Ralf Rangnick - © Foto: APA/Georg Hochmuth

Ralf Rangnick: Der Philosoph des runden Leders

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Der 65-jährige Deutsche Ralf Rangnick ist „mit vollem Herzen“ österreichischer Nationaltrainer – und bleibt das auch nach der Euro.

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Der 65-jährige Deutsche Ralf Rangnick ist „mit vollem Herzen“ österreichischer Nationaltrainer – und bleibt das auch nach der Euro.

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Vielleicht liegt es an dem schönen blauen Fluss, der durch Wien fließt, ganz nah am Ernst-Happel-Stadion vorbei. Vielleicht hätte Fußballösterreich nie zweifeln dürfen, dass unser Herr Nationaltrainer seiner Wirkungsstätte die Treue hält. Schließlich gelang Ralf Rangnick (65) der große Durchbruch als Trainer in den 1990er Jahren ebenfalls in einer Stadt an der Donau.

Es war in der Spielzeit 1998/99, als der damals 40-Jährige den deutschen Zweitligisten SSV Ulm 1846 zum Herbstmeister coachte und ein Vertragsangebot aus der Bundesliga erhielt. Noch als Trainer von Ulm erhielt er den Titel „Fußballprofessor“: Zu Gast im ZDF erklärte er ausführlich Feinheiten seiner Taktik und philosophierte darüber, dass eine Formation mit Viererkette in der Verteidigung – wie er sie etablierte – noch lange keine Abkehr vom traditionellen Libero bedeutet, dem letzten freien Mann in der Verteidigung. Vielleicht war Rangnicks Vorsicht, den Libero nicht schlechtzumachen, weise Voraussicht: Schließlich war es ein Wiener, Karl Rappan, der die Position in den 1930er Jahren als Schweizer Nationaltrainer erfand und damit große Erfolge feierte. Und schließlich war auch Ernst Happel, Namensgeber von Rangnicks heutigem „Büro“, ein legendärer Libero.

Primus inter pares der neun Millionen Teamchefs

Nach erfolgreichen Stationen als Trainer bei mehreren deutschen Bundesligaklubs nahm sich Rangnick 2011 – Burnout-gefährdet – eine Auszeit. Seine Rückkehr in das Fußballgeschäft trat er als Sportdirektor des FC Red Bull Salzburg an. Er gestaltete die Strategie des Vereins um, setzte auf junge Talente statt eingesessene Stars und machte Salzburg zum Serienmeister. Anschließend übernahm er beim RB-Schwesterverein in Leipzig Ämter als Sportdirektor und Trainer. Im Mai 2022 wurde er als österreichischer Teamchef vorgestellt. Hierzulande muss man spezifizieren: als primus inter pares der neun Millionen Teamchefs.

Nach der Qualifikation für die EM mit nur einer Niederlage stand das Land geeint wie selten hinter einem Nationaltrainer. Vergangenen Dienstag dann der Hiobsbericht in der Bild-Zeitung: Rangnick will zum FC Bayern wechseln. Als er zwei Tage später das Gegenteil verkündete, titelte die Krone online mit ruhigem Puls: „JAAA! Ralf Rangnick bleibt unserem ÖFB-Team treu“. Bleibt nur zu hoffen, dass auch der ÖFB seinem Trainer treu bleibt – unabhängig vom Erfolg bei der EM. Seine Absage an die Bayern-Millionen zeugt jedenfalls von geradezu philosophischem Idealismus.

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