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Wo Europa an die Diktatur grenzt

Im weißrussischen Brest, gleich hinter der polnischen Grenze, ändert nicht nur die Eisenbahn ihre Spurweite. In Brest ändert Europa sein Gesicht, in Brest beginnt die Macht von Europas letztem Diktator.

Der Osten beginnt seit der EU-Erweiterung vom 1. Mai in Brest. An der polnischen EU-Außengrenze, 1.050 Kilometer westlich von Moskau, in der Grenzstadt Brest, mündet Europa in den Stillstand der weißrussischen Diktatur. Im Unterschied zu Polen gibt es in Weißrussland über Hunderte von Kilometern gut geteerte Autobahnen. Dafür erlaubt man nur 100 Stundenkilometer, stellenweise sogar nur 90. Es sollte nicht zu schnell gehen, und das keineswegs nur auf den Straßen, befindet die politische Führung. "Ohne Lukaschenko wären wir so weit wie Polen", sagt Igor, leitender Angestellter in einem der vorwiegend staatlichen Betriebe. Aber Privatisierung gehört nicht zum Programm von Alexander Lukaschenko, dem letzten Diktator Europas. Stattdessen gilt in Weißrussland nach wie vor die Ideologie sowjetischer Machart.

Privat-Import-Export

Auf der polnischen Seite des Grenzübergangs in Brest warten weißrussische Frauen auf die Heimfahrt. Billigen Wodka und Zigaretten haben sie frühmorgens nach Polen gebracht. Früher hat sie die Rückfahrgelegenheit etwas gekostet, jetzt werden sie von Grenzhändlern dafür bezahlt. Seit Lukaschenko das Höchstgewicht für Warenimport pro Person stark gesenkt hat, sind die Händler über jeden Grenzgänger mehr froh, der sich im Privat-Import-Export engagiert. Einige Dollar sind so für die "Transporthilfe" zurück nach Weißrussland zu verdienen. Die Kleinhändler selbst erhoffen ihre in Polen erstandenen Waren zu Hause gewinnbringend zu verkaufen.

In zwei Stunden ist man normalerweise wieder drüben in Weißrussland, manchmal dauert der Grenzübergang aber vier Stunden und mehr: Genaue Kontrollen und das Sammeln von insgesamt sechs Stempeln pro Person für die Einreise in die Diktatur brauchen nun einmal ihre Zeit. Für Hunderttausende Menschen gerade im rückständigen Ostpolen ist der Handel mit den noch ärmeren Nachbarn allerdings lebenswichtig - genauso wie für Tausende Weißrussen in der Grenzregion.

Wenig Lachen, wenig Farbe

Wie viel jenseits des Stacheldrahtes benötigt wird, lässt die Grenzstadt Brest erahnen. "Der Wald ist unser Reichtum", ragen Sowjetlosungen aus den Birkenwäldern am Stadtrand. In einem Land mit durchschnittlich 100 Dollar Monatslohn sollen diese Slogans Wohlfahrt vortäuschen und marktwirtschaftliche Werbeschilder ersetzen. Diese fehlen, seit das Lukaschenko-Regime nun schon seit zehn Jahren jede Privatinitiative abwürgt und Investoren fernhält. Stattdessen gibt es selbst im Grenzgebiet nur graue Großkaufhäuser mit beschränktem Warensortiment. Wenig Lachen auf den Gesichtern, noch weniger Farbe. Manch Jugendlicher auf den Straßen erscheint verdächtig mager - und das nur fünf Kilometer von blühenden Zukunftsperspektiven entfernt, die hinter dem EU-Grenzzaun vermutet werden.

Hier, wo 1918 der Friede nach dem Ersten Weltkrieg geschlossen wurde, geht die europäische Spurweite der Bahngleise in die osteuropäische Breitspur über. Der Bahnhof gehört denn auch zu den schönsten Gebäuden der Stadt. Abgesehen von der Festung, die schon vor 150 Jahren als Zeichen der Abwehr gegen den Westen errichtet wurde. Den elektrischen Grenzzaun von seinem Auto aus zu fotografieren erlaubt Igor nicht. Schnell könnte jemand zur Stelle sein und Schwierigkeiten machen.

"Ich kann Lukaschenko nicht ausstehen. Aber wir alle fürchten ihn", bekennt ein Mann flüsternd auf der Straße. Als ein Passant naht, stoppt er die Unterhaltung.

Lange, traurige Gegenwart

Die 250.000 Einwohner von Brest sind auf eine lange, traurige Gegenwart eingestellt. Vom Tschernobylregen sind sie nicht massiv getroffen worden - ihr einziges Glück. Auf der Autobahn entlang der Birkenwälder ist wenig Verkehr. Wo sollte man hinwollen, wenn überall gleich wenig ist? Am Autobahnrand werden Fische angeboten, dahinter pflügt ein Pferd das Feld. Ein Polizist stoppt unser Auto: "100 km/h, bitte!" Nein, die übliche Bestechungssumme oder Strafe habe er nicht gemeint. Die Überraschung ist Igor anzusehen. Der Polizist wollte tatsächlich nur freundlich auf die Geschwindigkeit hinweisen.

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

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