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"Wir steigen nicht wie die Engel vom Himmel“

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Ärzte ohne Grenzen hat zum 40. Geburtstag ein Buch herausgebracht, das vor allem die heiklen Seiten der humanitären Hilfe beleuchtet - den Umgang mit Diktatoren und Terroristen.

Reinhard Dörflinger, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich im FURCHE-Interview über die Arbeit in Krisengebieten, die Suche nach Unabhängigkeit und das Milliardengeschäft Hilfe.

Die Furche: In Frankreich sorgt derzeit ein Buch von "Ärzte ohne Grenzen“ für Aufsehen, das sehr offen die Schattenseiten der Hilfstätigkeit thematisiert. Etwa, dass man oft mit korrupten und verbrecherischen Regimen verhandeln muss oder mit terroristischen Gruppen. Auch finanziell.

Reinhard Dörflinger: Wir arbeiten oft in zerrütteten Staaten und Kriegsgebieten. Dort müssen wir mit den gegebenen Strukturen umgehen. Wir zahlen aber weder Bestechungs- noch Schutzgelder. Was wir aber zahlen müssen, sind Steuern und Abgaben. Das heißt Visa für unser Personal, Einfuhrpapiere für unsere Fahrzeuge, Flughafengebühren und dergleichen. Wir zahlen, um arbeiten und helfen zu können. Nur ein Beispiel: In Somalia ist es Sitte, einen Teil des Einkommens für Almosen und die Gemeinschaft zu verwenden. Deshalb gehen fünf Prozent des Gehalts unserer Mitarbeiter in diese Steuer, die dann an die Stämme der Region gehen. Auf die Verwendung dieser Steuer haben wir aber keinen Einfluss.

Die Furche: Und wenn das Geld in den falschen Händen landet - etwa bei den somalischen Shabab-Milizen?

Dörflinger: Die einzige Möglichkeit, das vollkommen auszuschließen, wäre, das Land zu verlassen und die Menschen im Stich zu lassen. Sicher ist aber, dass alles, was in unserem finanziellen Einflussbereich steht, alle Camps und Kliniken und unser Personal, strengen Kontrolle unterliegt.

Die Furche: Sie sprachen von den Verhältnissen, mit denen man umgehen muss. Wie ist da "völlige Unabhängigkeit von jeglicher politischen, wirtschaftlichen und religiösen Macht gewährleisten“, wie es die Charta von Ärzte ohne Grenzen vorschreibt möglich?

Dörflinger: Es ist möglich, aber dazu braucht es viele - oft jahrelange Verhandlungen. Aus Afghanistan hatten wir uns nach der Ermordung von vier unserer Mitarbeiter zurückgezogen. Es brauchte fünf Jahre bis alle Seiten, die internationalen Truppen und die Taliban, bereit waren, unseren neutralen Status und die Sicherheit der Kliniken zu respektieren. Erst dann sind wir zurückgekehrt.

Die Furche: Sie sprechen sehr viel vom Verhandeln. Das klingt beinahe, als bräuchte eine Ärzte ohne Grenzen-Mission ebensoviel Diplomaten wie Mediziner.

Dörflinger: Es klingt seltsam aber tatsächlich sind nur 30 Prozent unserer Mitarbeiter Ärzte. 20 Prozent sind medizinische Hilfskräfte, also Krankenpfleger und Therapeuten. Rund die Hälfte unserer Kollegen brauchen wir für Logistik und Abwicklung - Gerätewartung, Stromversorgung, Security, Errichtung von Unterkünften. Es ist jedenfalls nicht so, dass da Ärzte wie die Engel vom Himmel steigen und alles ist schon da. Das müssen wir schon selbst machen.

Die Furche: Sie selbst waren im Tschad, in Niger und in Bosnien im Einsatz. Wie geht man als Helfer damit um, dass sich die tiefer liegenden Ursachen für Elend und Krieg sehr oft nicht ändern lassen?

Dörflinger: Insgesamt stehen weltweit für Entwicklungshilfe etwa 12 Milliarden Dollar zur Verfügung, Ärzte ohne Grenzen operiert mit etwa 1,2 Milliarden Dollar Budget. Gemessen daran, was eigentlich notwendig wäre, ist das nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber es gibt auch strukturelle Erfolge. Wir haben beispielsweise durch Verhandlungen mit Pharmakonzernen erreichen können, dass in den besonders von HIV betroffenen Regionen in Afrika preiswerte Generika von AIDS-Medikamenten ausgegeben werden können. So haben auch viele ärmere Schichten Zugang zu einer erfolgreichen Behandlung. Wir haben auch erreicht, dass in einigen afrikanischen Ländern Unterernährung bei Kindern als Krankheit anerkannt wurde - Behandlung und Therapie sind gesetzlich geregelt. Das sind langfristige Erfolge, die die Soforthilfe ergänzen, für die wir eigentlich stehen.

Die Furche: Linda Polman hat ein sehr erfolgreiches Buch über die "Mitleidsindustrie“ veröffentlicht, in der sie den milliardenschweren Apparat der großen Hilfsorganisationen in Frage stellt - und den gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen den Organisationen. Stimmt diese Analyse?

Dörflinger: Ärzte ohne Grenzen hat immer die Politik verfolgt, sich nicht von den Töpfen der internationalen Staatengemeinschaft abhängig zu machen. Wir werden zu 90 Prozent aus privaten Spenden finanziert. Weil wir keine finanzielle Abhängigkeit haben, fällt es uns leichter flexibel zu entscheiden, wo und wie wir einen Einsatz planen können. Das macht uns anders.

Die Furche: Nach dem Tsunami in Südostasien, aber auch nach der Erdbebenkatastrophe von Haiti setzte ein regelrechter Wettlauf um Projekte in der Krisenregion ein. Danach gab es regelmäßig Berichte über viel teure Hilfe, die kaum oder gar nicht half.

Dörflinger: Es sind gerade die großen Katastrophen, in denen die Spendenbereitschaft sehr hoch ist, auch aufgrund der intensiven Berichterstattung in den Medien. In Südostasien mussten wir einen Aufruf setzen, nicht mehr zu spenden, weil plötzlich viel mehr Geld da war, als wir eigentlich brauchten. Wir haben dann 70.000 Spender kontaktiert, ob sie ihr Geld auch umwidmen würden. Das war sehr aufwendig aber auch sehr erfolgreich. Es gibt aber auch andere Beispiele. Haiti etwa ist für uns ein sehr langes und intensives Engagement, das bisher 144 Millionen Dollar gekostet hat. Änderungen zum Positiven brauchen dort sehr viel Zeit.

Die Furche: Österreichische Hilfsorganisationen haben bisher davon profitiert, dass ihre Inserate von Zeitungen gratis veröffentlicht wurden. Wie kommentieren Sie, dass die Inserate nun versteuert werden müssen?

Dörflinger: Für uns bedeutet das einen massiven Schlag. Die kostenfreien Inserate waren eigentlich unser Hauptwerbemittel. Wem fällt so etwas ein: Auf der einen Seite stellt die Regierung Spenden steuerfrei, auf der anderen Seite bestraft man Zeitungen für ihr soziales Gewissen und Engagement.