Digital In Arbeit

"Wir irren uns empor"

Der Mensch ist soviel wert, wie er als Arbeitskraft - oder Unternehmer seiner Arbeitskraft - zu bieten hat. Ein flammendes Plädoyer der deutschen Sozialwissenschafterin marianne gronemeyer gegen die Ich-AG.

Man muß weitergehen; man muß weitergehen" - so charakterisiert schon Sören Kierkegaard den Geist seiner Zeit. Er legt seinen Zeitgenossen, um sie zu karikieren, diesen Satz wie eine Selbstanfeuerung in den Mund. Und man ahnt schon, wie sie vor lauter Drang nach vorn gar nicht in Betracht ziehen können, worüber sie denn hinaus kommen wollen; unablässig bemüht, etwas hinter sich zu bringen, noch bevor sie es recht vor sich gebracht haben. Das ganze Denken und Trachten ein einziges Überwinden. "Dieser Drang weiterzugehen, ist alt in der Welt", schreibt Kierkegaard 1843.

Er mag alt sein, aber nie war er so treibend, so peitschend wie heute. Eine Gesellschaft, die immer nur vorankommen will, kann jedoch nicht innehalten, kann sich nicht auf etwas anderes besinnen. Sie betreibt unablässig die Fortsetzung desselben, auf einer jeweils höheren Stufe des Raffinements, und wenn sich ihre Unternehmung als das Falsche erweist, dann wird sie eben das Falsche raffinieren, in der trügerischen Annahme, es werde sich im Zuge solcher Verfeinerung schon zum Richtigen mausern. Das scheint mir unsere Epoche zu charakterisieren, dass sie unablässig mit der Optimierung des Falschen beschäftigt ist, nach dem moralischen Grundsatz: Wir irren uns empor.

Die Geister, die wir riefen ...

Und so gehören wir einer Epoche an, die nicht aufhören kann. Der Geist des Zauberlehrlings. In Stunden, die wir für nervenschwache halten mögen, die aber in Wahrheit unsere hellsichtigsten sind, dann nämlich, wenn uns die Zuversicht ausgeht, dass die Zukunft es schon richten werde, beschleicht uns das Grauen darüber, dass es nicht mehr in unserer Macht steht aufzuhören, dass wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr loswerden können. Wir ahnen, dass wir längst nicht mehr die treibenden Kräfte unserer Vorhaben sind, sondern auf dem Strom des Welt- und Geldgeschehens wie Treibholz mitgerissen werden. Und eben diese Unfähigkeit aufzuhören nennen wir Sachzwänge. Könnte es nicht sein, dass es im Gegensatz zu der gültigen Maxime, dass wir immer schneller vorankommen müssen, darum ginge, die Kunst des Aufhörens, des Unterlassens zu lernen? Denn diese hohe Kunst wäre die einzige Möglichkeit, die Sachzwänge zu entthronen. Tatsächlich aber läuft alles darauf hinaus, sich mit den Sachzwängen so zu arrangieren, dass man sich, gesellschaftlich und privat, möglichst geschmeidig an sie anpasst.

Zynische Hoffnungsträger

Und welches ist nun die Rezeptur für diese elegante Anpassung an das so genannte Unvermeidliche? Sie ist aus drei Ingredienzien zusammengebraut und wird in stereotyper Geistlosigkeit wieder und wieder zum Besten gegeben: Wachstum, Innovation und Zukunft, das ist die Trinität, auf die wir unsere Hoffnung gründen sollen. Wachstum, das klingt frühlingsduftend, es gemahnt an den Samen, der das Wunder einer fruchttragenden Pflanze hervorbringt. Aber natürlich wissen wir auch, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, irgendwann sind sie ausgewachsen, sie haben ihr Maß. Nicht so das Wachstum, das tagtäglich in den Wirtschaftsnachrichten herbeigefleht wird. Es hat sich vollkommen von der Frage nach dem rechten Maß emanzipiert. Wachstum wird sich selbst zum Ziel. Wer die Frage stellt, was denn wachsen solle, damit es besser bestellt wäre um unsere irdische Existenz, der wird die verblüffende Nachricht erhalten, dass das Wachstum wachsen müsse. Kleinliche Erwägungen über Schädlichkeit oder Nützlichkeit des Produzierten müssen zurückstehen gegenüber der Wachstumsforderung, die absoluten Vorrang genießt. Und so können sich die Produzenten von Tretminen, von Babywindeln und Sahnetrüffeln gleichermaßen als Menschheitsbeglücker fühlen, solange sie Wachstumsraten vermelden, die aber denen, die ihres Arbeitsplatzes wegen darauf hoffen, auch nichts nützen. Denn das ist der große Etikettenschwindel, dass Wachstum Arbeitsplätze schafft.

Der Begriff Innovation war noch bis vor wenigen Jahren nahezu ausschließlich im Gebrauch für die Selbstheilungskräfte der Pflanzen, die ein abgestorbenes Glied durch Neuaustrieb ersetzen können. Im ökonomisch-technischen Kalkül meint Innovation den umgekehrten Prozess, es wird etwas Neues in die Welt gesetzt, damit etwas absterbe. Innovation dient der systematischen Veraltung, der Ausmusterung der gegenwärtigen Bestände. So entsteht Zivilisationsmüll: Erfahrung, Tradition, soziale Verbindlichkeiten - weg damit! Diese Devise macht nicht bei den Dingen Halt, sie hat längst auch die Menschen im Visier. Immer größere Anteile der Gesellschaftsmitglieder werden mit der harten Realität konfrontiert, dass es auf sie nicht nur nicht ankommt, sondern dass sie für überflüssig erklärt werden und ihnen darum nur noch ein eingeschränktes Daseinsrecht zugebilligt werden kann. Alle heutzutage getätigten Innovationen, auch die so genannten sozialen, verfolgen nur den einen Zweck, den äußerst störanfälligen Faktor Mensch maschinell oder verfahrensmäßig zu ersetzen.

Das wirklich Teuflische an dieser alles durchherrschenden Handlungsmaxime "Wachstum, Innovation, Zukunft" ist, dass die Gegenwart, das Hier und das Jetzt, gegenüber einer zu machenden Zukunft vollkommen belanglos erscheinen soll und gleichzeitig die Gegenwart der kommenden Generationen schon jetzt verplant und mit Beschlag belegt ist. Zukunft als das, was ungemacht und ungeplant auf uns zukommt, soll ausgelöscht werden. Alle Anstrengung von heute ist jeweils nur die Vorstufe des Grandioseren, das erst folgen soll.

Gespenstische Dynamik

Wie kommt es zu dieser gespenstischen Dynamik? Die Antwort auf diese Frage braucht nur vier Buchstaben: Geld. Geld, das ursprünglich selbst ein materielles Ding war, wird, heißt es in dem Buch "Ein Meister aus Deutschland" von Rüdiger Safranski, "zum Realsymbol aller Güter, für die es in den Tausch gegeben werden kann. Gibt es erst einmal das Geld, dann wird alles, womit es in Berührung kommt, verhext. Es läßt sich nun nach seinem Wert taxieren, ob das nun eine Perlenkette, eine Grabrede oder der wechselseitige Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge ist. Das Geld ist jenes Zaubermittel, das die Welt insgesamt in etwas verwandelt, das nach seinem Wert taxiert und darum auch verwertet werden kann."

Alles wird mit allem austauschbar, alles wird reduziert auf seinen Geldwert. Indem es solchermaßen bewertet wird, unterliegt es einer radikalen Entwertung. Das heißt, es wird seiner Einzigartigkeit, seiner Besonderheit und Sinnhaftigkeit entkleidet. An ihm gilt nur, was sich als Geldwert realisieren lässt. Auch diese Vergeldlichung macht nicht Halt vor dem Menschen. Sie taxiert längst auch nicht mehr nur den Wert seiner Arbeitskraft. Sie ist eingewandert in die privatesten Belange und dreht sich wesentlich um die Frage, wieviel man sich denn die unprofitablen Gesellschaftsmitglieder noch kosten lassen will, kann oder soll.

Geldwert ohne Wirklichkeit

Aber diese Geldwerte, die allem und jedem angeheftet werden, sind nicht real, sie haben keine Wirklichkeit, sie konstituieren eine Gespensterwelt, die wie ein Verhängnis auf der Welt der realen Dinge und Wesen liegt und eine von der Wirklichkeit losgelöste Eigendynamik hat, die unter dem Imperativ Wachstum und Innovation steht, koste es, was es wolle, Wachstum bis zur völligen Erschöpfung unserer Lebensgrundlagen: Wasser, Erde, Luft und Energie. Es scheint durchaus nicht verrückt, für die Herstellung von einem Kilogramm Weißbrot in Deutschland einen Energieeinsatz von einem Liter Erdöl zu benötigen, oder für ein industriell bearbeitetes Reisfeld in den USA, das den vierfachen Ertrag eines traditionell bewirtschafteten auf den Philippinen erbringt, die 350fache Energiemenge aufzuwenden. All dies ist vernünftig, sofern es die weltumspannende Produktionsmaschinerie in Gang hält.

Das also sind die Rahmenbedingungen, in denen nun die Frage nach der Verantwortlichkeit und dem Egoismus derjenigen gestellt wird, die sich an einer so genannten Existenzgründung versuchen, obwohl sie natürlich auch schon vor ihrer Existenzgründung existieren, aber eben nur auf eine kaum anerkennenswerte Weise.

Wie verfallen sie darauf, sich selbständig zu machen? Die nahe liegendste Antwort wäre: aus Unternehmungslust, aus Freiheitsdrang, aus Risikofreude oder um ihre Chance auf dem Markt der Möglichkeiten zu nutzen. Es mag wohl die eine oder den andern geben, für die diese Beweggründe zutreffen. Aber das Gros derjenigen, die heute zu Unternehmern ihrer Arbeitskraft werden, hat andere Beweggründe. Sie antizipieren ihre Verüberflüssigung, die euphemistisch Freisetzung genannt wird, ihr Ausgeschieden-Werden aus dem Arbeitsprozess. Oder sie sind bereits für überzählig erklärt worden und müssen nun aus eigener Anstrengung das Gegenteil beweisen. Sie müssen attraktiv werden für diejenigen, die sie als Arbeitnehmer nicht mehr brauchen konnten. Sie müssen selbst herausfinden, wie sie ihre Brauchbarkeit auf eigene Rechnung wiederherstellen können. Ihnen wird Eigenverantwortung zugemutet. Sie müssen dem Eroberungszug der Maschinenwelt immer eine Nasenlänge voraus sein und herausfinden, wo die immer spärlicher werdenden Aufgaben, die noch nicht von Maschinen bewältigt werden können, zu finden sind. Aber dank der Innovationen werden immer mehr menschliche Tätigkeiten von diesen störanfälligen Arbeitskräften abgezogen. Und so gibt es einen Wettlauf zwischen dem um seine Verwendungsfähigkeit kämpfenden Menschen und der immer schneller Terrain gewinnenden Maschine.

Mensch gegen Maschine

Die nun zur "Verantwortlichkeit" berufenen "Arbeitskraft-Unternehmer" werden in die unablässige Selbstoptimierung hineingenötigt, um ihrer Überflüssigkeit zu entgehen. Und so wird die Selbstsorge zum Leitmotiv. Jeder soll seines Glückes Schmied sein und darin neue Möglichkeiten der Gestaltungsfreiheit und der Erweiterung von Handlungsspielräumen wittern. Und dies gilt sowohl für den Einmann-Betrieb außerhalb der Unternehmen wie auch für den unter den neuen Bedingungen der Teamarbeit agierenden Betriebsangehörigen.

Was also gehört zu den Obliegenheiten dieses Arbeitskraft-Unternehmers? Ich lasse mich von meinen Kollegen von der Soziologie belehren: "Sie müssen zunehmend ihre Fähigkeiten und Leistungen zweckgerichtet und kostenbewußt aktiv herstellen. Zum anderen müssen sie ihre Fähigkeiten und Leistungen zunehmend auf betrieblichen und überbetrieblichen Märkten für Arbeit aktiv vermarkten.

Konkret: Sie müssen sicherstellen, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen gebraucht, gekauft und effektiv genutzt werden." Und weiter: "Nur wer seine Fähigkeiten kontinuierlich anpaßt" und dafür sorgt, dass sie vom Betrieb "profitabel genutzt werden können, hat in neuen Systemen eine Chance."

Aber es geht nicht nur um den Erwerbstätigen selbst, das soziale Umfeld wird mit in Haft genommen: "Nur wer als Mitglied einer dynamischen Projektgruppe in der Lage ist, seinen gesamten Alltag flexibel und gut organisiert auf die Erfordernisse des Teamprozesses auszurichten, kann hier noch mithalten. Wer etwa während einer Stressphase auf feste Arbeits- und Urlaubszeiten pocht, wird nicht lange bleiben. Arbeitszeiten (und alles andere auch) müssen geschickt nicht nur mit den Kollegen, sondern auch mit der Familie und den Freunden koordiniert werden. Und während des Projektes muss immer schon der nächste Auftrag und vielleicht sogar ein neuer Job vorbereitet werden." Das heißt, Wir können nur den brauchen, der sein Leben fest im Griff hat. Das Leben im Griff haben bedeutet darüber hinaus, für seine Gesundheit eigenverantwortlich Sorge zu tragen, denn Krankheit kann sich der Arbeitskraft-Unternehmer ebensowenig leisten wie den gebuchten Urlaub. Er steht unter Gesundheitspflicht, und das, obwohl Selbstdisziplinierung und Selbstausbeutung nicht sehr gesundheitsförderlich sind.

Aber damit nicht genug. Es gehört zu den Pflichten des solchermaßen an seine Leistungsgrenze Gezwungenen, auch noch ein guter Konsument zu sein. Denn was wäre der unablässig gesteigerte Ausstoß von Waren und Dienstleistungen ohne den unersättlichen Konsumenten. Diesem neuen Arbeitskraft-Unternehmer ist also Bescheidenheit als Ausweg aus seiner Misere nicht gestattet, obwohl er nur mit einer Verminderung seines Geldbedarfs seine Überlastung reduzieren könnte.

Vom Glanz des neuen Kleinstunternehmers ist wenig übrig. Und die Verantwortung, die ihm da angedient wird, ist ein Fluch und eine Illusion zugleich. Er soll verantworten, was er nicht entscheiden kann, und entscheiden, was nicht in seiner Verfügung ist.

Und was ist mit dem Egoismus? Der Arbeitskraft-Unternehmer hat unablässig und unnachgiebig besser zu sein als seine Konkurrenten. Er kann also nur dann gewinnen, wenn andere unterliegen. Erfolg und Scheitern sind ein Nullsummenspiel, ein gnadenloser Kampf aller gegen alle. Dennoch ist eine der höchsten geforderten Schlüsselqualifikationen die Kooperations- und Teamfähigkeit. Es werden an den neuen Arbeitskraft-Unternehmer also paradoxe Forderungen herangetragen, die er gleichzeitig erfüllen soll, obwohl sie einander ausschließen. Das ist übrigens eine der stabilen Bedingungen dafür, dass man verrückt wird.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau