europaweiter Nachtzug-Boom - Auch Corona konnte dem Zug zum Nachtzug keinen Abbruch tun. Umso mehr werden im maskenfreien Sommer europaweit Schlafabteile gebucht. - © APA / AFP / Joe Klamar

Wahrer Reiseluxus: Im Nachtzug langsamer ankommen

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Die Schlafqualität ist durchwachsen, der Komfort beengt, die Mitreisenden eine Lotterie und die Tickets kein Schnäppchen – warum ist aber die Lust an Nachtzugreisen groß?

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Die Schlafqualität ist durchwachsen, der Komfort beengt, die Mitreisenden eine Lotterie und die Tickets kein Schnäppchen – warum ist aber die Lust an Nachtzugreisen groß?

Nachtzüge sind Wachzüge. Wie das Verhältnis von schlafenden, dösenden und putzmunteren Passagieren auf den rollenden Liegen und Betten genau aussieht, lässt sich schwer berechnen, tut aber hier nichts zur Sache. Der Abgleich eigener Erfahrungen mit denen anderer Schlafwaggon Aficionados reicht für die These: Die wenigsten buchen ein Schlafwagenabteil wegen des guten Schlafs. Warum boomen dann aber Nachtzugfahrten? Und: Wird das Angebot europaweit ausgebaut?

Von Flugscham getrieben?

Klimabewusstsein und damit einhergehende Flugscham sind gewiss ein Treiber für die Nachtzugrenaissance. Beispielhaft dafür rollt der schwedische Reisejournalist Per J. Anderson, den das schlechte Gewissen aus den Flugzeugsitz auf die Schlafwagenpritsche trieb. Im Buch „Vom Schweden, der den Zug nahm“ (Verlag C. H. Beck, 2020) beschreibt er seine Umstiegträume und -traumata. „Nachtzügler“ wie Anderson sind im Urlaubs- und Reisemodus unterwegs. Sein Buchuntertitel heißt deswegen: „Und die Welt mit anderen Augen sah“.

Was aber lockt Berufsreisende in Schlafwaggons? Der Preis nur bei langfristiger Vorausbuchung; der Komfort trotz Single-Abteilen nicht unbedingt; der Check-in-Stress beim Fliegen eventuell sogar mehr als die Klimasorge. Ein Arbeitstag nach geräderter Nacht im Zug muss die Entscheidung für die Schiene jedenfalls wert sein. Der Grund fürs Einsteigen in den Nachtzug trotz aller Aber ist: weil man sich mehr Zeit zum Hinkommen gönnt, weil man sich ein langsameres Ankommen erlaubt. Solcherart schlafend, dösend oder putzmunter wird jede Nacht auf Schiene zur guten Nacht.

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