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Zwischen SORGEN & RECHT

Unter Obsorgestreitigkeiten leiden alle Familienmitglieder. Eine Mutter, ein Vater und eine Tochter teilen ihre Erfahrungen.

Nicht immer ist es so dramatisch wie bei Oliver: Anfang April wurde der Fünfjährige von seinem Vater vor dem Kindergarten abgepasst, der Mutter aus der Hand gerissen, und nach Dänemark gebracht. Beiden Elternteilen war in ihrem Land das Sorgerecht zugesprochen worden. Seither beschäftigt der Fall nicht nur die Medien, sondern vor allem Behörden, Anwälte und Gerichte in beiden Ländern. Zurzeit ist Oliver bei seinem Vater in Dänemark.

Auch, wenn es nicht immer so dramatisch zugeht - jede Trennung ist eine persönliche Tragödie. Und davon spielen sich viele ab: Mehr als 40 Prozent aller Ehen, das gehört mittlerweile schon zum Allgemeinwissen, scheitern. In Großstädten ist es die Hälfte. Allein im letzten Jahr wurden in Österreich knapp 17.300 Ehen geschieden. Seit fünf Jahren ist die Scheidungsrate zwar leicht rückläufig, das ist aber wahrscheinlich auf die Wirtschaftslage zurückzuführen: Ein Rechtsstreit mit Anwälten und Gutachten kostet Geld, und die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich nach der Trennung der Haushalte.

13.400 Scheidungskinder

Hinter den nackten Zahlen stecken freilich Schicksale. 17.300 Scheidungen im Jahr heißt: 34.600 Männer und Frauen mussten ihr Leben komplett neu ordnen. Und 13.400 Minderjährige wurden zu Scheidungskindern. Trennungen von Paaren, die nicht verheiratet waren, und die Trennungs-Schicksale ihrer Kinder sind in dieser Statistik noch gar nicht erfasst.

Zwischen 45 und 54 Prozent der Geschiedenen - hier differieren die Studien - vereinbaren eine gemeinsame Obsorge. In den anderen Fällen geht nach derzeitiger Gesetzeslage das alleinige Sorgerecht an einen Elternteil, in den allermeisten Fällen an die Mütter. Die Mutter-Kind-Familie ist in Österreich längst kein Sonderfall mehr: Etwa 107.400 Mütter sind als Alleinerzieherinnen mit Kindern unter 15 Jahren registriert. Demgegenüber stehen rund 7.400 Väter, die ihre Kinder alleine großziehen.

3.700 offene Obsorgefälle im Mai 2012

Wenn die Eltern sich nicht einigen, wird das Sorgerecht einem Elternteil von einem Richter zugesprochen. Obsorgeverfahren sind aufwendig - und oft zermürbend für alle Beteiligten. Weniger als drei Monaten dauert es selten, bis ein Entscheid fällt. In Einzelfällen kann sich ein Verfahren über viele Jahre ziehen. Aktuell sind an den österreichischen Gerichten 3.700 Sorgerechtsfälle offen.

Und selbst, wenn die Scheidung einvernehmlich war, bleibt vielen der Gang zum Gericht nicht erspart: Oft kommt es erst ein oder zwei Jahre später zu Problemen. Dann wird vor Gericht über Unterhalt oder Besuchszeiten gestritten. Häufig reiht sich ein Verfahren an das andere: Erst kommt das Scheidungsverfahren, dann der Obsorgestreit, später ein Aufteilungs- und ein Besuchsrechtverfahren.

Womit sie während der Gerichtsverfahren und in der Zeit danach zu kämpfen haben, erzählen die Mutter einer 17-Jährigen Tochter, ein Vater von zwei Kindern und eine Tochter geschiedener Eltern.

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