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Wunden sind noch lange nicht verheilt

Kosovo, Mazedonien, Serbien, Bosnien: Österreichische Trotz unterschiedlicher Situationen : Was im Kosovo passiert, beeinflusst auch die schwierige Staatswerdung in Bosnien-Herzegowina. Journalisten bereisten die Krisenherde im ehemaligen Jugoslawien.

Auch wenn viele Gesprächspartner in der Region betonen, die Religionen seien nicht der Konfliktgrund für die vielen Krisen am Balkan: Die Religion gehört mit zum "Spiel", das in den letzten zehn Jahren mehrmals zum Krieg eskalierte. Das erfuhr auch eine Gruppe österreichischer Journalisten, die auf Initiative von "Christen für Europa" - einer gemeinnützigen Ges.m.b.H., die sich ökumenischen Projekten in Südost- und Osteuropa verschrieben hat - die Krisenregionen am Balkan bereiste.

Prügelknaben UNO & KFOR

Schon in der ersten Station, dem unter UNO-Verwaltung stehenden Kosovo wurde das evident. Die Begegnung mit dem serbisch-orthodoxen Bischof Artemije, dem Oberhirten der auf ein Enklaven-Dasein reduzierten serbischen Minderheit, wurde zu einer leidenschaftlich vorgetragenen Anklage über die serbischen Leiden: Die Situation er Kirche und des Volkes seit schlimmer als vor vier Jahren, klagte der Bischof: Kirchen seien zerstört, die Priester in Lebensgefahr, die Vertriebenen könnten nicht zurückkehren, und die internationale Gemeinschaft, die mittels KFOR-Truppen und UNO das Land regiere, sei verantwortlich für die Situation. Bischof Artemije verwies auf jüngste Vorfälle: Zwei serbische Kinder Kinder waren beim Baden aus dem Hinterhalt erschossen worden. Solche Vorkommnisse machen die serbischen Wunden im Kosovo noch größer - und geben den orthodoxen Führern weitere Argumente, dass unter der internationalen Herrschaft alles noch viel schlimmer geworden sei (siehe auch das Gespräch mit Patriarch Pavle, unten). Dass serbische Gewalt am Anfang des Konfliktes stand, davon ist bei den bischöflichen Klagen wenig zu hören.

Friedhelm Frischenschlager, österreichischer Ex-Politiker und als Demokratisierungsexperte für die OSZE im Kosovo tätig, konstatiert nüchtern, dass trotz unverkennbarer Fortschritte von mehreren Seiten - sowohl Albanern als auch Serben - Gewalt eingesetzt wird, um positive Entwicklungen hintanzuhalten. Das Flüchtlingsproblem ist nach Frischenschlagers Worten, auf der albanischen Seite gelöst, auf der serbischen hingegen "völlig ungelöst". Das heißt, von einer Rückkehr der Serben in ihre Wohngebiete kann im Kosovo keine Rede sein.

OSZE-Experte Frischenschlager kritisiert vor allem den ungelösten Status des Kosovo, der die weitere Entwicklung behindere: Die Optionen - ob das Land in irgendeiner Form mit Serbien verbunden bleibt, ob es unabhängig wird, von großalbanischen Träumen gar nicht zu reden - werden zur Zeit von den internationalen Gemeinschaft nicht bewertet.

"Standards before Status" lautet die Devise, das heißt, zunächst sollen demokratische Institutionen und der Rechtsstaat aufgebaut werden, die Flüchtlinge zurückgekehrt und die Eigentumsfragen geklärt sein sowie ein ausgeglichenes Budget erreicht werden - dann will die UNO über den künftigen Status befinden. Keine wirkliche Perspektive für die Menschen, findet auch Frischenschlager.

"Standards before Status"

Aber der finnische Ex-Ministerpräsident Harri Holkeri, von der UNO eingesetzter oberster Zivilverwalter des Kosovo, lässt keine Zweifel daran, dass zur Zeit keine Änderung von "Standards before Status" in Sicht ist. Doch Holkeri, der sich den österreichischen Journalisten mit dem abgewandelten Kennedy-Wort "Ich bin ein Prishtiner" vorstellt, ist pragmatischer Realist: Er, der schon im Nordirland-Konflikt als Vermittler unterwegs war, weiß, dass es einen langen Atem und zunächst der Zusammenarbeit auf praktischen Gebieten des täglichen Lebens bedarf, um langsam Vertrauen aufbauen zu helfen.

Soeben hat er - zum dritten Mal, seitdem die UNO über den Kosovo herrscht - eine Amnestie für alle Waffenbesitzer verkündet, die im September ihre Waffen abgeben: Eine Sisyphus-Arbeit ist es zweifellos, der Bewaffnung der Bevölkerung Herr zu werden. Aber Holkeri verweist auf das Potenzial, das in der Großteils jungen Bevölkerung des Kosovo schlummert - trotz einer Arbeitslosenrate von offiziell 58 (inoffiziell: 80 Prozent) und einemDurchschnittseinkommen von 180 Euro im Monat.

Doch derweil sind es noch nicht einheimische, sondern griechische und polnische Soldaten, die am Grenzübergang nach Mazedonien die Pässe kontrollieren.

Auch Mazedonien ist ein Krisenherd, der 2001 mit dem Rahmenvertrag von Ohrid vor einem Bürgerkrieg zwischen slawischen Mazedoniern und Albanern bewahrt wurde; zur Zeit ist deswegen die EU mit einer Militärmission im Land. Doch als die österreichischen Journalisten in die Hauptstadt Skopje kommen, sprechen im Norden des Landes wieder Waffen, zwischen albanischen (kriminellen?) Aufständischen, die die lokale Bevölkerung einschüchtern, und der Polizei.

Rückschlag in Mazedonien

"Hätten Sie mich vor zwei Wochen über die Lage gefragt", so Radmila ÇSekerinska, 31-jährige Vizeministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mazedoniens, "hätte ich geantwortet: Alles ist dramatisch besser geworden." Doch die sozialdemokratische Mazedonierin, die seit den letzten Wahlen mit der Partei der früheren UÇK in einer Koalition sitzt, ist trotz der Spannungen im Land optimistisch: Albanisch sei jetzt im Parlament und vor Gericht zugelassen, und die Dominanz der Mazedonier im öffentlichen Dienst werde dem Ohrid-Vertrag gemäß reduziert, so ÇSekerinska. Im Prinzip stimmt diesen Aussagen auch Teuta Arifi, stellvertretende Parteivorsitzende der albanischen Regierungspartei, zu. Arifi will aber vordringlich die albanische Präsenz in Polizei und Militär stärken. Beide Politikerinnen sind sich aber einig, dass der Verbesserung der schlechten Wirtschaftslage Mazedoniens das Hauptaugenmerk gilt - das (langfristige) Rezept dafür: Der Beitritt zur EU.

Angesichts der Sicherheits- und Wirtschaftssituation scheint da der orthodoxe Kirchenstreit in den Hintergrund zu treten: Dass sich Mazedoniens Orthodoxie von der serbischen abgespalten hat, wird in Belgrad dennoch nicht akzeptiert (vgl. Patriarch Pavle, Seite 6).

Wenig Beitrag der Kirchen?

Über Belgrad fahren die österreichischen Journalisten nach Sarajewo, Schauplatz des blutigsten Balkankriegs. Noch immer steht Bosnien unter der Herrschaft des Hohen Repräsentanten, allerdings betonen die Vertreter der internationalen Gemeinschaft, dass die "Staatswerdung" des Landes vorankommt: Demnächst sollen die Armeeführungen der Serben und der muslimisch-kroatischen Föderation zusammengeführt werden. Als weiterer Mosaikstein zu einem "normalen" Staat Bosnien-Herzegowina gilt der dieser Tage erstmals direkt von der Polizei der Republika Srpska unternommene, wenn auch erfolglose Versuch, den bosnischen Serbenführer Radovan KaradÇzi´c festzunehmen (vgl. das Gespräch mit Außenminister Ivani´c).

Sowohl der Leiter der OSZE-Mission in Sarajewo, Robert M. Beecroft, als auch Werner Wnendt, Stellvertreter des Hohen Repräsentanten, äußern sich aber zurückhaltend auf die Frage nach der Rolle der Religionen beim Wiederaufbau: Das Engagement der Religionsführer sei wohl stärker geworden, so der Tenor, aber die Religionen, über die sich viele Menschen in Bosnien definierten, könnten viel mehr zur Versöhnung beitragen.

Komaricas Empörung

Einer, den die "Internationalen" von solcher Kritik ausdrücklich ausgenommen haben, ist empört über obige Einschätzung: Franjo Komarica, katholischer Bischof von Banja Luka in der Republika Srpska, beschuldigt die internationale Gemeinschaft, so zu arbeiten, dass sie "möglichst lange bleiben" könnte. Insbesondere die schleppende bis fehlende Rückkehr der kroatischen Flüchtlinge beklagt Komarica: "Bosnien ist immer noch eine blutende Wunde." Und: "Die Knochen wachsen falsch zusammen!"

Komarica hält nichts von der internationalen Präsenz im Land, der er auch schwere Mitschuld an der Lage anlastet. Seine Forderung: Die Internationalen sollen abziehen.

Klagen der Kirchen gegen das internationale Engagement klingen - wenn auch Situationen und Mitverantwortung der Religionen ganz unterschiedlich sind - im Kosovo wie in Bosnien ähnlich. Ein weiterer Berührungspunkt: Sollte der Kosovo unabhängig werden, werden in Bosniens Republika Srpska Stimmen für eine Unabhängigkeit laut werden. Diese Einschätzung teilt auch Außenminister Ivani´c: "Man wird dann fragen, warum die Menschen in Kosovo bestimmte Rechte haben und wir' nicht."

Die Lage, so das Resümee der Reise, verbessert sich. Das ehemalige Jugoslawien bleibt aber eine politisch fragile Region. Ein Grund mehr, so Reinhard Rechberger von "Christen für Europa", der die Reise von Prishtina/PriÇstina bis Sarajewo organisiert hat, Österreichs Öffentlichkeit weiter auf diese Länder aufmerksam zu machen.

Infos: www.christenfuereuropa.at

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