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Was tun nach (Bürger-)Kriegen und Gewalt?

Die Frage nach dem Leid stellt nicht nur eine der größten Herausforderungen für die Religion dar, sondern hat – ganz und gar irdisch – auch eine eminent politische Dimension: Wie kann Gewalt hintan gehalten werden?

Bürgerkriege, Massaker, Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Das sind Schlagzeilen, die die Weltöffentlichkeit einige Momente lang erschüttern. Ist die Aufmerksamkeit der Medien verblasst, beginnt die betroffene Gesellschaft erst allmählich, hochkomplexe Fragen zu stellen: Wie verhindern wir eine Wiederholung der Gräueltaten? Was bieten wir Kämpfern an, damit sie sich in die Zivilgesellschaft eingliedern, ohne aber ihre Untaten zu vernachlässigen? Wie schaffen wir es langfristig, die Gründe für das Blutvergießen zu beseitigen und einen Versöhnungsprozess einzuleiten? Derartigen Fragen wird immer mehr Aufmerksamkeit in der sogenannten Post-Konflikt-Phase eingeräumt.

Das Beispiel Südafrika

Ein viel beachtetes Instrument mit Verbrechen der Vergangenheit umzugehen, ist die sogenannte Wahrheitskommission, die in einigen Fällen den Zusatz „Versöhnungskommission“ erhalten hat. Das Beispiel Südafrika ist wohl das bekannteste, nicht zuletzt wegen der charismatischen Führungspersönlichkeiten Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu.

1995 wurde die Wahrheits- und Versöhnungskommission mit einem außergewöhnlich weiten Mandat eingesetzt und bot eine öffentliche Plattform für die Auseinandersetzung mit der Apartheid-Vergangenheit. Als Anreiz für Täter, die Wahrheit über vergangene politische Verbrechen und ihre Rolle in ihnen mitzuteilen, konnte die Kommission Amnestien aussprechen. Dieser Mechanismus fußte auf der Annahme, dass Wahrheit zu Versöhnung führen würde, wobei die Strafverfolgung durchaus auch in den Hintergrund geraten konnte. An diesem Punkt setzte auch die Kritik mancher Opfer an, die eher an Gerechtigkeit – verstanden als Strafverfolgung – interessiert waren. Der stark religiös konnotierte Begriff der „Versöhnung“ stand ebenfalls in Diskussion. Während Befürworter die Notwendigkeit der gemeinsamen Zukunft Südafrikas betonten, sprachen Gegner auch von einem Zwang zur Versöhnung.

Wahrheitskommissionen gab es allerdings schon vor und auch nach dem südafrikanischen Beispiel. In Lateinamerika wurden solche Kommissionen als ein Instrument der Demokratisierung in den 1980er und 1990er Jahren in Argentinien und Chile eingesetzt; in El Salvador nach dem Ende des Bürgerkriegs. Der Bericht der Kommission in diesem zentralamerikanischen Land fand besondere Beachtung, da er einzelne Personen als Drahtzieher von Gewalt namentlich nannte – so u.a. den Auftraggeber des Mordes an Erzbischof Oscar Romero 1980.

Verschiedene Instrumente nötig

In Guatemala hatte die katholische Kirche eine wesentliche Rolle in der Wahrheitsfindung nach dem Ende des dortigen Bürgerkriegs. Das von Bischof Juan José Gerardi geleitete Projekt REMHI stützte sich auf das Netz an Pfarren in auch unwegsamen Gebieten, um Tausende von Zeugnissen über Gewaltakte zusammenzutragen. Der Endbericht vom April 1998 schrieb dem Militär die überwältigende Mehrzahl an Verbrechen zu. Allerdings: Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Berichts wurde Bischof Gerardi ermordet.

Priscilla Hayner, eine der profiliertesten Forscherinnen zum Thema, identifiziert mehrere Beiträge, die eine Wahrheitskommission leisten kann: sie stärkt den Rechtsstaat, indem sie Zeugnisse sammelt und Reformen vorschlägt; sie betont die Interessen der Opfer, die vorwiegend zu Wort kommen; sie beleuchtet die Vergangenheit eines Landes in Facetten, die bisher nicht ans Licht gelangten; und letztlich kann sie ein Beitrag zur Versöhnung sein. Hinzuzufügen ist, dass sie kein Allheilmittel darstellt. Versöhnung in einem umfassenden Sinn, der die Überwindung der Gründe für die Gewalt beinhaltet, wird nur dann gefördert, wenn etwa die weitreichenden Empfehlungen für Reformen auch umgesetzt werden. Eine Kommission ersetzt auch keine Strafverfolgung, bei der Kriterien wie Beweislast, ordentlicher Prozess und Normen im Vordergrund stehen.

Eine Gesellschaft, die oft jahrzehntelang durch Gewalt und innere Konflikte zerrüttet ist, benötigt eine Mischung aus verschiedenen Instrumenten, die Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung fördern, aber letztlich auch Räume für Vergebung offen lassen.

* Der Autor, Politikwissenschafter, arbeitete von 2006–09 im EU-Friedenslaboratorium in Kolumbien

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