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Wir alle sind fürsorgeabhängig

Am 4. Oktober wurde in Bern die "Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ eingereicht. Es ist uns Initiantinnen und Initianten mit viel phantasievoller Hilfe gelungen, innerhalb von 18 Monaten die notwendigen 100.000 Unterschriften zu sammeln. In der Schweiz wird es also in einigen Jahren eine Abstimmung darüber geben, ob die Existenz aller im Land gesichert werden soll, ohne disziplinierende Auflagen.

Die vielen Gespräche, die ich im Zuge der Unterschriftensammlung mit Vielen auf der Straße geführt habe, waren mir viel wert. Es ging meistens um sehr Grundsätzliches: Was ist überhaupt "Wirtschaft“? Die Gesamtheit aller geldvermittelten Tauschakte? Oder alle Produkte und Dienstleistungen, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen? Was wollen wir unter "Arbeit“ verstehen? Bloß Gelderwerb? Oder alle Tätigkeiten, die das Zusammenleben nähren?

Erstaunt hat mich, dass viele Leute fest überzeugt sind, sie hätten ihr Leben "selbst erarbeitet“: man habe schließlich eine Ausbildung gemacht, stehe jeden Morgen früh auf, mache sich nützlich. Nein nein, man sei nicht einer von diesen "Schwachen“, die auf andere angewiesen sind. - Und wie war das am Anfang? Habe ich meine Mutter dafür bezahlt, dass sie mich in die Welt gesetzt hat? Sind meine Begabungen, meine Startchancen selbstgemacht? Und wie ist es heute? Bin ich wirklich eine Self made woman?

Die Religionen haben immer gesagt, Menschen seien abhängig. Wovon aber genau? Von einem "Herrn im Himmel“? Wirklich? Wie kann das religiöse Wissen von der Fürsorgeabhängigkeit aller sich in einer Welt auswirken, die der Illusion erlegen ist, es gebe "finanzielle Unabhängigkeit“?

Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen setzt auch theologische Fragen in Gang.

Die Autorin ist Schriftstellerin und evangelische Theologin. Sie lebt in der Schweiz

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