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Zügel für den Weltmarkt

Ungehemmte Konkurrenz auf den Weltmärkten ruiniert die zum Überleben wichtigen ökologischen und sozialen Bestände. Ein Informatiker plädiert für ökosoziale Prinzipien zur Steuerung der Weltwirtschaft.

V ielfach bedroht sieht Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm, die Zukunft des Globus. Sein neuestes Buch "Balance oder Zerstörung" ist ein Plädoyer für die ökosoziale Marktwirtschaft.

Die Furche: Das Thema ihres neuesten Buches ist die nachhaltige Entwicklung. Sehen Sie diese heute sehr gefährdet?

Franz Josef Radermacher: Ich verstehe unter Nachhaltigkeit, dass der Mensch seine Aktivitäten entfaltet, ohne schützenswerte Bestände zu gefährden. Diese fallen in drei Kategorien: soziale Bestände (sozialer Ausgleich, Aufbau von Humankapital), kulturelle Bestände (Fähigkeit zum kulturellen Ausgleich, zum Dialog), Umweltbestände, also vorsichtiger Umgang mit Ressourcen, die nicht erneuerbar sind. Ich sehe das Kapital in allen drei Dimensionen gefährdet: Global verbrauchen wir im Bereich Umwelt schätzungsweise 1,2 Globusse, knabbern also das Kapital an und unterminieren die Chancen zukünftiger Generationen. Massive Zerstörungen haben wir auch beim sozialen Kapital durch Umverteilungsprozesse und den Umstand, dass teilweise Humankapital nicht aufgebaut, sondern geplündert wird - etwa durch "Greencards" ...

Die Furche: Was verstehen Sie darunter?

Radermacher: Die Art, wie die USA sich mit Human-Ressourcen versorgen. Sie bilden sie nicht selber aus, sondern lassen die Besten der Welt zu sich kommen und lösen einen Großteil ihrer Human-Ressourcen-Probleme durch Zuzug.

Die Furche: Ein Aderlass für manche Länder?

Radermacher: In der Dritten Welt fällt dieser Verlust an Qualifikation ins Gewicht. Aber da ist auch noch eine andere gravierende Folge: Die USA können auf diese Weise ihre Ökonomie durch weniger Steuern lauffähig halten. In Zeiten der Globalisierung üben sie durch die internationale Konkurrenz Druck auf alle entwickelten Länder aus, ebenfalls mit weniger Steuern auszukommen.

Die Furche: Inwiefern sehen Sie das Kultur-Kapital gefährdet?

Radermacher: Wir haben eine vollkommen asymmetrische Verteilung militärischer und ökonomischer Macht. Daher gibt es einen massiven Durchgriff des Westens auf ökonomisch schwächere Kulturen. Über seine Innovationsfähigkeit und die freie Markt-Ordnung der WTO zwingt der Westen alle dazu, sich in dieses System einzuklinken. Wer das nicht tut, fällt ökonomisch zurück und wird so zum Objekt des Willens eines anderen. Und das produziert einen kulturellen Durchgriff, der unendlich viel Hass erzeugt, ein enormes Problem für den Weltfrieden.

Die Furche: Wo liegt Ihrer Meinung nach beim Verbrauch natürlicher Ressourcen das Hauptproblem?

Radermacher: Wir zahlen nicht den wahren Preis. Das gilt besonders für internationale Transporte. Ressourcen wie Öl werden in dem Umfang gefördert, wie sie bezahlt werden können. Wir begrenzen die Erzeugung nicht am Bedürfnis zukünftiger Generationen. Und wir tragen auch den Bedürfnissen der armen Lebenden nicht Rechnung. Wer jetzt das Geld hat, hat jetzt den Zugriff.

Die Furche: Aber so funktioniert nun einmal der Markt ...

Radermacher: ... der freie Markt in Verbindung mit souveränen Regierungen, die sich teilweise wie mancher Emir auf einer Ölblase auch noch von den USA schützen lassen - in einer Staatlichkeit, die sie ohne diesen Schutz gar nicht durchhalten könnten. Ein Deal zwischen dem Emir und den USA über den schnellen Verbrauch der Ölreserven und die Aufteilung des Reichtums zwischen dem Emir und den USA zu Lasten der arabischen Bevölkerung, die drum herum sitzt. Das ist einer der Mechanismen. Ein anderer: Man transportiert das Zeug rund um den Globus und bezahlt die ökologischen Kosten nicht. Der internationale Transport zahlt keine Steuern, weder der Flug-, noch der Schiffsverkehr.

Die Furche: Das klingt irgendwie nach Anti-Amerikanismus ...

Radermacher: Zunächst einmal steckt dahinter eine Kritik an der Art, wie der reiche Norden insgesamt wirtschaftet. Wenn ich die USA besonders hervorhebe, so deswegen, weil sie am meisten von diesem System profitieren. Wie kein anderer sind die USA der Motor einer neoliberalen Argumentation, die behauptet, so sei es richtig und außerdem das Beste für die Armen der Welt. Der Fall der Mauer wurde von vielen als der Sieg des freien Marktes interpretiert. Es war aber der Sieg der Marktwirtschaft - und nicht der Sieg des freien Marktes ...

Die Furche: Eine terminologische Spitzfindigkeit?

Radermacher: Es gibt zwei Typen von Marktwirtschaft: der freie, zunehmend deregulierte Markt, den man sich selbst überlässt - manche nennen das den Raubtier-Kapitalismus - und die europäischen und zum Teil auch asiatischen Marktwirtschaften. Sie kombinieren die Freiheit des Marktes mit Rahmenbedingungen. Diese sind auf den Schutz von Beständen, insbesondere den sozialen Ausgleich und eine starke Rolle des Staates, ausgerichtet.

Die Furche: Dafür plädieren Sie?

Radermacher: In allen entwickelten Ländern existieren mehr oder weniger ausgeprägte ökosoziale Strukturen. Selbst innerhalb der USA. Keinen Ordnungsrahmen hat die globale Ökonomie, sie verschiebt diese Regelungen auf die Einzelstaaten. Da diese nun aber untereinander konkurrieren, setzen häufig Abwärtsspiralen ein. In Zeiten der Globalisierung kann man die Sorge für Nachhaltigkeit nicht nur auf der Ebene der Nationalstaaten verankern. Man muss bestimmte Elemente der öko-sozialen Struktur auf die oberste Ebene heben.

Die Furche: Wie stellen Sie sich das vor?

Radermacher: Derzeit steht die Freihandels-Logik der WTO neben den Vereinbarungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und UNO-Umweltprogramms. Untereinander widersprechen sie sich teilweise. Steckt in einem Produkt aus Indien etwa Kinderarbeit, darf dieses dennoch bei uns verkauft werden. Treten Konflikte auf und kommt es zu einem Prozess, setzt sich die WTO durch. Es dominiert daher der Freihandels-Aspekt. Was wir brauchen: Alle Umwelt- und ILO-Vereinbarungen muss man so festlegen, dass sie Teile der WTO-Ordnung werden.

Die Furche: Warum kommt es nicht zu einer solchen Regelung?

Radermacher: Meistens scheitert es daran, dass die ärmsten Länder der Welt gegen die Einbeziehung sozialer und ökologischer Standards argumentieren. Also etwa gegen das Verbot der Kinderarbeit. Zwar wollen diese Staaten keine Kinderarbeit. Sie haben auch die Konvention gegen die Kinderarbeit unterschrieben, sagen aber: Wenn wir etwas verkaufen wollen, zwingt uns die Ökonomie, unsere Kinder arbeiten zu lassen. Besser die Kinder arbeiten, als sie verhungern.

Die Furche: Ähnlich wird in ökologischen Fragen argumentiert ...

Radermacher: Genau. Will der Norden also ernsthaft, dass der Süden höhere Standards akzeptiert, müsste er das kofinanzieren, also Geld dafür geben, dass die Staaten des Südens auf das Unterlaufen der Standards verzichten.

Die Furche: Eine Art Marshallplan?

Radermacher: Das läuft auf einen Welt-Marshallplan hinaus. Übrigens gibt es solche Lösungen ja auch in der EU. In ihren Erweiterungsprozessen ist die EU die einzige Stelle, wo ein Globalisierungsprozess vernünftig gemanagt wird. Das Prinzip: Die Neuankömmlinge übernehmen die Standards der EU und die EU zahlt die Kofinanzierung, damit die Neuen sich das ökonomisch auch erlauben können. So wird die Umwelt geschützt, Dumping hört auf, die anderen entwickeln sich. Aber dazu braucht man die Kofinanzierung.

Die Furche: Wie sollten also internationale Spielregeln aussehen?

Radermacher: Auf der ökologischen Seite sieht man das am besten: Heute haben wir überbordenden CO2-Emissionen. Wie könnte man diese begrenzen? Man vereinbart Grenzen. Jeder Mensch bekommt von dieser Menge ein 6-Milliardstel. Diese Rechte sind handelbar. Dadurch stellt sich ein Preis für diese Rechte ein. Er wirkt wie eine globale Öko-Steuer. Dadurch, dass die Menge der Rechte auf ein erträgliches Niveau limitiert ist, wird nicht mehr emittiert, als zulässig ist. Ähnlich könnte man mit Erdöl umgehen: Man legt ein jährliche Obergrenze für den Erdöl-Verbrauch fest. Dann bekommt jeder Mensch ein Anteilsrecht am Öl. Wer nun Öl kaufen will, muss sich zuerst die Rechte kaufen. Auf diese Weise entstehen auch Geldflüsse zu den Armen in der Welt. So etwas ließe sich einrichten, wenn man nur wollte.

Die Furche: Ist es realistisch, in einer Welt, in der die Mächtigen mächtig bleiben wollen, mit gutem Willen zu rechnen?

Radermacher: In meinem Buch analysiere ich vier Zukünfte und stelle die Frage: Wird die Menschheit klug genug sein, die Knappheiten auch nur irgendwie in die Ökonomie zu integrieren? Unter der Prämisse, dass sie klug genug ist, geht es um die Frage: Tut sie es in einem fairen Vertrag oder nicht? Die Wahrscheinlichkeit für einen fairen Vertrag sehe ich zwischen 30 und 50 Prozent. Integrieren wir die Knappheiten nicht in das ökonomische System, zahlen wir mit einer auf Dauer noch stärker zerstörten ökologischen Basis. Wenn diese immer weniger produktionsfähig ist, bekommen wir zum Schluss Mord und Totschlag. Es gibt also starke Motive, ökologische Begrenzungen in das System zu integrieren.

Die Furche: Eine Änderung des Steuersystems also?

Radermacher: Ja. Ressourcen werden besteuert, Arbeit entlastet. Allerdings funktioniert das nur im internationalen Gleichschritt. Denn soweit ich das beurteilen kann, rechnet sich Plünderung kurzfristig.

Die Furche: Von der ökosozialen Marktwirtschaft redet man seit den achtziger Jahren. Sind Ihre Forderungen da nicht utopisch?

Radermacher: Die Alternative ist ein diktatorisches System: Der Norden beschließt, den Süden daran zu hindern, sich zu entwickeln, weil nicht genug für alle da ist. Bei diesem Ansatz ist mit massivem Widerstand zu rechnen. Diesen muss ich dann bekämpfen, und werde ihn wahrscheinlich Terror nennen. Ich verteidige also mein Eigentum und schütze die Welt. Ich habe eine Definitionshoheit über Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Alles andere ist Aggression. Dieses diktatorische System halte ich für die wahrscheinlichste Lösung. Viele werden zwar sagen: Undenkbar, die erfolgreichen Länder der Welt sind doch Demokratien, bekennen sich zur UN-Charta. Wenn ich mich aber frage, ob es nicht doch Anzeichen gibt, dass es in diese Richtung gehen könnte, so sehe ich solche: Die USA seit dem 11. September und Israel unter Sharon handeln eindeutig in einer Weise, die der Begrifflichkeit von einem ökodiktatorischen Sicherheitsregime entspricht.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Buchtipp

Ohne ökosoziale Spielregeln für die Weltwirtschaft keine Zukunft, so die Botschaft von Radermachers neuem Buch, das in 30 Kapiteln eine nüchterne Analyse der Weltlage und Ansätze zur Bewältigung anstehender Probleme bietet, ohne in unrealistischem Optimismus zu schwelgen. Der Autor, Professor für Informatik und Operations Research, hat sich als Mitglied mehrerer Arbeitsgruppen mit den Langfristig-Perspektiven der Wirtschaft beschäftigt. Seine Aussagen über die US-Politik sind in der Irak-Krise von höchster Aktualität.

Balance oder Zerstörung

Von Franz Josef Radermacher, 312 Seiten, e 15.-; zu beziehen: Ökosoziales Forum Europa, Franz Josefs-Kai 13, 1010 Wien, E-Mail: info@oesfo.at

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