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"Wer Helden sucht, wird Zivilcourage finden!"

Der deutsche Friedenspädagoge Helmut Jaskolski zum schal gewordenen Heldenbegriff und dem Mut, anders zu sein.

Helden sind ein Thema beim Nachbarn Deutschland: Bundespräsident Horst Köhler ruft die deutsche Jugend auf, unter der Vorgabe "Helden: verehrt, verkannt, vergessen" nach den historischen Spuren bekannter und unentdeckter Helden zu suchen. 250.000 Euro Geld- und Sachpreise sollen diese Suche beflügeln.

Die Furche: Herr Jaskolski, Ihr Bundespräsident lässt nach Heldinnen und Helden suchen - wer, glauben Sie, wird gefunden werden?

Helmut Jaskolski: Ich denke, wer sich heute auf die Suche nach Heldinnen und Helden macht, wird Menschen finden, die sich durch besondere Zivilcourage im täglichen Leben auszeichnen.

Die Furche: Zivilcourage geht auch leichter über die Lippen als Held …

Jaskolski: Ja, uns ist das Heldentum durch die Nationalsozialisten endgültig vergangen; obwohl der Begriff in Deutschland eigentlich schon in der Kaiserzeit schal geworden ist - weil einfach zuviel Schindluder damit getrieben wurde.

Die Furche: Trotzdem wird in Ihrer Heimat wieder darüber diskutiert, das "Eiserne Kreuz" an tapfere Bundeswehrsoldaten zu verleihen.

Jaskolski: Das Soldatentum hängt im Gegensatz zu dem, wie es immer dargestellt wird, nicht unbedingt mit Heldentum zusammen. Und die Beschränkung des Heldentums auf den Mann ist ebenfalls ein Unsinn. Wenn sich der lateinische Begriff virtus /Tapferkeit von vir / Mann ableitet, ist das ein patriarchalischer Zugang, der nicht stimmt. Heute muss man Tapferkeit so definieren, dass Frauen daran partizipieren können.

Die Furche: Dann definieren Sie bitte Tapferkeit!

Jaskolski: Für Aristoteles sind alle Tugenden zwischen zwei Extremen die Mitte. Die Kardinalstugend der Tapferkeit liegt zwischen der Feigheit auf der einen und der Tollkühnheit auf der anderen Seite.

Die Furche: Nicht feig, nicht tollkühn - gilt das auch für Zivilcourage?

Jaskolski: Zivilcourage ist auf jeden Fall eine charakterliche Disposition, die notwendig ist, um Ungerechtigkeiten wahrzunehmen, dagegen anzugehen und gerecht zu handeln. Es gibt viele Menschen, die das mit der größten Selbstverständlichkeit tun. Ich kenne einen pensionierten Filmemacher, der hilft regelmäßig Leuten in der Straßenbahn, die unverschämt oder niederträchtig angepöbelt werden. Der würde sich nie als Held betrachten. Und die Mehrzahl der Deutschen, die in der NS-Zeit ihren jüdischen Mitbürgern halfen, machten das ja auch nicht aus Heldenmut oder Tapferkeit, sondern weil sich das in ihren Augen einfach so gehört hat, weil es für sie eine Selbstverständlichkeit war.

Die Furche: Andererseits hat es in dieser Zeit mehr Deutsche und Österreicher gegeben, die ihre jüdischen Nachbarn denunziert und sehr schnell und sehr gerne vergessen haben. Ist Heldentum also eine Frage der jeweiligen Zeit und der in dieser Zeit vorherrschenden Anschauung?

Jaskolski: Ganz klar, in der NS-Zeit haben jene, die Juden geholfen haben, als Staatsverräter gegolten und nicht als Helden, als die wir sie heute sehen.

Die Furche: Was ist aber dann heldenhaft für alle Zeiten?

Jaskolski: Es gibt den Grundkonsens, dass es Menschenrechte gibt und dass es notwendig ist, für die Durchsetzung der Menschenrechte einzutreten. Darin drückt sich eine universelle Moral aus. Die Leute, die sich diese Moral trotz Propaganda jeder Art bewahren und gegen Unrecht auftreten, zeigen Zivilcourage, sind Helden.

Die Furche: Kann man Zivilcourage lehren und lernen?

Jaskolski: Ja, wobei der Lernprozess zuerst in der Kinderstube zu suchen ist. Wenn das Milieu und die Atmosphäre stimmt, bilden sich Menschen heran, die bereit sind, für andere einzustehen. Aber man kann und muss Zivilcourage auch ständig üben.

Die Furche: Heißt das, man kann sich selbst zum Helden schulen?

Jaskolski: Es ist wichtig zu wissen, wie man in einer brenzligen Situation reagiert. Und es gibt Übungen, um in Grenzsituationen ruhig und sicher zu bleiben.

Die Furche: Was verhindert denn zivilcouragiertes Auftreten?

Jaskolski: Der normale Gegner der Zivilcourage im Alltag ist keine übermächtige Regierung und kein betrieblicher Vorgesetzter, sondern einfach das als Norm verinnerlichte Mehrheitsverhalten. Der Tod der Zivilcourage ist, so zu sein wie alle anderen: unauffällig, angepasst, konform …

Die Furche: Leidet unsere Gesellschaft deswegen bereits an einem Mangel an Zivilcourage?

Jaskolski: Zivilcourage ist sicher eine seltene Tugend, auch wenn sie die Bürgertugend schlechthin sein soll. Doch ohne Zivilcourage gibt es keine Zivilgesellschaft. Es muss immer Menschen geben, die für andere einstehen.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich

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