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Politik

Wider das zeithistorische Deutungsmonopol

1945 1960 1980 2000 2020

Die Historikerin und Publizistin Gudula Walterskirchen versucht in ihrem Buch über "Die blinden Flecken der Geschichte" die gängigen Einseitigkeiten in der Betrachtung der Zwischenkriegszeit aufzubrechen und lässt dabei manches in gänzlich neuem Licht erscheinen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Historikerin und Publizistin Gudula Walterskirchen versucht in ihrem Buch über "Die blinden Flecken der Geschichte" die gängigen Einseitigkeiten in der Betrachtung der Zwischenkriegszeit aufzubrechen und lässt dabei manches in gänzlich neuem Licht erscheinen.

Der Autorin ist bewusst, dass sie sich auf vermintes Gelände begibt. Kaum ein zeitgeschichtliches Thema ist in Österreich so sehr ideologisch aufgeladen wie die Zwischenkriegszeit. Nach wie vor speisen sich die Narrative der beiden einst großen, nach wie vor aber jedenfalls die Regierung bildenden Parteien aus jenen Jahren. Besondere Bedeutung kommt dabei naturgemäß der Zeitspanne von 1927, dem Jahr der Zusammenstöße von Schattendorf, des anschließenden Prozesses und des Justizpalastbrandes als dessen Folge, bis zum "Anschluss" 1938 zu.

Gleich eingangs zitiert Gudula Walterskirchen den deutschen Historiker Michael Stürmer: "dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet". Das wurde zwar bereits 1986 geschrieben, gilt aber unvermindert - und es gilt gerade auch für die österreichische polithistorische Debatte. Es geht um Deutungshoheit -und die verliert nicht durch zeitliche Entfernung vom Geschehen an Relevanz und auch nicht durch schwindendes historisches Wissen bzw. Bewusstsein, eher im Gegenteil. Diese Deutungshoheit beansprucht hierzulande freilich seit jeher mit einigem Erfolg die Linke. Dies zeigt sich im Begriff des "Austrofaschismus" ebenso wie in der Rede von der Zeit "zwischen 1933 und 1945", die beide eine Kontinuität zwischen Ständestaat und NS-Diktatur insinuieren und damit tendenziell die Unterschiede nivellieren.

Wie sehr das auch in aktuelle innnenpolitische Auseinandersetzungen hineinspielt, konnte man insbesondere zu Zeiten der ÖVP-FPÖ-Regierung 2000 bis 2007 sehen. Manchem der Kritiker galt da als der eigentliche Feind nicht Jörg Haider und seine FPÖ sondern der quasi als Erbe Dollfuß' apostrophierte Kanzler und VP-Chef Wolfgang Schüssel.

Für den Sozialismus, nicht die Demokratie

In diesem Zusammenhang ist eine Erkenntnis, die Walterkirchen in ihrem Buch präsentiert, von besonderem Interesse: "dass die Nationalsozialisten von Deutschland aus die Unruhen im Februar 1934 nicht nur ausnützen wollten, um zu intervenieren, sondern diese aktiv durch Agents provocateurs herbeiführten". Der sozialdemokratische Schutzbund sei "von Nationalsozialisten unterwandert und instrumentalisiert", somit "eine Manipulation des Schutzbundes zum Zwecke eines NS-gelenkten Putsches leicht möglich, ja sogar naheliegend" gewesen, so die Autorin. Die hier erstmals in dieser Weise dargestellte Rolle der Nazis bei den Febuarkämpfen wirft jedenfalls ein neues Licht auf dieses düstere Kapitel österreichischer Zeitgeschichte.

Obsolet ist auch die Ansicht, wonach die Sozialdemokratie bzw. der Schutzbund unter seinem Anführer Richard Bernaschek gegen die Diktatur für die Demokratie gekämpft habe: "Nicht im Kampfe um die Demokratie, sondern im Kampfe um den Sozialismus werden wir die entschlossenste Gefolgschaft [ ] finden"(Bernaschek).

Fehl geht indes, wer meint, die Historikerin Walterskirchen drehe gewissermaßen nur den Spieß um und stelle undifferenziert die Sozialdemokratie an den Pranger. Davon kann keine Rede sein. Mehrfach betont sie, dass es keine abschließende Beurteilung der Geschichte geben könne, dass niemand ein Monopol auf Deutungshoheit beanspruchen dürfe. Sehr kritisch beurteilt sie etwa - das sei gerade in dieser Zeitung vermerkt - das publizistische Agieren der christlichsozialen Reichspost unter ihrem Chefredakteur Friedrich Funder. Und selbstverständlich steht ihr jegliche undifferenzierte Exkulpierung von Dollfuß fern.

Was Gudula Walterskirchen jedoch mit diesem Buch -einmal mehr -unternimmt, ist das lobenswerte Unterfangen, die herrschenden Einseitigkeiten des immer wieder parteipolitisch instrumentalisierten zeitgeschichtlichen Diskurses aufzubrechen und Schattierungen anzubringen, welche die nach wie vor dominierende Schwarz-Weiß-Zeichnung unterlaufen. Dass die (Austro-)Faschismuskeule bei Bedarf wieder geschwungen werden wird, dürfte sich dennoch nicht vermeiden lassen.

Die blinden Flecken der Geschichte Österreich 1927-1938 Von Gudula Walterskirchen Kremayr &Scheriau, Wien 2017 223 Seiten, € 22,90

Der Autorin ist bewusst, dass sie sich auf vermintes Gelände begibt. Kaum ein zeitgeschichtliches Thema ist in Österreich so sehr ideologisch aufgeladen wie die Zwischenkriegszeit. Nach wie vor speisen sich die Narrative der beiden einst großen, nach wie vor aber jedenfalls die Regierung bildenden Parteien aus jenen Jahren. Besondere Bedeutung kommt dabei naturgemäß der Zeitspanne von 1927, dem Jahr der Zusammenstöße von Schattendorf, des anschließenden Prozesses und des Justizpalastbrandes als dessen Folge, bis zum "Anschluss" 1938 zu.

Gleich eingangs zitiert Gudula Walterskirchen den deutschen Historiker Michael Stürmer: "dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet". Das wurde zwar bereits 1986 geschrieben, gilt aber unvermindert - und es gilt gerade auch für die österreichische polithistorische Debatte. Es geht um Deutungshoheit -und die verliert nicht durch zeitliche Entfernung vom Geschehen an Relevanz und auch nicht durch schwindendes historisches Wissen bzw. Bewusstsein, eher im Gegenteil. Diese Deutungshoheit beansprucht hierzulande freilich seit jeher mit einigem Erfolg die Linke. Dies zeigt sich im Begriff des "Austrofaschismus" ebenso wie in der Rede von der Zeit "zwischen 1933 und 1945", die beide eine Kontinuität zwischen Ständestaat und NS-Diktatur insinuieren und damit tendenziell die Unterschiede nivellieren.

Wie sehr das auch in aktuelle innnenpolitische Auseinandersetzungen hineinspielt, konnte man insbesondere zu Zeiten der ÖVP-FPÖ-Regierung 2000 bis 2007 sehen. Manchem der Kritiker galt da als der eigentliche Feind nicht Jörg Haider und seine FPÖ sondern der quasi als Erbe Dollfuß' apostrophierte Kanzler und VP-Chef Wolfgang Schüssel.

Für den Sozialismus, nicht die Demokratie

In diesem Zusammenhang ist eine Erkenntnis, die Walterkirchen in ihrem Buch präsentiert, von besonderem Interesse: "dass die Nationalsozialisten von Deutschland aus die Unruhen im Februar 1934 nicht nur ausnützen wollten, um zu intervenieren, sondern diese aktiv durch Agents provocateurs herbeiführten". Der sozialdemokratische Schutzbund sei "von Nationalsozialisten unterwandert und instrumentalisiert", somit "eine Manipulation des Schutzbundes zum Zwecke eines NS-gelenkten Putsches leicht möglich, ja sogar naheliegend" gewesen, so die Autorin. Die hier erstmals in dieser Weise dargestellte Rolle der Nazis bei den Febuarkämpfen wirft jedenfalls ein neues Licht auf dieses düstere Kapitel österreichischer Zeitgeschichte.

Obsolet ist auch die Ansicht, wonach die Sozialdemokratie bzw. der Schutzbund unter seinem Anführer Richard Bernaschek gegen die Diktatur für die Demokratie gekämpft habe: "Nicht im Kampfe um die Demokratie, sondern im Kampfe um den Sozialismus werden wir die entschlossenste Gefolgschaft [ ] finden"(Bernaschek).

Fehl geht indes, wer meint, die Historikerin Walterskirchen drehe gewissermaßen nur den Spieß um und stelle undifferenziert die Sozialdemokratie an den Pranger. Davon kann keine Rede sein. Mehrfach betont sie, dass es keine abschließende Beurteilung der Geschichte geben könne, dass niemand ein Monopol auf Deutungshoheit beanspruchen dürfe. Sehr kritisch beurteilt sie etwa - das sei gerade in dieser Zeitung vermerkt - das publizistische Agieren der christlichsozialen Reichspost unter ihrem Chefredakteur Friedrich Funder. Und selbstverständlich steht ihr jegliche undifferenzierte Exkulpierung von Dollfuß fern.

Was Gudula Walterskirchen jedoch mit diesem Buch -einmal mehr -unternimmt, ist das lobenswerte Unterfangen, die herrschenden Einseitigkeiten des immer wieder parteipolitisch instrumentalisierten zeitgeschichtlichen Diskurses aufzubrechen und Schattierungen anzubringen, welche die nach wie vor dominierende Schwarz-Weiß-Zeichnung unterlaufen. Dass die (Austro-)Faschismuskeule bei Bedarf wieder geschwungen werden wird, dürfte sich dennoch nicht vermeiden lassen.

Die blinden Flecken der Geschichte Österreich 1927-1938 Von Gudula Walterskirchen Kremayr &Scheriau, Wien 2017 223 Seiten, € 22,90