Wie man Ziffern (richtig) für sich sprechen lässt

Es war eine Flut an Ziffern, die sich vergangenen Dienstag medial über Österreich ergoss. Wie jedes Jahr präsentierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Studie "Bildung auf einen Blick" ("Education at a Glance")- und auf den etwa 700 Seiten war für jeden etwas dabei: Schwarzseher konnten beklagen, dass die Akademikerquote hierzulande mit 20 Prozent nach wie vor weit unter dem OECD-Schnitt von 32 Prozent liegt; Lehrerbasher konnten monieren, dass die Pädagogen in der Sekundarstufe I jährlich um ganze 87 Stunden weniger in der Klasse stehen als ihre internationalen Kollegen; und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) konnte darauf hinweisen, dass die so genannte "Aufwärtsmobilität" in Österreich besonders bescheiden ist und es deswegen Gesamt-und Ganztagsschulen braucht: Nur je 21 Prozent der 25bis 34-jährigen Männer und Frauen, die nicht mehr in Ausbildung sind, erreichen schließlich einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. In der OECD sind es immerhin 28 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen.

Man könnte die Zahlen freilich auch ein bisschen anders lesen: Man könnte relativieren, dass das Aufsteigen in Ländern wie Korea deutlich einfacher fällt, weil das Bildungsniveau der Eltern dort von vornherein niedriger ist; dass in Österreich immerhin bereits 51 Prozent eines Jahrgangs Hochschulabschluss haben und die "Akademikerquote" weiter steigen wird, weil künftig auch HAK-und HTL-Matura zu den tertiären Abschlüssen zählen; oder dass Österreichs Lehrer auch deshalb weniger unterrichten, weil ihnen der nötige Support für Verwaltungsaufgaben fehlt. "Bei solchen Studien werden eben oft Äpfel mit Birnen verglichen", warnt folglich Österreichs oberster Lehrergewerkschafter, Paul Kimberger.

Das dazupassende Sprichwort ist altbekannt: "Trau keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast." Erich Neuwirth, emeritierter Professor für Statistik und Informatik an der Universität Wien, kann ein Lied davon singen. Er war es, der vor zehn Jahren darauf aufmerksam machte, dass der breit diskutierte Absturz Österreichs bei der PISA-Studie 2003 im Vergleich zu jener von 2000 nur die Folge eines methodischen Fehlers war. Am Ende zeigte sich, dass man sich in beiden Durchgängen auf demselben -mittelmäßigen -Niveau befand. Das ganze Messen gleich ganz zu lassen, ist für Neuwirth freilich keine Alternative. Er plädiert vielmehr für einen "sorgsamen und kritischen Umgang mit Zahlen" - ebenso wie für größtmögliche Transparenz hinsichtlich ihrer Entstehungsweise.

ewige Baustelle BiFie

Eine Transparenz, die Neuwirth gerade beim Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) und seinen Auftraggebern lange Zeit vermisst hat. Nun soll es aber besser werden, wie so Vieles an dem arg zerzausten Institut. Nach Bekanntwerden eines Lecks bei sensiblen Schülerdaten, die im Rahmen der sogenannten "Informellen Kompetenzmessung"(IKM) gesammelt worden waren, sowie nach den Pannen beim Probedurchgang für die neue Zentralmatura wurde eine neue Leitung installiert: Bis Juni 2015 werden Jürgen Horschinegg (am Standort Wien) und Claudia Schreiner (am Standort Salzburg) die Geschicke lenken. Auch eine Sicherheitsüberprüfung durch den TÜV wurde von Bildungsministerin Heinisch-Hosek veranlasst. Ende des Jahres ist mit dem Endbericht zu rechnen. Parallel dazu soll eine Lenkungsgruppe über die künftigen Strukturen nachdenken. Spätestens im Juli 2015 soll das BIFIE neu stehen.

Die über 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bis dahin freilich noch jede Menge Zahlen zu liefern: Im Frühjahr 2015 stehen die Feldtestungen für die neue PISA-Runde an, bei der im Oktober die Kompetenzen in Naturwissenschaften und Problemlösen getestet werden. Und Anfang Mai sind die Bildungsstandardtest im Fach Deutsch für knapp 80.000 Viertklässler geplant - gleichzeitig mit der zentralen schriftlichen Reifeprüfung, die heuer erstmals an allen Schulen verpflichtend ist. Politisch brisant wird nicht zuletzt die Evaluierung der "Neuen Mittelschule", die ebenfalls im Frühjahr veröffentlicht werden soll. Spätestens dann wird sich zeigen, wer die Kunst der Zahlenspielerei am besten beherrscht.

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