Annie Ernaux - © Foto: Getty Images / Simone Padovani / Awakening

Annie Ernaux: In der Pufferzone

1945 1960 1980 2000 2020

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, geboren am 1. September 1940, bezeichnet sich als „Ethno­login ihrer selbst“. Zum 80. Geburtstag.

1945 1960 1980 2000 2020

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, geboren am 1. September 1940, bezeichnet sich als „Ethno­login ihrer selbst“. Zum 80. Geburtstag.

„Wahrscheinlich habe ich dieses Foto aufbewahrt, weil wir darauf, anders als sonst, wie etwas aussahen, das wir nicht waren, feine Leute, Feriengäste.“ Das Foto zeigt ­Annie Ernaux als Zwölfjährige in artiger Festkleidung samt Vater im dunklen Anzug, aufgenommen in Biarritz, während einer Gruppenreise nach Lourdes. Der Sonntagsstaat vermag über die soziale Wirklichkeit – den eigenen Platz in der Klassengesellschaft – nicht hinwegzutäuschen.

Die Passage stammt aus Ernauxʼ Werk „La Honte“, „Die Scham“, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die vielfach prämierte französische Autorin schreibt ihr Projekt, eine soziologisch ­orientierte Autofiktion, schonungslos fort. Ihre katholische Erziehung, der kleinbürgerliche Alltag, Sexualität, Krankheit und Trauer – diese persönlichen Erfahrungen fungieren als Materialfundus für ihre Suche nach jener tiefen, psychosozialen Wahrheit, die sich hinter alten Fotos, Ritualen oder Worten verbirgt. Dabei legt sie auch jene Pufferzone frei, die soziale Aufsteiger ins Dilemma stürzt. Denn deren Zustimmung zu ererbten und mentalen Strukturen des Herkunftsmilieus ist, mit dem Soziologen Didier Eribon gesprochen, stärker, als sie glauben: Ernauxʼ Eltern kämpften sich aus der Welt der Bauern und Arbeiter in den Kreis der Kleingewerbetreibenden hoch, sie selbst fand (qua Studium, Lehrberuf und Ehe) Zugang zum Bildungsbürgertum: „Meine Mutter, die in ein beherrschtes Milieu hineingeboren worden war, das sie hinter sich lassen wollte, mußte erst Geschichte werden, damit ich mich in der beherrschenden Welt der Wörter und Ideen, in die ich auf ihren Wunsch hin gewechselt bin, weniger allein und falsch fühle.“

Ernaux hat ihrer Mutter mit „Die Frau“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Dem Mutter-Buch ging ein Vater-Buch („Der Platz“) voran, eines über die im Kindsalter verstorbene Schwester („LʼAutre Fille“) folgte. Dazwischen zahlreiche Werke, in denen die Autorin ihre Suche nach Identität an prägenden und heiklen Etappen ihres Lebens spiegelt.

Das Leben zu betrachten, um zu schreiben, das bedeute, es anders zu sehen, meinte Annie Ernaux einmal. Dass ihr Herz dabei stark für die kleinen Leute schlägt, ist unüberhörbar.

„Wahrscheinlich habe ich dieses Foto aufbewahrt, weil wir darauf, anders als sonst, wie etwas aussahen, das wir nicht waren, feine Leute, Feriengäste.“ Das Foto zeigt ­Annie Ernaux als Zwölfjährige in artiger Festkleidung samt Vater im dunklen Anzug, aufgenommen in Biarritz, während einer Gruppenreise nach Lourdes. Der Sonntagsstaat vermag über die soziale Wirklichkeit – den eigenen Platz in der Klassengesellschaft – nicht hinwegzutäuschen.

Die Passage stammt aus Ernauxʼ Werk „La Honte“, „Die Scham“, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die vielfach prämierte französische Autorin schreibt ihr Projekt, eine soziologisch ­orientierte Autofiktion, schonungslos fort. Ihre katholische Erziehung, der kleinbürgerliche Alltag, Sexualität, Krankheit und Trauer – diese persönlichen Erfahrungen fungieren als Materialfundus für ihre Suche nach jener tiefen, psychosozialen Wahrheit, die sich hinter alten Fotos, Ritualen oder Worten verbirgt. Dabei legt sie auch jene Pufferzone frei, die soziale Aufsteiger ins Dilemma stürzt. Denn deren Zustimmung zu ererbten und mentalen Strukturen des Herkunftsmilieus ist, mit dem Soziologen Didier Eribon gesprochen, stärker, als sie glauben: Ernauxʼ Eltern kämpften sich aus der Welt der Bauern und Arbeiter in den Kreis der Kleingewerbetreibenden hoch, sie selbst fand (qua Studium, Lehrberuf und Ehe) Zugang zum Bildungsbürgertum: „Meine Mutter, die in ein beherrschtes Milieu hineingeboren worden war, das sie hinter sich lassen wollte, mußte erst Geschichte werden, damit ich mich in der beherrschenden Welt der Wörter und Ideen, in die ich auf ihren Wunsch hin gewechselt bin, weniger allein und falsch fühle.“

Ernaux hat ihrer Mutter mit „Die Frau“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Dem Mutter-Buch ging ein Vater-Buch („Der Platz“) voran, eines über die im Kindsalter verstorbene Schwester („LʼAutre Fille“) folgte. Dazwischen zahlreiche Werke, in denen die Autorin ihre Suche nach Identität an prägenden und heiklen Etappen ihres Lebens spiegelt.

Das Leben zu betrachten, um zu schreiben, das bedeute, es anders zu sehen, meinte Annie Ernaux einmal. Dass ihr Herz dabei stark für die kleinen Leute schlägt, ist unüberhörbar.

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