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Wolfskinder im Armenhaus Ukraine

Hohe Arbeitslosigkeit, keine Zukunftsperspektiven und Alkohol machen aus Müttern und Vätern Rabeneltern und treiben Kinder zu Tausenden auf die Straße.

Nacht und Tag lautet das Thema, das die Erstklassler an diesem Vormittag in der zum Caritas-Waisenhaus in Charkov gehörigen Volksschule behandeln. Die Lehrerin zeigt auf ein Bild mit Mond und Sternen, hält dann ein zweites, diesmal die Sonne zeigend, in die Höhe. Die Wörter dunkel und hell, schwarz und weiß lernen die Kinder zu buchstabieren und zu lesen, nachdem sie in ihrem kurzen Leben bislang viel mehr dunkel als hell, so viel schwarz und wenig weiß erfahren mussten.

Doch heute steht das Aufpassen und Lernen im Hintergrund, gehören die Augen und das Interesse der kleinen Ost-Ukrainer, die keine 100 Kilometer von der russischen Grenze zu Hause sind, viel mehr dem Besuch aus Österreich. Rund 40 Straßenkinder beherbergt das Caritas-Haus im Charkover Stadtteil Soltovka. Die meisten Kinder sind "Waisen bei lebendigen Eltern", erklärt Andrej Andrijenko, der Caritas-Direktor von Charkov und Initiator dieser Betreuungsstelle. Jedes Kind hat sein individuelles schweres Schicksal, jede Leidensgeschichte ist anders, so wie jedes Kind verschieden ist, fährt Andrijenko fort. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den mehr als 7.000 Straßenkindern in Charkov und den Zigtausend von ihnen in der ganzen Ukraine: Die Eltern sind entweder tot oder sitzen im Gefängnis, sind alkohol- beziehungsweise drogenabhängig und haben ihre Kinder misshandelt, bis diese weggelaufen sind, oder sie haben sie irgendwo vergessen, auf sich allein gestellt zurück gelassen.

In jedem Krankenhaus vegetieren 20 bis 30 "abgelegte Kinder" vor sich hin, sagt Andrijenko. Von dort holt er auch die wenigen Glücklichen, die im Caritas-Waisenheim Platz finden, oder die Polizei bringt die Kleinsten und Hilflosesten, die sie auf der Straße findet: ohne Dokumente, ohne alles - bis auf den Namen, dem einzigen was die Kinder von ihren Eltern mitbekommen haben. Oder sollte man besser sagen: Der Name ist das einzige, was viele Eltern ihren Kindern mitgeben können. Arbeitslosenraten zwischen 30 und 40 Prozent, in den früheren Bergbau- und Industriestandorten im Osten des Landes noch weit mehr, die daraus resultierende unvorstellbare Armut gepaart mit null Hoffnung und Zukunftsperspektive und das alles noch verschärft durch den vermeintlichen Trostspender Alkohol, sind die Ingredienzen die Eltern ihrer Vater- und Muttergefühle entledigen.

Von Armut überrascht

Die rapide Zunahme der Straßenkinder ist für Anna Kupcova vom Sozialamt der Stadt Kiew deshalb auch in erster Linie ein "Eltern- und kein Kinderproblem". Hinzu kommt, dass "das Land auf diese Art von Problemen nicht vorbereitet war, denn in den Zeiten des Kommunismus gab es so etwas einfach nicht". Caritas-Direktor Andrijenko stößt in dasselbe Horn, wenn er zurückblickend sagt, dass es vor 1991, dem Jahr der ukrainischen Unabhängigkeit, keine Straßenkinder gegeben hat. Anna Kupcova fürchtet vor allem, dass wiederum die Kinder von Straßenkindern nichts anderes als dieses Leben kennenlernen und es so zu einer Fortsetzung und Vervielfachung dieses Armutsdaseins kommt. Noch dazu, so die Mitarbeiterin im Kiewer Sozialamt, wo es vielen Kindern aufgrund der tristen wirtschaftlichen Situation materiell auf der Straße sogar besser geht als zu Hause. So braucht es nicht zu wundern, dass laut den Zahlen des Jugendamtes die Zahl der Straßenkinder in Kiew jedes Monat um 30 Prozent wächst. Gefragt nach ihrer Prognose für die nächsten Jahre gibt sich Kupcova eher pessimistisch: "Es kann in fünf Jahren schon prinzipiell etwas besser sein, in den Griff bekommen werden wir die Straßenkinderproblematik aber nicht."

27 Waisenhäuser gibt es im Bezirk Charkov. Die Verhältnisse dort spotten aber großteils jeder Beschreibung und treiben die Kinder zurück auf die Straße. Vom Caritas-Heim in Charkov will hingegen niemand mehr weg. Direktor Andrijenko wird von den Kindern "Papa" gerufen und die Lehrerinnen heißen alle "Mama". Das Caritas-Haus müsste kein Einzelfall sein. 300 humanitäre Organisationen sind in Charkov registriert, ihre eigentlichen Aufgaben entsprechend, so Andrijenko, arbeiten aber nur fünf. Insgesamt sind in der Ukraine 5.000 Hilfsorganisationen gemeldet. Aber das Verhältnis zwischen jenen Einrichtungen, die Land und Leuten wirklich helfen wollen und nicht nur als Tarnung für Schmuggelgeschäfte und Geldwäsche dienen, dürfte im ganzen Land nicht anders sein als in Charkov.

Für die Erstklassler im Caritas-Heim läutet inzwischen die Pausenglocke. Lesen und Schreiben ist für heute abgehakt, den Rest des Vormittags wird es mit Turnen weitergehen. Vor lauter Freude schlagen zwei Mädchen jetzt schon ein Rad, und ein anderes springt in den Spagat. Ein Bursch macht gar einen Rückwärtssalto - aus dem Stand! Würden sie sich in den anderen Fächern ebenfalls so leicht tun wie im Sport, der Besuch von öffentlichen Schulen wäre auch für diese Ex-Straßenkinder kein Problem. So aber müssen sie erst noch in der Schule im Heim das Versäumte nachholen und versuchen, den Anschluss an die Altersgenossen, die nicht Monate und Jahre auf der Straße aufwachsen mussten, wieder zu gewinnen. Beim Verlassen der Klasse fällt die über der Tür hängende ukrainische Flagge auf: oben hellblau, unten gelb. Das Blau steht für den strahlenden Himmel über dem Land. Das Gelb soll die in vollem Korn stehenden Weizenfelder symbolisieren.

Dreckiges Dutzend

Der Himmel grau und unten dreckig-grau bis schwarz - so präsentiert sich das Land jedoch für die Straßenkinder, die noch kein "Haus mit den weichen Diwanen und den Spielsachen" gefunden haben. Blitzschnell, nachdem sie die entsetzten Gesichter der Besucher über den Ausstiegslöchern ihrer elenden Behausungen entdeckt haben, springen die Kinder aus den engen Schächten. Fünf, sechs, sieben, ehe man sich versieht, ist man von einem dreckigen Dutzend umringt. Bettelnde Hände strecken sich einem entgegen. Schokolade, Keks, Zuckerl, Obst und schließlich Zigaretten finden reißenden Absatz. Bekommt einer zuviel, reißen es ihm die anderen wieder aus der Hand. Der eine schlägt deswegen wütend zurück, ein kleines Handgemenge entsteht, bis zum Schluss doch wieder jeder mit jedem teilt, der eine vom Schoko des anderen abbeißen darf, und dafür ein paar Züge an der Zigarette spendiert.

"Wolfsrudel" nennt eine Journalistenkollegin diese zusammengewürfelte Kinderschar, die in den Reparaturschächten der Fernheizungsrohre Unterschlupf und Schutz von der Kälte suchen. Natascha ist das einzige Mädchen in der Gruppe. 16 Jahre alt, Haare kurz geschoren, zerissene Lippen, ihr Hals, ihre Finger, ihre spärliche Kleidung ist dreckig, rußig, grindig ... es fehlen die Worte. Während sie erzählt, dass sie es bei der saufenden Mutter nicht länger ausgehalten hat, zupft sie sich ein paar Fuserl aus dem zerschlissenen dünnen Pullover. Sie will wieder zurück, bald, wann genau, das kann sie nicht sagen. Der Bub neben ihr und um eineinhalb Kopf kleiner als sie, sieht seine Zukunft düster. Auf die Frage, was er einmal werden will, antwortet er knapp: Sandler! Und erst später wird einem die eigene Blödheit bewusst, sich nach der Zukunft von Kindern zu erkundigen, die alles daran setzen und froh sein müssen, wenn sie diesen Tag überleben. An Krätze, Syphillis oder Tuberkulose leiden viele unter ihnen, im Sommer überwiegen Erkrankungen im Magen-. Darmbereich, im Winter treten Lungenkrankheiten in den Vordergrund.

Nicht nur im Schacht, dem "Wohnzimmer" der Gruppe, sondern auch rund um die Einstiegslöcher herum liegen leere Klebstofftuben. Ihren Inhalt haben die Kinder ausgeschnüffelt. Eine billige Form, sich in einen Rauschzustand zu versetzen, den Schrecken des Alltags auf und unter der Straße für einige Stunden zu vergessen. "Es gibt Gruppen, die schnüffeln, andere wiederum sind sauber", unterscheidet Vira Koshyl, die Leiterin der Caritas-Straßenkindertagesheimstätte in Kiew. Für gewöhnlich suchen sich die Kinder Behausungen in der Nähe von Märkten und Warenhäusern. Mit Betteln, Autowaschen und anderen Arbeiten für die Marktstandler können sie sich dort am ehesten die benötigten Griwni für den Klebstoff, aber vor allem für ihr tägliches Überleben beschaffen. Diese Gelegenheitsarbeiten sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle Straßenkinder kriminell sind, stellt Koshyl unumwunden fest. Schwierigkeiten mit der Polizei stehen deswegen an der Tagesordnung. Von "Säuberungsaktionen" in den Kanälen und Schächten, von Tränengasangriffen und Toten ist die Rede.

Zugvögeln gleich

Im Sommer sind die Straßenkinder im warmen Süden des Landes, im Winter ziehen sie in die reichere Stadt zurück. Sieben Mal wurde Valerij aus dem Zug geschmissen, bis er es von Odessa nach Kiew geschafft hat. Vira Koshyl nimmt ihn heute mit in das Caritas-Tagesheim, von Kindern und Betreuern kurz "Aspern" genannt, weil es von besagter Wiener Pfarre maßgeblich unterstützt wird. Anna Kupcova vom städtischen Sozialamt nennt "Aspern" ein Modell für weitere, diesmal von der Stadt Kiew finanzierte und betriebene Heime. In den nächsten Jahren soll in jedem der zehn Bezirke der ukrainischen Hauptstadt eines eingerichtet werden. Nach der Höhe des dafür vorgesehenen Budgets befragt, sucht die Vertreterin der Stadt aber nach Ausflüchten. Vira Koshyl zieht ihre Augenbrauen in die Höhe. Zweifel an der Umsetzbarkeit des wichtigen Vorhabens scheinen daher also durchaus angebracht.

Zweifellos jedoch ein fescher Bub ist Valerij, als er nach Dusche und neuer Einkleidung aus dem Bad kommt. Jammerschade, dass er wegen der fehlenden Möglichkeiten am Abend wieder auf die Straße, in den Dreck, in Elend und Gefahr zurück muss. Ein Wechselbad an Geborgenheit und Verstoßensein für die Kinder. Tag und Nacht, hell und dunkel - die Volksschüler in Charkov haben heute diese Worte gelernt, die das Leben der Straßenkinder in der Ukraine bestimmen. Auf dem Rückweg von der Kinderbetreuungsstätte ins Hotel geht der Blick hinauf zum Fast-noch-Vollmond. Es ist Nacht und doch auch Tag, es ist zwar dunkel und doch auch hell. Das Wort für diese Stimmung fehlt den Kindern noch in ihrem Wortschatz. In ihrem Erfahrungsschatz aber haben sie es bereits. Das Wort heißt Caritas.

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