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Weder "willig" noch "tabulos"

Immer mehr Frauen, vor allem aus Osteuropa, werden als billige Sexsklavinnen zur Prostitution gezwungen - auch in Österreich. Befreit werden die wenigsten von ihnen.

Deine Würde gehört dir - bewahre sie" heißt es sinngemäß auf den Plakaten in den moldawischen Passämtern. Darunter das Bild einer jungen Frau. Und die Worte "Sag nein' zum Frauenhandel". Auch in Bars und Diskotheken hängen die Plakate, die junge Moldawierinnen warnen sollen vor falschen Versprechungen, falschen Jobs und falschen Hoffnungen.

Für Olga kommt die Aufklärungskampagne der Regierung und einiger Non-Profit-Organisationen zu spät. Aber was sie erlebt hat, soll anderen Frauen künftig erspart bleiben. Denn ihre Geschichte ist typisch für das Schicksal vieler mittel- und osteuropäischer Frauen, die vor allem auf dem Balkan und in der EU zur Prostitution oder - seltener - zur Hausarbeit, zum Stehlen oder Betteln gezwungen werden.

Not ermöglicht Ausbeutung

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kommen aus keinem Land so viele Opfer von Menschenhandel wie aus Moldawien. Denn in keinem anderen Land ist die Situation so trist: 80 Prozent der Menschen leben an oder unter der Armutsgrenze. 90 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wollen die Republik zumindest für eine begrenzte Zeit verlassen. Viele junge Frauen fallen auf falsche Job- oder Eheversprechen herein und werden so in ein anderes Land gelockt.

Auch Olga hatte die Hoffnung auf ein besseres Leben, auch Olga wurde ein gut bezahlter Job als Kellnerin in Italien angeboten. Sie musste ihren Ausweis abgeben - angeblich für die Besorgung des Visums - und ihr Erspartes für die Transportkosten opfern. Ein paar Tage später wurde sie über die Grenze nach Rumänien gebracht. Olga ahnte nichts von der wahren Bestimmung ihrer Reise, bis sie in Bukarest von ihrem neuen "Eigentümer" abgeholt und nach Griechenland gebracht wurde, wo sie ihm zu Diensten sein musste - in jeder Hinsicht. Der Grieche vergewaltigte und verprügelte sie, drohte ihr, im Falle ihrer Flucht, ihrer Familie in Moldawien etwas anzutun. Olga blieb. Sie wurde schwanger. Erst als sie Wehen hatte und ihr Peiniger nicht zu Hause war, kletterte sie aus dem Fenster. Im Krankenhaus gelang es ihr, bei La Strada, einer internationalen Organisation gegen den Frauenhandel, anzurufen. La Strada organisierte die Rückkehr von Olga und ihrem - wegen der Prügel in der Schwangerschaft - behinderten Sohn. Weder der rumänische Schlepper noch der Grieche wurden bisher gefasst: Den einen kennt Olga nicht namentlich, den anderen traut sie sich nicht zu nennen.

Nach Schätzungen des Flüchtlingshochkommissariates der Vereinten Nationen (UNHCR) werden jedes Jahr 500.000 Frauen aus der ganzen Welt nach Westeuropa gebracht. Auch in Österreich werden immer wieder Moldawierinnen zur Prostitution gezwungen, vor allem sind es aber angeblich "willige Rumäninnen" oder "tabulose Russinnen", die in einschlägigen Inseraten-Spalten diverser Zeitungen angepriesen oder in Hinterzimmern, Bars und Bordellen an Freier vermittelt werden. Wird die Polizei auf sie aufmerksam, wird die "Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel" (IBF) verständigt, die sich dann um die Opfer kümmert. 132 wurden vergangenes Jahr betreut. Die tatsächliche Anzahl an Betroffenen sei jedoch enorm, betont Eva Kaufmann, Leiterin der IBF, die von mindestens 3.500 Frauen ausgeht, die allein in Wien gezwungen werden, ihren Körper zu verkaufen. "Aber das ist eine sehr vorsichtige Schätzung", ergänzt Kaufmann.

Die meisten, die in IBF-Betreuung sind, würden im Zuge einer Razzia befreit, erzählt Kaufmann. Anderen würde es gelingen, von sich aus zur Polizei zu gehen. "Aber das trauen sich die meisten nicht." Aus Angst vor den Folgen einer Flucht versuchen sie nicht, sich aus der Gewalt der Zuhälter zu befreien.

(Re-)Integration

Die IBF bietet den Frauen Notwohnungen sowie umfassende medizinische, psychologische und juristische Betreuung. Dazu kommen Rückkehrvorbereitung oder Integrationsmaßnahmen, je nachdem, ob die Frauen in Österreich bleiben oder in ihre Heimat zurückkehren. Die meisten wollen zurück.

Die Möglichkeit zu bleiben, bekommen sie in der Regel, wenn sie ein Ersuchen um Aufenthalt aus humanitären Gründen stellen, entweder weil sie in einem Prozess gegen Menschenhändler als Zeuginnen aussagen oder weil die Rückkehr unzumutbar ist. Für sie ist aber vor allem der Lebensunterhalt ein großes Problem: Sie sprechen meistens schlecht Deutsch und finden keinen Arbeitgeber, der für sie um Beschäftigungsbewilligung ansucht. Im schlimmsten Fall bleibt wieder nur der Weg in die illegale Prostitution. "Aber wir hoffen doch, dass sich für die Frauen immer eine andere Möglichkeit findet", gibt sich Kaufmann zuversichtlich.

Die Frauen, die nach Hause zurück wollen oder müssen, werden auf ihre Rückkehr vorbereitet und dann in die Obhut einer der NGOs gebracht, mit denen die Interventionsstelle in den Herkunftsländern zusammenarbeitet. Dort erhalten sie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um ihre Chance auf eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erhöhen.

Olga macht derzeit einen Computerkurs und hofft, bald für sich und ihren Sohn sorgen zu können. Aber Jobs sind rar in Moldawien...

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