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"Wer mir Schmerzen zufügte, ging frei"

Am Montag dieser Woche ist ein österreichischer Falun-Gong-Anhänger in China verhaftet worden. Beim täglichen morgendlichen Kontrollanruf, berichtete Falun-Gong-Pressesprecher Martin Schrott gegenüber der furche, sei das Gespräch plötzlich unterbrochen worden. Schrott konnte nur mehr erfahren, dass sich der Österreicher auf einer Polizeistation in Changchun befindet. Außenministerium und Konsulat wurden eingeschaltet. Bis Redaktionsschluss lag aber noch keine Bestätigung von chinesischer Seite vor.

Der Österreicher wollte am 10. Jahrestag der Gründung der Falun-Gong-Bewegung in der nordostchinesischen Stadt Flugzettel verteilen, um auf die Verfolgung von Falun-Gong-Anhängern in China aufmerksam zu machen. Mit dem gleichen Ziel ist die chinesisch-australische Künstlerin Cui-Ying Zhang vor zwei Jahren von ihrer Wahlheimat Australien nach China aufgebrochen. Haft und Folter folgten. Im furche-Gespräch erzählt die anerkannte Malerin über ihr Martyrium.

die furche: Mit welchem Ziel sind Sie von Australien nach China gereist?

cui-ying zhang: 1999, sieben Jahre nach der Gründung von Falun Gong befahl der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin die Niederschlagung dieser Meditationsbewegung. Ich sah, dass unzählige meiner Landsleute ohne gesetzliche Grundlage unmenschlich verfolgt wurden. Da konnte ich nicht anders, als in meine Heimat zurückzukehren. Ich wollte den Behörden von meinen eigenen Erfahrungen berichten und ihnen sagen, dass die Niederschlagung von Falun Gong ein großer Fehler sei.

die furche: Sie haben also für die Falun Gong Bewegung geworben?

zhang: Ich habe nicht offiziell Werbung betrieben. Ich war in Peking und habe dort in der Öffentlichkeit die Körperübungen praktiziert. Als ich schließlich noch eine Petition einreichen wollte, wurde ich verhaftet und acht Monate lang in vier verschiedenen Gefängnissen eingesperrt und körperlich und geistig gefoltert.

die furche: Können Sie die Foltermethoden näher beschreiben ...

zhang: Am ganzen Körper wurde ich geschlagen, so sehr, dass ich mich oft vor lauter Schmerzen nicht mehr zum Schlafen niederlegen konnte. Außerdem wurde ich gezwungen, mit Falun Gong aufzuhören. Ich habe aber weiter an den Prinzipien festgehalten, obwohl man mir deswegen wiederholt den Tod angedroht hat. Trotz der Fußfesseln versuchte ich täglich, die Übungen zu praktizieren.

Am Schlimmsten war es, als ich in das Männergefängnis überstellt und gemeinsam mit einem Geisteskranken in eine Zelle gesperrt wurde. Nach kurzer Zeit war der winzige Raum voller Kot und Urin, sodass es einem der Atem stockte. Wenn ich versuchte, dem Mann auf die Toilette zu helfen, wurde er rasend vor Wut und hat mich geschlagen. Die ganze Zeit habe ich auf dem Boden schlafen müssen, ganz knapp neben der Toilette, neben dem Gestank.

Mein Essen bekam ich von den anderen Gefangenen. Ich war abhängig von dem, was sie mir von ihren kleinen Portionen abgaben. Den gemeinsamen Trinkbecher in der Zelle durfte ich nie berühren. Ich war also darauf angewiesen, dass mir meine Mitgefangenen Wasser einflößten. Andere Gefangene wiederum, die mich misshandelten, wurden oft von den Gefängniswärtern belohnt. Das ging soweit, dass sie früher freigelassen wurden, nachdem sie mir Schmerzen zugefügt hatten. Über sieben Monate lang wurde mir jeder Gang in den Hof verwehrt, und ich musste in der dunklen Zelle bleiben.

die furche: Waren noch weitere Falun-Gong-Anhänger mit Ihnen eingesperrt?

zhang: Am Anfang waren wir zu zweit. Die andere Falun-Gong-Anhängerin wurde aber nach einem Monat wieder frei gelassen. Aber Jiang Zemin kennt meinen Namen und meine Kunst - die harte Bestrafung geht sicher auf diesen Umstand zurück. Jede Woche gab es Artikel über mich und meine Bilder in verschiedenen Zeitungen im ganzen Land. Meine Bilder hängen als Gastgeschenke im Kreml, aber auch in vielen anderen europäischen Regierungsgebäuden beziehungsweise Königshäusern.

die furche: Wie ist es schließlich zu Ihrer Freilassung gekommen?

zhang: Meine Mitgefangene war es, die nach ihrer Freilassung meine Familie in Australien über meinen Aufenthaltsort und mein Schicksal informiert hat. Nur durch ihre Informationen konnten die nötigen Schritte unternommen werden, konnte der gezielte Protest beginnen, der schließlich zu meiner Freilassung geführt hat. Mit dem Bericht meiner Mitgefangenen konnte mein Mann im australischen Außenministerium meinen Aufenthaltsort beweisen. Daraufhin schalteten sich die offiziellen Stellen ein. Und am 4. November 2000 bin ich schließlich in die Freiheit entlassen und nach Australien überstellt worden.

die furche: Glauben Sie, dass der Widerstand der Falun-Gong-Anhänger, man spricht von immerhin 70 Millionen in China, angesichts der Repressalien des Regimes wachsen wird?

zhang: Wir machen keinen Widerstand. Wir wollen nur erreichen, wieder in der Öffentlichkeit unsere Übungen machen zu können. Das ist ein grundlegendes Menschenrecht.

die furche: Eine Fernsehstation zu besetzen und eigene Programme zu senden, fällt für mich unter den Begriff "Widerstand" - und genau das haben Falun-Gong-Anhänger getan.

zhang: Die chinesische Regierung verbreitet Gerüchte und Lügen über Falun Gong. Es wird behauptet, wir Mitglieder würden zur Selbstverbrennung angestiftet. Das stimmt nicht und die Falun-Gong-Aktivisten wollten mit der Besetzung des Fernsehstudios und der Ausstrahlung von verschiedenen Videos nur die Bevölkerung über die Wahrheit informieren.

die furche: Auch im Westen ist Falun Gong nicht unumstritten. Besonders die Fixierung auf die als allmächtig verehrte Gründerperson wird der Bewegung angekreidet.

zhang: Wir glauben an die Prinzipien: Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht. Li Hongzhi der Begründer hat selber gesagt, nicht ihm, sondern den Prinzipien gebührt Verehrung. Wir, die wirklich Praktizierenden, haben diesen Personenkult auch nie betrieben. Mein Leben wurde durch Falun Gong gerettet. Natürlich bin ich Li Hongzhi in gewisser Weise dankbar für seine Lehre. Das ist aber in keiner Weise mit Gottesverehrung gleichzusetzen.

die furche: Warum hat Falun Gong ihr Leben gerettet?

zhang: Bevor ich Falung Gong kennen gelernt habe, litt ich an starker Arthritis. Ohne fremde Hilfe konnte ich kaum noch essen und trinken. Nach einhelliger Meinung der Ärzte würde ich nie wieder zeichnen können. Malen ist aber mein Leben. Ohne meine Kunst war ich tot. In dieser Phase haben ich und mein Mann Falung Gong kennengelernt. Als ich mit den Übungen begann, ereignete sich Unglaubliches. Meine Arthritis verschwand nach kurzer Zeit völlig. Ich konnte wieder malen, noch dazu schöner als je zuvor.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Mehr zu Hintergrund, Programm, Absichten und Verfolgung von Falun Gong können Sie im Beitrag "Der Feind gleicht dem Regime" in der furche Nr. 11/2002 nachlesen.

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