Paneuropäisches Picknick - © APA / Ungarisches Tourismusamt
Politik

Wie der Eiserne Vorhang fiel

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 30 Jahren leitete das „Paneuropäische Picknick“ das Ende der Teilung zwischen Ost und West ein. Besuch bei Zeitzeugen von dies- und jenseits der damaligen Grenze.

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Vor 30 Jahren leitete das „Paneuropäische Picknick“ das Ende der Teilung zwischen Ost und West ein. Besuch bei Zeitzeugen von dies- und jenseits der damaligen Grenze.

Das Ehepaar Grunert aus Kemberg bei Wittenberg im Bundesland Sachsen-Anhalt kommt immer gern nach Mörbisch. Da begann für den Zahnarzt Bernd Grunert, seine Frau Marlies und die kleinen Töchter Christiane und Susanne vor 30 Jahren ein neues Leben. Am Küchentisch von Berthilde Kanitsch stöbern sie durch alte Fotos und Zeitungsausschnitte und tauschen Erinnerungen aus. „Mein Mann hat immer wieder Flüchtlinge über die Grenze gebracht. Im August ’89 hatte ich 28 Personen im Haus mit Kindern und Erwachsenen“, sagt Berthilde Kanitsch, die damals als Putzfrau im Gemeindekindergarten ihr Geld verdiente. Drei Tage lang fütterte sie die DDR-Bürger durch, ließ sie duschen und Freunde in Westdeutschland anrufen. Die Grunerts waren überwältigt von der Gastfreundschaft.

Räuber-und-Gendarm-Spiel

Wo heute ein beliebter Radwanderweg entlang des Neusiedlersees verläuft, trennte damals der Eiserne Vorhang das ungarische Fertörákos (Kroisbach) von Mörbisch. Von Fertörákos sind es noch knapp zehn Kilometer bis Sopron (Ödenburg), wo der Campingplatz im August 1989 zunehmend von Urlaubern aus der DDR besiedelt war. In Ostdeutschland hatte sich nämlich herumgesprochen, dass große Teile des Eisernen Vorhangs bereits demontiert waren und die Bewachung der jahrzehntelang hermetisch abgeschotteten Grenze zwischen dem kommunistischen Osten und dem kapitalistischen Westen nachlässiger wurde.

Der damals 40-jährige Installateur Martin Kanitsch hatte schon wochenlang beobachtet, dass DDR-Bürger über die Grenze kamen. Österreicher durften damals bereits visafrei nach Ungarn, so war es für ihn ein Leichtes, hinüberzufahren und potenzielle Flüchtlinge anzusprechen. Er stattete sie mit Kompassen und Informationen über die besten Fluchtrouten aus, erzählt Berthilde Kanitsch von ihrem Mann, der 2008 an Herzversagen starb. Martin Kanitsch war auch der erste Österreicher, den die Grunerts auf ihrer Flucht trafen. „Ihr könnt euch Zeit lassen, ihr seid in Sicherheit“, habe er der durch das Dickicht irrenden Gruppe zugerufen, erinnert sich Marlies Grunert. Sehen konnten sie einander wegen des dichten Gestrüpps nicht. Wenig später fanden sie sich mit fast 50 Landsleuten im Wohnzimmer der Kanitschs, aßen frisch panierte Schnitzel und pros­teten mit burgenländischem Wein auf die Zukunft in Freiheit. „Man muss sich von allen materiellen Dingen trennen“, sagt Marlies Grunert, die nicht einmal ihre Eltern in die Fluchtpläne eingeweiht hatte. Fotoalben und ein paar Wertgegenstände versteckten sie am Heuboden der Eltern. Den Wartburg, ein Luxusfahrzeug, für das man in der DDR viele Jahre auf Wartelisten verbringen musste, ließen sie an der Grenze stehen. Den Schlüssel ließ Bernd Grunert stecken.

Karl Kanitsch, der jüngere Bruder von Martin, der im Landesstudio Burgenland des ORF die Frühschicht ableistete und ab Mittag frei hatte, erinnert sich an ein „Räuber-und Gendarm-Spiel mit den ungarischen Grenzern“. Seine schwangere Frau und andere Frauen aus dem Ort waren mit Kuchen und Bacardi-Cola unterwegs, um die Soldaten zu umgarnen: „Das waren junge Burschen, die man mit einer Zigarette ablenken konnte.“ Währenddessen waren die Männer unterwegs, um die DDR-Flüchtlinge durch die Löcher im Zaun zu schleusen. „Dabei haben wir ungarisches Staatseigentum beschädigt“, sagt Karl Kanitsch schelmisch grinsend. Im Wald stellten sie Schilder auf „Da geht es nach Österreich“ und „Sie sind in Österreich. Keine Gefahr mehr. Wir helfen!“

‚Ihr könnt Euch Zeit lassen, Ihr seid in Sicherheit‘, rief er der durch das Dickicht irrenden Gruppe zu.

Was inzwischen politisch zwischen Debrecen, Budapest und Sopron auf der ungarischen Seite ablief, war den rührigen Fluchthelfern in Mörbisch unbekannt. Ab 1987 waren dort Oppositionsparteien entstanden, die mit der regierenden Sozialistischen Einheitspartei an einem Runden Tisch eine Öffnung des Regimes diskutierten. Im März hatte man begonnen, den Eisernen Vorhang zu demontieren, am 2. Mai 1989 machte Ungarns Regierung die Entscheidung öffentlich. Anlass waren ökonomische Gründe. Der Zaun war alt geworden, immer wieder wurde durch Wildwechsel oder selbst stärkeren Wind falscher Alarm ausgelöst. Und Moskau war weder imstande noch willens, einen neuen Zaun zu liefern. Der hätte für teure Devisen in Frankreich gekauft werden müssen. Also entschloss man sich zum Abbau und der in der Sowjetunion regierende Reformpolitiker Michail Gorbatschow gab grünes Licht.

Noch bevor Österreichs Außenminis­ter Alois Mock mit seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn diesen historischen Schritt am 26. Juni fotogen nachvollzog, wurde in der ostungarischen Stadt Debrecen eine Idee geboren. Nach einem Vortrag des Kaisersohns Otto Habsburg schlugen Mitglieder des Demokratischen Ungarischen Forums (MDF) vor, die Entfernung der Grenzen zu beschleunigen. Ihnen schwebte ein Picknick vor, bei dem Würstel und Speck von Ungarn und Österreichern gleichsam über die Grenze hinweg am Lagerfeuer gegrillt werden sollten. Sie wussten nicht, dass der Zaun zwei Kilometer vor der Grenze stand. Deswegen einigte man sich schließlich auf eine Wiese bei Sopronpuszta, wo der nötige Stromanschluss für die Tribüne und die Mikrofone vorhanden war. Nach einem Picknick auf der ungarischen Seite war ein Empfang im österreichischen St. Margarethen geplant, wo die Blaskapelle aufspielen sollte. Drei Stunden lang sollte für diese Begegnung ein stillgelegter Grenzübergang an der Ödenburger Straße für die österreichischen und die ungarischen Teilnehmer geöffnet werden.

„Am Ende fließt Blut“

Niemand hatte den Schlüssel für das eingerostete Vorhängeschloss am Grenzbalken, also musste es mit dem Hammer aus dem Dienstwagen aufgeschlagen werden. Der heute 78-jährige Johann Göltl, damals Chefinspektor der Zollwache, erinnert sich, als ob es gestern wäre: „Plötzlich kommt eine Horde von Reisenden, die sind da einfach durchgelaufen.“ Schnell war ihm klar, dass das nur DDR-Bürger sein konnten. Kaum über der Grenze hätten sie „Freiheit!“ geschrien. Auf der anderen Seite stand Oberstleutnant Árpád Bella mit nur fünf ungarischen Grenzsoldaten und sah sich völlig überfordert: „Das war ein Schock für uns. Statt der Delegationen kamen die Flüchtlinge. Wenn wir versucht hätten, sie aufzuhalten, hätte es leicht zur Gewalt kommen können und am Ende wäre Blut geflossen.“ Um eine Massenpanik zu verhindern, beschloss er, nichts zu tun. Schließlich hatte jeder seiner Männer eine geladene Pistole mit zehn Schuss Munition im Halfter. Über 600 Flüchtlinge waren bereits auf der anderen Seite, als ein Vorgesetzter auftauchte und Bella mit einer Anzeige wegen Befehlsverweigerung drohte. Schließlich hätten nur Österreicher und Ungarn die Grenze passieren dürfen. Zwei Tage habe er Höllenqualen gelitten: „Ich habe meine Pflicht nicht getan, deswegen bin ich schuldig.“ Seine Frau habe über das österreichische Fernsehen bereits alles gewusst, als er nach Hause kam, und bang gefragt: „Was wird mit uns passieren?“ Denn damals war noch keineswegs klar, wohin die Reise gehen würde. Bella kann sich noch allzu gut an die Repression im Gefolge des niedergeschlagenen Aufstandes von 1956 erinnern.

„Geheimaktion der Regierung“

Göltl und Bella haben sich zur Erinnerung an das historische Ereignis am alten Grenzbalken getroffen. Auf ungarischer Seite erinnert ein etwas pathetisches Denkmal namens „Umbruch“, das Menschen vor einem einstürzenden griechischen Tempel zeigt, an die bewegten Tage im Sommer von 1989. Neben dem Grenzbalken steht ein steinerner Türstock mit marmornen Türflügeln, das „Tor der Freiheit“, das für die Jubiläumsfeier am 19. August herausgeputzt wird. Ungarns Premier Viktor Orbán soll sich da mit Angela Merkel treffen.

Der Zaun war alt geworden, immer wieder wurde durch Wildwechsel oder starken Wind falscher Alarm ausgelöst. Also gab Michail Gorbatschow grünes Licht zum Abbau.

Noch heute ist der 73-jährige Árpád Bella wütend auf die damalige Regierung unter Ministerpräsident Miklós Németh. Denn er ist überzeugt, dass der Massenansturm gelenkt war: „Das war eine Geheimaktion der Regierung, die testen wollte wie Gorbatschow auf die Pläne reagiert.“ Tatsächlich hatte Németh schon im Frühjahr in Moskau angedeutet, dass man die Grenze abrüsten wolle und Gorbatschow habe nicht protestiert. Das würde auch erklären, wieso die Genehmigung für die Grenzöffnung so schnell erteilt wurde und warum viel mehr Einladungen zum Picknick, als die Veranstalter gedruckt hatten, in Umlauf waren. Selbst auf den Campingplätzen am Plattensee und vor der deutschen Botschaft in Budapest wurden sie verteilt. Bella ist entrüstet, weil er nicht informiert war und durch eine falsche Entscheidung ein Blutbad angerichtet hätte. Jahre später habe ihm Michail Gorbatschow persönlich für seinen Mut gedankt.


Beim eigentlichen Picknick bekam man zunächst gar nicht mit, was sich kaum zwei Kilometer entfernt abspielte. In St. Margarethen wartete Bürgermeister Andreas Waha mit der Blasmusik vergeblich auf die ungarische Delegation. In Sopronpuszta feierten rund 25.000 Menschen bei Grillwurst und Wein und hätten wahrscheinlich einfach weitergefeiert, wenn sie nicht ein Regenguss apokalyptischen Ausmaßes vertrieben hätte. Drei Wochen später, ab 11. September, konnten DDR-Bürger ungehindert ausreisen, weil Ungarn die Grenzkontrollen zur Gänze einstellte. Zwei Monate später fiel die Berliner Mauer.

Lesen Sie dazu das Interview mit dem Historiker Dieter Szorger.

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