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"Weltweit kein vergleichbares Massaker"

Fernando Hernández war in der Guerilla des Ejército de Liberación Nacional (ELN) und in den 1990er-Jahren einige Jahre Kongressabgeordneter. Er glaubt an den Erfolg der Verhandlungen für den Frieden.

DIE FURCHE: Wieso sind Sie optimistisch, dass dieser Dialog wirklich zum Frieden führt?

Fernando Hernández: Solange das Schlussdokument nicht unterschrieben ist, gelten die Teilvereinbarungen nicht. Aber in den beiden Kapiteln "Land" und "Politische Partizpation" sind die grundlegenden Probleme angesprochen, die zum bewaffneten Konflikt in Kolumbien geführt haben: die ungerechte Landverteilung und die Monopolisierung der Macht in den Händen von zwei Parteien. Im Teilabkommen über die Landfrage ist von Landreform die Rede und von einem Landwirtschaftsmodell, das nicht ausschließlich auf die Interessen der Großgrundbesitzer zugeschnitten ist.

DIE FURCHE: Warum haben die Konservativen etwas gegen die "Bauernreservate"?

Hernández: Die wurden schon vor fast zwanzig Jahren durch ein Gesetz geschaffen. Aber es herrscht immer noch Misstrauen, dass sie zu einer Art unabhängiger Staaten der Guerilla werden könnten. Dahinter steht die Vorstellung der Großgrundbesitzer, dass ihr Agrarmodell ohne Alternative ist und die Kleinbauern bei ihnen als Landarbeiter dienen sollten. Dass die Bauern die Nahrungssicherheit des Landes sicherstellen, interssiert diese Leute überhaupt nicht. Deswegen ist es so wichtig, dass nach vielen Jahren wieder einmal über Landreform gesprochen wird, und dass auch das Agrarmodell diskutiert wird.

DIE FURCHE: Worum geht es im Teilabkommen über die politische Partizipation?

Hernández: Zuallererst müssen Bedingungen geschaffen werden, die das Leben der Anführer und Mitglieder der Guerilla garantieren sollen. Wir dürfen nicht vergessen, was mit der Unión Patriótica passiert ist, die nach dem Abkommen von 1984 als politischer Arm der FARC gegründet wurde. Mehr als 3000 einfache Mitglieder, Parlamentsabgeordnete, ein Senator, Präsidentschaftskandidaten wurden niedergemetzelt. Ein vergleichbares Massaker hat es nirgends auf der Welt gegeben. Die Armee und die Paramilitärs waren nämlich der Meinung, mit einer linken Partei würde der Kommunismus über Kolumbien hereinbrechen. Auch Anführer anderer Parteien wurden ermordet. Carlos Pizarro, Präsidentschatskandidat der ehemaligen M19 Guerilla, wurde von den Leibwächtern, die ihm die Regierung gestellt hatte, erschossen. Mehr als 2000 Ex-Guerilleros wurden ermordet.

DIE FURCHE: Werden die FARC eine politische Rolle spielen?

Hernández: Sie werden über eigens geschaffene Wahlkreise in den Regionen vertreten sein, wo sie jetzt Einfluss haben. Aber landesweit sind sie viel zu unpopulär. Sie haben vor zwölf Jahren eine historische Chance verspielt. Damals empfingen sie Delegationen aus dem ganzen Land. Auch die Botschafter aus aller Welt kamen zu ihnen. Aber sowohl die FARC als auch (der damalige) Präsident Andrés Pastrana spielten ihr eigenes Spiel. Beide rüsteten während des Dialogs auf, statt vertrauensbildende Maßnahmen zu setzen.

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