Toni Morrison - © Foto: APA / Herbert P. Oczert
Porträtiert

„Zeige uns den weiten Rock des Glaubens“

1945 1960 1980 2000 2020
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„Wer sind diese Menschen?“, fragte Toni Morrison 2016 angesichts der ihre Sklaven peitschenden Herren und Herrinnen in einem Vortrag an der Harvard University (in „Die Herkunft der anderen: Über Rasse, Rassismus und Literatur“, 2018). „Sie mühen sich bis zur Erschöpfung, um den Sklaven als nicht menschlich, als Wilden zu definieren, während die Definition dessen, was nicht menschlich ist, ganz eindeutig auf sie selbst zutrifft.“ Die Frage nach dem Warum des Rassismus beschäftigte Morrison zeitlebens, ebenso die Analyse seiner Auswirkungen: auf Körper und Seele der Einzelnen (herausragend: „Beloved“, dt. „Menschenkind“) und auf Gesellschaft und Kultur. Sie sezierte seine Spuren in kanonisierter Literatur (empfehlenswert: „Im Dunkeln spielen: Weiße Kultur und literarische Imagination“).

Ihr erster Roman „Sehr blaue Augen“ erschien 1970, zwei Jahre nach der Ermordung Martin Luther Kings. Morrison, Lektorin und alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder, erzählt darin, was der Rassismus im verletzlichsten, hilflosesten Glied der Gesellschaft anrichtet: in einem schwarzen weiblichen Kind. Die Millionen Sklaven kamen in der amerikanischen Geschichtsschreibung kaum vor: Die 1931 in Ohio als Chloe Wofford geborene Autorin schrieb mit ihrer Literatur und ihren Essays gegen diese blinden Flecken an. Ihre meisterhaften Werke erzählen unter anderem auch von Schuld, von Traumata, die sich nicht in Sprache fassen lassen und die man umso schwerer loswerden kann, von der Sehnsucht nach dem Paradies und darüber, was passieren kann, wenn man solche Paradiese aus ethnischem oder religiösem Überlegenheitsgefühl um alles in der Welt gegen andere verwirklichen will („Paradise“). Von der Kraft der Solidarität und von Liebe. „Erzähle uns nicht, was wir glauben und was wir fürchten sollen. Zeige uns den weiten Rock des Glaubens und den Stich, der die Netzhaube der Furcht auftrennt“: Als Morrison 1993 den Nobelpreis erhielt, trug sie ihr poetisches Programm als Geschichte vor. Bis 2006 lehrte sie an der Princeton University. „The Pieces I Am“, ein Film über ihr Leben, läuft gerade in den US-Kinos. Am 5. August ist mit Toni Morrison eine der bedeutendsten US-amerikanischen Autorinnen gestorben.

„Wer sind diese Menschen?“, fragte Toni Morrison 2016 angesichts der ihre Sklaven peitschenden Herren und Herrinnen in einem Vortrag an der Harvard University (in „Die Herkunft der anderen: Über Rasse, Rassismus und Literatur“, 2018). „Sie mühen sich bis zur Erschöpfung, um den Sklaven als nicht menschlich, als Wilden zu definieren, während die Definition dessen, was nicht menschlich ist, ganz eindeutig auf sie selbst zutrifft.“ Die Frage nach dem Warum des Rassismus beschäftigte Morrison zeitlebens, ebenso die Analyse seiner Auswirkungen: auf Körper und Seele der Einzelnen (herausragend: „Beloved“, dt. „Menschenkind“) und auf Gesellschaft und Kultur. Sie sezierte seine Spuren in kanonisierter Literatur (empfehlenswert: „Im Dunkeln spielen: Weiße Kultur und literarische Imagination“).

Ihr erster Roman „Sehr blaue Augen“ erschien 1970, zwei Jahre nach der Ermordung Martin Luther Kings. Morrison, Lektorin und alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder, erzählt darin, was der Rassismus im verletzlichsten, hilflosesten Glied der Gesellschaft anrichtet: in einem schwarzen weiblichen Kind. Die Millionen Sklaven kamen in der amerikanischen Geschichtsschreibung kaum vor: Die 1931 in Ohio als Chloe Wofford geborene Autorin schrieb mit ihrer Literatur und ihren Essays gegen diese blinden Flecken an. Ihre meisterhaften Werke erzählen unter anderem auch von Schuld, von Traumata, die sich nicht in Sprache fassen lassen und die man umso schwerer loswerden kann, von der Sehnsucht nach dem Paradies und darüber, was passieren kann, wenn man solche Paradiese aus ethnischem oder religiösem Überlegenheitsgefühl um alles in der Welt gegen andere verwirklichen will („Paradise“). Von der Kraft der Solidarität und von Liebe. „Erzähle uns nicht, was wir glauben und was wir fürchten sollen. Zeige uns den weiten Rock des Glaubens und den Stich, der die Netzhaube der Furcht auftrennt“: Als Morrison 1993 den Nobelpreis erhielt, trug sie ihr poetisches Programm als Geschichte vor. Bis 2006 lehrte sie an der Princeton University. „The Pieces I Am“, ein Film über ihr Leben, läuft gerade in den US-Kinos. Am 5. August ist mit Toni Morrison eine der bedeutendsten US-amerikanischen Autorinnen gestorben.