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"Wir sind für jede KRITIK OFFEN"

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Fuat Sanaç, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich im Gespräch über die Muslime im Land und deren Probleme.

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Fuat Sanaç, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich im Gespräch über die Muslime im Land und deren Probleme.

Seit Juni 2011 steht Fuat Sanaç der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) als Präsident vor. Der gebürtige Türke, der in seiner Heimat Mitglied der Boxnationalmannschaft war, kam 1982 mit seiner Familie aus Deutschland nach Österreich.

Die Furche: Österreich hat einen Präsidentschaftswahlkampf hinter sich, in dem es auch viele gegen Muslime gerichtete Töne gab. Sind Sie froh, dass Alexander Van der Bellen die Wahl gewonnen hat?

Fuat Sanaç: Die Kirchen und Religionsgesellschaften dürfen sich nicht in die Politik einmischen. Das war eine demokratische Wahl, Van der Bellen hat sehr knapp gewonnen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die Furche: Aber fast 50 Prozent haben Norbert Hofer gewählt, der gesagt hat, der Islam gehöre nicht zu Österreich, und er würde eine Funktionsträgerin mit Kopftuch nicht angeloben. Es kann Sie doch kaum freuen, dass derartige Positionen so einen Zulauf haben.

Sanaç: Das ist nicht erfreulich für uns, aber es gibt Meinungsfreiheit, und dieser Kandidat hat eben gesagt, dass er das so sieht.

Die Furche: Fürchten Sie nicht, dass eine derartige Stimmung stärker und das Leben für Muslime schwieriger wird?

Sanaç: Es hilft nichts, wir müssen noch mehr daran arbeiten, damit die anderen uns verstehen und respektieren. Wie viel wir da auch gemacht haben: Es ist zu wenig. Wir müssen daran arbeiten, dass uns die anderen besser verstehen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Geschehnisse auf der ganzen Welt, die Bilder, das Töten, Kriege, Flüchtlinge eine große Rolle spielen und die Menschen beeinflussen.

Die Furche: Etwas, dass in dieser Diskussion immer wieder gefordert wird, ist, Muslime müssten sich stärker von Gewalt distanzieren. Tun Sie das in ausreichendem Maß?

Sanaç: Wer das fordert, hat insofern recht, weil er nicht gehört oder gelesen hat, was wir sagen - gute Nachrichten sind bekanntlich keine Nachrichten. Wenn mir jemand sagt, wir müssen jeden Tag 100 Menschen auf die Straße schicken, die schreien, dass sie sich von Gewalt distanzieren, antworte ich: Wir tun unser Bestes.

Die Furche: Vor einigen Wochen gab es Aufregung um die Kindergarten-Studie des islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan. Wie sehen Sie die Diskussion um radikale Betreiber islamischer Kindergärten?

Sanaç: Wir sind für jede Kritik offen. Durch Kritik haben wir viel gelernt. Aber wir müssen Kritik von Attacken und Verleumdungen trennen. Bei den Kindergärten wurde ja festgestellt, dass nur ein Kindergarten sich diesen Vorwürfen vor Gericht gegenübersieht, und das Verfahren, das einen Kindergarten im 20. Bezirk betrifft, geht weiter. Es gibt in Österreich dafür zuständige Stellen, etwa die Gerichte. Daher stört mich, wenn jemand auf eine Gruppe zeigt und die Bevölkerung auf die muslimischen Kindergärten hetzt, weil es sich da um Muslime handelt. Das ist gefährlich, undemokratisch und ungerecht.

Ich habe damals in einem Interview gesagt: Was ungerecht ist, ist auch unmenschlich. Doch in der Verkürzung der Medien wurde daraus, ich hätte gesagt: Kontrolle oder auch die Kindergartenstudie sei unmenschlich.

Die Furche: Sie haben also nichts dagegen, dass die Kindergärten kontrolliert werden.

Sanaç: Natürlich nicht: Wir wollen nicht, dass unter den 150 muslimischen Kindergarten auch nur einer ist, der uns schlechtmacht. Übrigens hat diese Diskussion zwischen zwei politischen Partnern begonnen

Die Furche: Sie meinen das VP-geführte Integrationsministerium und die Wiener SP-Stadträtinnen

Sanaç: der eine hat gesagt, es muss mehr Kontrolle geben und die anderen haben geantwortet, das sei ihr Bereich, und man habe bereites hundert Kontrollen gemacht. Die politischen Partner haben sich nun auf einen Fünfpunkteplan geeinigt

Die Furche: ... darunter eine neue Studie

Sanaç: ... und deswegen ist die Sache für mich auch erledigt.

Die Furche: Ein anderer Fall ist der eines Religionslehrers in Vorarlberg, der einem Mädchen nicht die Hand geben wollte.

Sanaç: Dieser Lehrer ist in Deutschland aufgewachsen und hat dort das Lehramt für Mathematik und Turnen gemacht. Vor Jahren haben wir in Vorarlberg islamische Religionslehrer gebraucht, wir haben ihn als Ersatzlehrer angestellt. Denn es war lange Zeit sehr schwer, Religionslehrer für Vorarlberg zu interessieren. Der Vorwurf gegen den Lehrer stammt im Übrigen bereits aus dem Jahr 2012, das wurde nun wieder hochgekocht. Es ist aber nicht so einfach, jemanden zu entlassen, weil er den Handschlag verweigert. Vor Jahren hatten wir einen ähnlichen Fall in Kärnten: Damals wurde die entsprechende Person verklagt, und der Fall ging bis zum Obersten Gerichtshof. Der entschied, dass wegen eines verweigerten Händedrucks niemand entlassen werden darf. Auf der einen Seite gibt es also den Druck, einen derartigen Lehrer zu entlassen. Aber wenn wir das tun, und der geht vor Gericht, dann verlieren wir dort. Derartige Fälle sind nicht so einfach zu lösen.

Die Furche: Und die Verweigerung des Handschlags ist kein Problem für Sie?

Sanaç: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war beim Bundespräsidenten eingeladen, als die Präsidentin von Indien zu Gast war. Dort habe ich ihr meine Hand entgegengestreckt und bemerkt, dass sie das ungern erwidert hat. Auch der Bundespräsident hat ihr nicht die Hand gegeben, sondern die Hände gefaltet und sich verbeugt. Der Handschlag hat also nicht für alle Menschen die gleiche Bedeutung. Wenn ein Inder oder auch ein Japaner einem die Hand nicht gibt, dann respektieren wir das. Wenn ein Muslim so etwas tut, weil er glaubt, dass seine Gebetswaschung dadurch ungültig wird und er das Gebet wiederholen muss, dann ist es ein Problem.

DIE FURCHE: Seit Kurzem ist das neue Islamgesetz in Kraft, aufgrund dessen Imame nicht mehr vom Ausland bezahlt werden dürfen - zwei Imame mussten inzwischen wieder in die Türkei zurückkehren.

Sanaç: Das Gesetz an sich ist gut. Das, was kritisiert wird, ist die Frage der Auslandsfinanzierung. Die ist nicht verboten, aber Österreich sagt: Wenn Imame in Österreich arbeiten, dann ist ihr Arbeitsplatz hier. Aber sie bezahlen die Steuern in der Türkei

DIE FURCHE: Sie meinen jetzt die Imame des Verbands ATIB, die bei der türkischen Regierung angestellt sind ...

Sanaç: ... und die dort auch ihre Sozialversicherung bezahlen. Es ist auf der ganzen Welt so, dass die Menschen dort Steuern zahlen und versichert sind, wo sie arbeiten.

DIE FURCHE: Das Problem ist für Sie also, dass es türkische Beamte sind ...

Sanaç: und ich habe immer wieder kritisiert, dass diese nur fünf Jahre hier sind. Wenn sie sich eingelebt haben, dann gehen sie wieder zurück. Dann kommen die nächsten und fangen wieder von vorne an.

DIE FURCHE: Sie meinen also: Wenn Imame aus der Türkei kommen, sollen sie länger hier bleiben, wenn sie sich bewähren.

Sanaç: Ja, denn um den Menschen besser helfen zu können, müssen sie die Sprache lernen, auch die Sprache der Jugendlichen: Die jungen Muslime hier sprechen eine ganz andere Sprache als jene in der Türkei.

DIE FURCHE: Aber ist es nicht wichtiger - auch Integrationsminister Kurz sagt das -, dass Imame in Österreich ausgebildet werden?

Sanaç: Ich fordere das seit Jahren. Bei den Religionslehrern geschieht das ja längst. Mit Lehrern aus dem Ausland gab es viele Probleme -mit der Sprache, mit dem pädagogischen Bildungsverständnis. Und die Kinder wachsen hier ganz unterschiedlich zu denen in islamischen Ländern auf. Von daher ist es logisch, dass auch die Imame hier ausgebildet werden. Seit vier Jahren gibt es nun auch eine Imame-Ausbildung in Österreich.

DIE FURCHE: Es gibt auch eine neue Verfassung der IGGÖ. Zurzeit bilden sich viele Kultusgemeinden, die ihrerseits auf Verbänden fußen, die die Herkunftsregionen repräsentieren - türkische, bosnische, albanische. Warum soll die IGGÖ besser funktionieren, wenn man sie wieder ethnisch aufsplittet?

Sanaç: Grundsätzlich ist es falsch, dass wir Muslime uns "ethnisch" verstehen. Muslime sind Geschwister. Aber es ist einfach Realität, dass die Muslime aus verschiedenen Ländern kommen und sie von daher verschiedene Verbände haben. Aus diesen werden nun Kultusgemeinden gebildet. Es stimmt, dass die Minderheiten in der IGGÖ Angst haben, an den Rand gedrängt zu werden, weil sie nicht so gut organisiert sind wie etwa die Türken. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Hälfte der Muslime in Österreich aus der Türkei stammt. Es geht bei dieser Aufteilung nicht um Nationen oder Verbände, sondern es geht um Kompetenz. Nach der letzten Wahl sind manche Gewählte nur einmal gekommen, und die Arbeit blieb auf den Schultern weniger Personen. Ich hoffe, dass es durch die größere Einbindung der Verbände besser wird.

DIE FURCHE: Am 19. Juni wird in der IGGÖ auch der Präsident neu gewählt. Werden Sie sich dafür wieder bewerben?

Sanaç: Das werde ich in zwei Wochen entscheiden.

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