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Ukraine-Krieg

DISKURS
Władysław Bartoszewski - ein "streitbarer Menschenfreund" - Klug, witzig, streitbar: Der am 19. Februar 1922 geborene Władysław Bartoszewski beim „Europakongress – 1989 Geteilt – 2009 Geeint“ im impulsiven Gespräch mit VP-Politkern Franz Fischler und Werner Fasslabend.<br />
  - © APA / Barbara Gindl

Władysław Bartoszewski: „Persönlicher Feind“ aller Diktatoren

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Zum 100. Geburtstag von Władysław Bartoszewski: Erinnerung an einen FURCHE-Freund, der – selbst mit den Wunden autoritärer Regime geschlagen – sein Leben in den Dienst der europäischen Aussöhnung stellte. Nicht ohne klare Kante gegen Kriegstreiber zu zeigen.

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Zum 100. Geburtstag von Władysław Bartoszewski: Erinnerung an einen FURCHE-Freund, der – selbst mit den Wunden autoritärer Regime geschlagen – sein Leben in den Dienst der europäischen Aussöhnung stellte. Nicht ohne klare Kante gegen Kriegstreiber zu zeigen.

Das Hotelzimmer war ausreichend geräumig als Schlafstatt, aber zu klein für ein Interview von zwei FURCHE-Redakteuren mit Władysław Bartoszewski. Sobald er jedoch zu sprechen begann, spielte das beengte Ambiente keine Rolle mehr. Bartoszewski dachte groß und redete weit. Hätte man den Mann in einen Schuhkarton gestellt, er hätte ein Auditorium und eine Agora daraus gemacht. In den schrecklichsten und den schönsten Zeiten des vorigen Jahrhunderts spielte er auf beiden Bühnen, der wissenschaftlichen und der politischen. Ein Charakterdarsteller sein Leben lang.

Das Hotelzimmer war ausreichend geräumig als Schlafstatt, aber zu klein für ein Interview von zwei FURCHE-Redakteuren mit Władysław Bartoszewski. Sobald er jedoch zu sprechen begann, spielte das beengte Ambiente keine Rolle mehr. Bartoszewski dachte groß und redete weit. Hätte man den Mann in einen Schuhkarton gestellt, er hätte ein Auditorium und eine Agora daraus gemacht. In den schrecklichsten und den schönsten Zeiten des vorigen Jahrhunderts spielte er auf beiden Bühnen, der wissenschaftlichen und der politischen. Ein Charakterdarsteller sein Leben lang.

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Die polnische Rechtswissenschafterin, Politikerin und Diplomatin Irena Lipowicz beschrieb diese Lebensrolle in einer FURCHE-Würdigung für ihren Vorgänger als Botschafter Polens in Österreich einmal so: „Das Leben und Tun von Władysław Bartoszewski steht als lebendiger Beweis dafür, dass – wie es in einem seiner Bücher heißt – es sich lohnt, anständig zu sein.“

Anstand in der Politik

Anstand in der Politik war auch das übergreifende Thema des eingangs erwähnten FURCHE- Interviews im zu kleinen Hotelzimmer. Das Gespräch fand einige Tage nach der Angelobung von Schwarz-Blau Anfang Februar 2000 statt. Die EU-14 hatten als Reaktion auf die Haider-FPÖ in der Schüssel-Regierung Sanktionen gegen Österreich verhängt, und Bartoszewski, damals Abgeordneter im polnischen Senat, kam als erster ausländischer Politiker ins EU-Eiszeit-Wien. Der Vortragszyklus, zu dem der polnische Außenminister a.D. eingeladen war, lautete „Aufbruch in eine neue Zeit“. Der Titel war dem EU-Beitrittsprozess Polens geschuldet, passte aber gut zur politischen Situation in Österreich. Und die damals politischen „heißen Eisen“ befeuern gut 20 Jahre später noch immer die politische Diskussion: Populisten in der Politik? EU als Wertegemeinschaft? Politik- und Parteienverdrossenheit? EU-Skepsis? Bei der Frage zu den EU-Sanktionen, einschließlich einem Aufruf zum Winterurlaub- Boykott, präsentierte sich Bartoszewski als Freund und Versteher des Landes: „Ich habe meinen Urlaub im Salzkammergut gebucht, zum siebenten Mal, und ich habe keine andere Absicht. Ich kann mir eine bessere Regierung vorstellen, aber das ist nicht meine Sache. Was ich sicher in Polen sagen werde: 73 Prozent der Österreicher haben Herrn Haider nicht gewählt. Bis zu maximal vier Jahren wird es diese Regierung geben und ich meine: Die Scheidung ist möglich.“

„Wir haben Respekt vor Rußland, aber wir wollen Ruhe haben und sicher sein, daß sie sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten mischen.“

Władysław Bartoszewski (1922 - 2015)

Womit Bartoszewski sehr schnell recht behalten sollte. Auch eine andere Analyse von ihm aus dem FURCHE-Archiv findet dieser Tage an der russisch-ukrainischen Grenze ihre Bestätigung. Im März 1995 antwortete er als kurz zuvor ernannter polnischer Außenminister („An die Anrede Herr Minister muß ich mich erst gewöhnen“) auf die Frage nach dem Drängen Polens in die NATO mit einem Verweis auf die Geschichte Österreichs und seiner außenpolitischen Krisen – „noch bis Mitte der fünfziger Jahre, bis zum Staatsvertrag, auch 1956, auch 1968, dieses Gefühl der Unsicherheit, wenn etwas in der Nähe passiert“. Er folgerte daraus für Polen: „Dürfen wir uns ganz sicher fühlen, wenn zum Beispiel in der russischen Republik die demokratische Ordnung von Zeit zu Zeit nicht so ganz sicher ist?“ Und forderte, nachdem er „der Russischen Föderation für die Demokratie und die Wirtschaft alles Gute“ wünschte: „Wir haben Respekt, aber wir wollen Ruhe haben und sicher sein, daß sie sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten mischen. Wir möchten unsere Entscheidungen selbst treffen können – mit Rücksicht auf ihre Empfindlichkeiten. Aber auch wir haben Gründe zur Empfindlichkeit.“

Der Historiker Bartoszewski war Experte für europäische Befindlichkeiten. Im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess sieht Irena Lipowicz, die große historische Rolle Bartoszewskis: „Für seinen Einsatz steht nicht nur eine Rede, nein, das ist jahrelanges Engagement, das darin besteht, beiden Seiten den Sinn des gegenseitigen Wieder-Entdeckens – ohne die Wahrheit des Nationalsozialismus zu verdrängen – klar zu machen. Bartoszewskis Auftritte vor dem deutschen Bundestag und dem österreichischen Nationalrat stellten eine Art Quintessenz des Antitotalitarismus dar.“

Im Karol Wojtyła-Umfeld

Als Auschwitz-Häftling und Untergrundaktivist in der NS-Zeit, der an der Spitze einer gefährlichen Rettungsaktion polnischer Juden stand, als katholischer Intellektueller im Umfeld des zwei Jahre älteren späteren Papstes Karol Wojtyła, als politisch Inhaftierter in der Anfang- und Endzeit des polnischen Kommunismus, als Mitstreiter der Demokratiebewegung rund um Solidarność trug er die Wunden, die autoritäre Regime in dieser Epoche in Europa geschlagen haben, in seiner eigenen Biografie. „Darum wohl hat die Sache des Friedens für mich ein besonderes Gewicht“, schrieb er 1986. Er nannte sich selbst „persönlicher Feind“ aller Diktatoren – und er sah sich als persönlicher Freund all jener, die sich für den Brückenschlag über Grenzen und Feindschaften hinweg engagierten.

Das verband ihn mit der FURCHE, die ihn 1963 nach Österreich brachte: „Ich war Gast der FURCHE, durfte unter dem Vorwand für die polnischen Behörden, eine Redaktionspraxis zu machen, ausreisen“, beschrieb Bartoszewski das erste Knüpfen dieses jahrzehntelang haltenden starken Bandes: Der damalige Chefredakteur, Kurt Skalnik, und die FURCHE-Redakteure „waren meine ersten intellektuellen und politischen Reiseführer durch Österreich“. Der erste Artikel über Bartoszewski in der FURCHE vom 23. November 1963 war mit dem Autorenkürzel „hfm“ gezeichnet – Autor war der spätere ORF-„Mister Zeit im Bild“ Horst Friedrich Mayer. „Er hat damals über meine Rolle als katholischer Meinungspublizist und Oppositioneller in Polen geschrieben, sehr vorsichtig natürlich, aber doch so, daß man erkennen konnte, daß ich eine alternative Persönlichkeit in der Republik Polen bin“, erinnerte sich Bartoszewski zeitlebens dankbar an diese Türöffner-Funktion der FURCHE zurück, durch die er auch in eine „vertrauliche Verbindung“ mit Kardinal König treten konnte.

„Ein Zeugnis der Solidarität und rührendster Nächstenliebe“ erlebte Bartoszewski , als er 1979 von der kommunistischen Führung „nicht nur unterdrückt, sondern auch mit einer hohen Geldstrafe wegen meiner Lehrtätigkeit im Geiste historischer Wahrheit belegt“ wurde. Seine Freunde sammelten für ihn, sodass er seine Strafe bezahlen und noch weitere drangsalierte katholische Intellektuelle in Polen unterstützen konnte: „Das habe ich den österreichischen Kollegen nie vergessen. Da haben wir gespürt, wir sind nicht allein; wir leben woanders, sind unterdrückt, aber diese Leute, obwohl sie gut und bequem leben, können das begreifen und verstehen.“

Streitbarer Menschenfreund

Zwischen 19. Februar 1922 und 24. April 2015 spannte sich das Leben „dieses streitbaren Menschenfreundes“, wie der frühere FURCHE-Chefredakteur Hubert Feichtlbauer seinen Freund im Nachruf charakterisierte. „Irgendwie trug Władysław Bartoszewski immer zwei Autoritäten gleichzeitig zur Schau“, heißt es bei Feichtlbauer, „die eines unbeugsamen politischen Häftlings und die eines weisen Staatsmanns.“ Zwei Tugenden, von denen die Welt auch zum 100. Geburtstag Bartoszewskis nicht genug haben kann.

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