Digital In Arbeit
Politik

Wende ohne G'schupften Ferdl

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Februar 2000 - die schwarz-blaue Regierung wird angelobt und Heinz Fischer schreibt minutiös an seinem Tagebuch zur politischen Wende.

Wäre Heinz Fischer schon vor Jahresende zum Präsidentschaftskandidaten der SPÖ gekürt worden, seine Bilanz über die "Wende" hätte nicht ausgewogener, zurückhaltender, objektiver ausfallen können als in seinem Buch "Wende Zeiten". Böse Zungen behaupten ja, er habe auch schon den ersten Band seiner politischen Erinnerungen, "Reflexionen", im Hinblick auf seine Präsidentschaftskandidatur geschrieben, anders sei die quasi-offiziöse Darstellung und die Vermeidung aller möglichen Konflikte nicht zu verstehen.

"Wende Zeiten" schildert mit großer Akribie und protokollarischer Genauigkeit die Abläufe, die zur Bildung der schwarz-blauen Koalition geführt haben. Tag für Tag werden Telefonate, Gespräche, Besuche, Mittagessen registriert, Termine, die er offenkundig als ordentlicher Buch-Halter in seinem Tagebuch verzeichnet hat. Den Zeitgeschichtlern liefert der seit 1962 im Parlament Beschäftigte ohne Zweifel wichtige Daten.

Bei Hintergründen verhalten

Bei Analysen und Hintergründen bleibt Heinz Fischer merkwürdig verhalten. So vermisst man vor allem eine genauere Analyse der Entwicklung seiner Partei, die seit 1983 bei allen Wahlen - mit der Ausnahme von 1995 - Stimmen verloren hat. Man vermisst aber auch Hintergründe wie den Wandel des gesellschaftlichen Klimas im Land, die Veränderungen der Medienlandschaft, die Auswirkungen der Globalisierung auf Österreichs Wirtschaft, die Folgen des Jahres 1989 für die Sozialdemokratie, das Phänomen der offenen Grenzen und der Zuwanderung. Kein Wort verliert Heinz Fischer über die möglichen Ursachen für den Aufstieg der Haider-Partei zur zweitstärksten Partei im Jahr 1999, kein Wort auch über die internen Fraktionen und Bruchlinien der ÖVP, in der schon seit längerem das Unbehagen an der Großen Koalition gewachsen war. Politik im gesellschaftsleeren Raum sozusagen.

Schüssels Überraschungen

Wer das soziale Umfeld so ausklammert wie Heinz Fischer, dem gerät Politik zum Spiel einiger mehr oder weniger routinierter Akteure, deren Motivationen im Dunklen bleiben. Diese Sicht der Politik mag auch eine Erklärung dafür sein, dass Fischer in keiner Sekunde die Möglichkeit einer schwarz-blauen Koalition in Betracht gezogen hat und von Wolfgang Schüssels Verhandlungstricks von einem Mal zum andern überrascht wurde.

Auch wenn man von Fischer kein Enthüllungsbuch erwartet, fragt man sich doch immer wieder, warum ein so erfahrener und so informierter Politiker wie der stellvertretende Vorsitzende der SPÖ sich bei Schlüsselfragen der innenpolitischen Entwicklung verschweigt und in eine Beschreibung der Äußerlichkeiten flüchtet bzw. sich auf "notwendige Vertraulichkeit" beruft. So werden der Rücktritt Viktor Klimas vom Parteivorsitz und die Wahl Alfred Gusenbauers von Fischer berichtet, als ob die SPÖ keine Alternativen gehabt hätte. Dass Karl Schlögl eine Zeit als Kandidat gehandelt wurde, kommt ebenso wenig vor wie die Frage, warum Fischer nie selbst den Parteivorsitz übernommen hat.

Das Wahlergebnis vom 24. November 2003, ein innenpolitisches Erdbeben, das die ÖVP von 27 auf 42 Prozent schnellen ließ und die SPÖ nach dreißig Jahren auf den zweiten Platz zurückwarf, wird von Fischer nur als "enttäuschend" qualifiziert. Statt die zwingende Frage zu stellen, was die SPÖ in der Opposition falsch gemacht habe, liefert Fischer ausführliche Lobes- und Loyalitätserklärungen an Alfred Gusenbauer ab. Lob für alle Parteifreunde ist eines der Markenzeichen Fischers, was vermutlich sein langes Überleben in der Politik erklärt; Gusenbauer ist immerhin der sechste SPÖ-Vorsitzende, den Fischer - rekordverdächtig - überlebt.

Kein "Champagnisierer"

Informativer als die innerparteilichen Berichte sind Fischers ausführliche Erklärungen zu den "EU-Sanktionen". Glaubwürdig schildert er seine und Gusenbauers Bemühungen um deren Aufhebung, was ihm nebenbei Gelegenheit gibt, seine zahlreichen Kontakte mit ausländischen Staatsmännern positiv zu erwähnen. Häufig zitiert er seine Treffen mit europäischen Sozialdemokraten, wobei er auch hier seine Sympathien gleichmäßig zwischen "Reformern" und "Traditionalisten" verteilt. Der "dritte Weg" Tony Blairs wird ebenso wenig kommentiert wie die Politik der französischen Sozialisten. Ansatzweise kritisiert Fischer zwar die Position Blairs im Irakkrieg, auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zunehmend umstrittenen Weg von "New Labour" lässt er sich nicht ein. Was umso mehr verwundert, als Heinz Fischer ja lange Jahre als "linker Ideologe" der Partei galt, der das Gesamtwerk von Otto Bauer herausgegeben hat, "Rote Markierungen" verfasste und sich bei jeder Programmdiskussion als "Linker" profilierte.

Kein Auftritt im Konzerthaus

Einblicke in sein Privatleben lässt Fischer ebenso wenig zu wie Einblicke in seine gegenwärtige "ideologische" Befindlichkeit. Eine der wenigen privaten Anekdoten betrifft den 80. Geburtstag von Gerhard Bronner. Der Jubilar wünschte sich für sein Geburtstagsfest im Konzerthaus, dass Heinz Fischer den "G'schupften Ferdl" singt, was er schon einmal in privatem Kreis getan hatte. Aber Fischer wagte den Sprung auf die Bühne nicht. So erfahren wir aus "Wende Zeiten" kaum Neues über die personellen Fragen der SPÖ oder den Kurs der Opposition, aber immerhin wissen wir seit diesem Buch, dass Heinz Fischer - wer hätte das gedacht - den "G'schupften Ferdl" singen kann.

Gegen Wende-Hysteriker

Natürlich schreibt Heinz Fischer aber auch viele grundvernünftige, sympathische Passagen. So wenn er sich zu Karl Poppers kritischem Rationalismus bekennt und ihn als "Einstellung" definiert, "die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden". Oder wenn er sehr dezidiert gegen die Wende-Hysteriker auftritt und mit seinem Buch zu einer "entspannteren Sicht der Dinge" beitragen will. Mit solchen Aussagen erweist er sich als "Elder Statesman", der über den Parteipolitiker längst hinausgewachsen ist.

So bleibt, bei aller Kritik an manchen allzu vordergründigen Beschreibungen der letzten vier Jahre österreichischer Politik, das Bild eines Politikers, dessen Plädoyer für einen Grundkonsens in den großen gesellschaftlichen Fragen und für notwendiges Augenmaß in der Politik von allen Vernünftigen im Land zu unterstützen ist.

WENDE ZEITEN

Ein österreichischer Zwischenbefund

Von Heinz Fischer

Kremayr&Scheriau, Wien 2003,

geb., 320 Seiten, 40 Abb., e 25,-

Februar 2000 - die schwarz-blaue Regierung wird angelobt und Heinz Fischer schreibt minutiös an seinem Tagebuch zur politischen Wende.

Wäre Heinz Fischer schon vor Jahresende zum Präsidentschaftskandidaten der SPÖ gekürt worden, seine Bilanz über die "Wende" hätte nicht ausgewogener, zurückhaltender, objektiver ausfallen können als in seinem Buch "Wende Zeiten". Böse Zungen behaupten ja, er habe auch schon den ersten Band seiner politischen Erinnerungen, "Reflexionen", im Hinblick auf seine Präsidentschaftskandidatur geschrieben, anders sei die quasi-offiziöse Darstellung und die Vermeidung aller möglichen Konflikte nicht zu verstehen.

"Wende Zeiten" schildert mit großer Akribie und protokollarischer Genauigkeit die Abläufe, die zur Bildung der schwarz-blauen Koalition geführt haben. Tag für Tag werden Telefonate, Gespräche, Besuche, Mittagessen registriert, Termine, die er offenkundig als ordentlicher Buch-Halter in seinem Tagebuch verzeichnet hat. Den Zeitgeschichtlern liefert der seit 1962 im Parlament Beschäftigte ohne Zweifel wichtige Daten.

Bei Hintergründen verhalten

Bei Analysen und Hintergründen bleibt Heinz Fischer merkwürdig verhalten. So vermisst man vor allem eine genauere Analyse der Entwicklung seiner Partei, die seit 1983 bei allen Wahlen - mit der Ausnahme von 1995 - Stimmen verloren hat. Man vermisst aber auch Hintergründe wie den Wandel des gesellschaftlichen Klimas im Land, die Veränderungen der Medienlandschaft, die Auswirkungen der Globalisierung auf Österreichs Wirtschaft, die Folgen des Jahres 1989 für die Sozialdemokratie, das Phänomen der offenen Grenzen und der Zuwanderung. Kein Wort verliert Heinz Fischer über die möglichen Ursachen für den Aufstieg der Haider-Partei zur zweitstärksten Partei im Jahr 1999, kein Wort auch über die internen Fraktionen und Bruchlinien der ÖVP, in der schon seit längerem das Unbehagen an der Großen Koalition gewachsen war. Politik im gesellschaftsleeren Raum sozusagen.

Schüssels Überraschungen

Wer das soziale Umfeld so ausklammert wie Heinz Fischer, dem gerät Politik zum Spiel einiger mehr oder weniger routinierter Akteure, deren Motivationen im Dunklen bleiben. Diese Sicht der Politik mag auch eine Erklärung dafür sein, dass Fischer in keiner Sekunde die Möglichkeit einer schwarz-blauen Koalition in Betracht gezogen hat und von Wolfgang Schüssels Verhandlungstricks von einem Mal zum andern überrascht wurde.

Auch wenn man von Fischer kein Enthüllungsbuch erwartet, fragt man sich doch immer wieder, warum ein so erfahrener und so informierter Politiker wie der stellvertretende Vorsitzende der SPÖ sich bei Schlüsselfragen der innenpolitischen Entwicklung verschweigt und in eine Beschreibung der Äußerlichkeiten flüchtet bzw. sich auf "notwendige Vertraulichkeit" beruft. So werden der Rücktritt Viktor Klimas vom Parteivorsitz und die Wahl Alfred Gusenbauers von Fischer berichtet, als ob die SPÖ keine Alternativen gehabt hätte. Dass Karl Schlögl eine Zeit als Kandidat gehandelt wurde, kommt ebenso wenig vor wie die Frage, warum Fischer nie selbst den Parteivorsitz übernommen hat.

Das Wahlergebnis vom 24. November 2003, ein innenpolitisches Erdbeben, das die ÖVP von 27 auf 42 Prozent schnellen ließ und die SPÖ nach dreißig Jahren auf den zweiten Platz zurückwarf, wird von Fischer nur als "enttäuschend" qualifiziert. Statt die zwingende Frage zu stellen, was die SPÖ in der Opposition falsch gemacht habe, liefert Fischer ausführliche Lobes- und Loyalitätserklärungen an Alfred Gusenbauer ab. Lob für alle Parteifreunde ist eines der Markenzeichen Fischers, was vermutlich sein langes Überleben in der Politik erklärt; Gusenbauer ist immerhin der sechste SPÖ-Vorsitzende, den Fischer - rekordverdächtig - überlebt.

Kein "Champagnisierer"

Informativer als die innerparteilichen Berichte sind Fischers ausführliche Erklärungen zu den "EU-Sanktionen". Glaubwürdig schildert er seine und Gusenbauers Bemühungen um deren Aufhebung, was ihm nebenbei Gelegenheit gibt, seine zahlreichen Kontakte mit ausländischen Staatsmännern positiv zu erwähnen. Häufig zitiert er seine Treffen mit europäischen Sozialdemokraten, wobei er auch hier seine Sympathien gleichmäßig zwischen "Reformern" und "Traditionalisten" verteilt. Der "dritte Weg" Tony Blairs wird ebenso wenig kommentiert wie die Politik der französischen Sozialisten. Ansatzweise kritisiert Fischer zwar die Position Blairs im Irakkrieg, auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zunehmend umstrittenen Weg von "New Labour" lässt er sich nicht ein. Was umso mehr verwundert, als Heinz Fischer ja lange Jahre als "linker Ideologe" der Partei galt, der das Gesamtwerk von Otto Bauer herausgegeben hat, "Rote Markierungen" verfasste und sich bei jeder Programmdiskussion als "Linker" profilierte.

Kein Auftritt im Konzerthaus

Einblicke in sein Privatleben lässt Fischer ebenso wenig zu wie Einblicke in seine gegenwärtige "ideologische" Befindlichkeit. Eine der wenigen privaten Anekdoten betrifft den 80. Geburtstag von Gerhard Bronner. Der Jubilar wünschte sich für sein Geburtstagsfest im Konzerthaus, dass Heinz Fischer den "G'schupften Ferdl" singt, was er schon einmal in privatem Kreis getan hatte. Aber Fischer wagte den Sprung auf die Bühne nicht. So erfahren wir aus "Wende Zeiten" kaum Neues über die personellen Fragen der SPÖ oder den Kurs der Opposition, aber immerhin wissen wir seit diesem Buch, dass Heinz Fischer - wer hätte das gedacht - den "G'schupften Ferdl" singen kann.

Gegen Wende-Hysteriker

Natürlich schreibt Heinz Fischer aber auch viele grundvernünftige, sympathische Passagen. So wenn er sich zu Karl Poppers kritischem Rationalismus bekennt und ihn als "Einstellung" definiert, "die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden". Oder wenn er sehr dezidiert gegen die Wende-Hysteriker auftritt und mit seinem Buch zu einer "entspannteren Sicht der Dinge" beitragen will. Mit solchen Aussagen erweist er sich als "Elder Statesman", der über den Parteipolitiker längst hinausgewachsen ist.

So bleibt, bei aller Kritik an manchen allzu vordergründigen Beschreibungen der letzten vier Jahre österreichischer Politik, das Bild eines Politikers, dessen Plädoyer für einen Grundkonsens in den großen gesellschaftlichen Fragen und für notwendiges Augenmaß in der Politik von allen Vernünftigen im Land zu unterstützen ist.

WENDE ZEITEN

Ein österreichischer Zwischenbefund

Von Heinz Fischer

Kremayr&Scheriau, Wien 2003,

geb., 320 Seiten, 40 Abb., e 25,-