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Windräder rotieren für den Öko-Strom

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Im Burgenland entstehen derzeit die leistungsstärksten Windkraftwerke. Ein Lokalaugenschein an einer international gut besuchten Baustelle.

Eine eisige Brise weht über die Parndorfer Platte. Es ist ein karger Flecken Land, aber eines der windigsten Gebiete Europas. Ein idealer Standort, um Strom aus Windkraft zu erzeugen. Dutzende Windräder prägen den Panoramablick, zwei weitere werden derzeit gebaut.

"Wunderwerke der Technik“, nennt sie Michael Gerbavsits, Vorstandssprecher des Energieversorger BEWAG, Bauherr und künftiger Betreiber der neuen Anlagen. Was sie so besonders macht? Die beiden Windräder vom Typ E 126 sind mit 7,5 Megawatt die leistungs- stärksten Windkraftwerke, die es derzeit gibt. Abgesehen vom Prototyp auf dem Firmengelände des deutschen Herstellers Enercon werden hier in Potzneusiedl die weltweit ersten Exemplare des neuen Typs errichtet. Das macht die 500-Seelen-Gemeinde zu so etwas wie der Welthauptstadt der Windkraftszene.

Aller Strom aus Windkraft

Es ist noch früh am Morgen, doch die Arbeiter auf der Baustelle sind schon längst am Werk. Heute steht ein besonderer Abschnitt des Projektes auf dem Programm. Der Kran, der später Gondel, Nabe und Rotorblätter zur Montage auf die Turmspitze heben wird, soll heute aufgerichtet werden. Beim zweiten, ein paar hundert Meter entfernten Windrad steht der Kran bereits. Das pa- rallel ausgerichtete Duo erinnert an die Startrampe einer Rakete. Die Baustelle bei Potzneusiedl lockt zahlreiche Gruppen aus aller Welt ins Burgenland. Energieversorger, Kraftwerksbetreiber, interessierte Privatpersonen - alle wollen die Giganten sehen. Auch Landeshauptmann Hans Niessl (Bild) hat sich eingefunden. Für ihn ist das Prestigeprojekt auf der Parndorfer Platte Teil seines ambitionierten Vorhabens, den Strombedarf des Burgenlandes ab 2013 ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Das ist nicht unrealistisch. Schon heute erzeugt das Burgenland die Hälfte seines Strombedarfs aus Windenergie und Biomasse. Anfang des Jahrtausends waren es nur drei Prozent. "Das Burgenland will Europameister in erneuerbaren Energien werden“, verkündet Hans Niessl.

Aus der Ferne betrachtet wirken die Riesenanlagen nicht größer als herkömmliche Windräder mit zwei oder drei Megawatt Leistung. Erst direkt davor stehend erkennt man die enormen Ausmaße. Der sich nach oben hin verjüngende Turm misst 135 Meter. Fest verankert ruht er in einem Fundament aus 1400 Kubikmeter Beton und 120 Tonnen Bewehrungsstahl. Zusammen mit den jeweils 60 Meter langen Rotorblättern wird die Gesamthöhe etwa 200 Meter betragen. Jedes der beiden Kraftwerke soll im Vollbetrieb den Strombedarf von 4000 Haushalten liefern. Eine der beiden Anlagen wird vorerst der Forschung vorbehalten bleiben. Techniker von BEWAG und Enercon wollen den Betrieb so weit optimieren, dass sich die Nennleistung von 7,5 Megawatt noch steigern lässt.

Für die Windbranche hat das Mammutprojekt Symbolcharakter. Nach Jahren der Stagnation steht Österreich erstmals wieder eine Ausbauwelle an neuen Windrädern bevor. Wer eine Windkraftanlage bauen möchte, muss dafür einen Fördervertrag mit der Ökostromabwicklungsstelle OeMAG abschließen. Die Höhe der Förderung ergibt sich aus der Differenz zwischen Strommarktpreis und dem garantierten Einspeisetarif für Ökostromerzeuger (derzeit 9,7 Cent pro Kilowattstunde). Nach einem ersten Windkraftboom zwischen 2003 und 2006 wurden in den darauf folgenden vier Jahren so gut wie keine neuen Anlagen gebaut. Dafür waren zu niedrige Einspeisetarife und eine Deckelung des Fördervolumens verantwortlich. Das lange heftig umstrittene neue Ökostromgesetz soll jetzt eine Trendwende bringen.

Neue Anreize für Investitionen

Als Novum enthält es das explizite Bekenntnis, den derzeitigen Ausbaugrad der Windenergie bis 2020 zu verdreifachen, was einer Stromversorgung von etwa 1,8 Millionen Haushalten entspricht. "Das neue Ökostromgesetz 2012 bietet endlich wieder Investi- tionsanreize“, freut sich Stefan Moidl, Geschäftsführer der Branchenvertretung IG Windkraft. "Am wichtigsten ist aber, dass die aufgestauten Förderanträge der vergangen Jahre endlich abgearbeitet werden können.“ Dafür sorgt ein Sondertopf in Höhe von 80 Millionen Euro. Bauprojekte im Ausmaß von 472 Megawatt Leistung können damit realisiert werden, für weitere 150 Megawatt ist heuer noch Fördervolumen vorhanden.

Insgesamt ist der Neubau von Windkraftanlagen mit einer gesamten Leistung von rund 860 Megawatt in den nächsten drei Jahren gesichert. Diese Anlagen werden künftig den jährlichen Strombedarf von 530.000 österreichischen Haushalten decken.