Edition Jägerstätter - © Foto: Josef Wallner/KiZ

80. Todestag von Franz Jägerstätter: Die „Story“ ist universell

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Gegen den Strom ins digitale Zeitalter: 80 Jahre nach dem Tod Jägerstätters gehen seine Schriften online. Ein Projekt an der Schnittstelle zur Erinnerungs- und Bildungsarbeit.

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Gegen den Strom ins digitale Zeitalter: 80 Jahre nach dem Tod Jägerstätters gehen seine Schriften online. Ein Projekt an der Schnittstelle zur Erinnerungs- und Bildungsarbeit.

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Das 2017 ins Leben gerufene „Franz und Franziska Jägerstätter Institut“ an der Katholischen Privat-Universität Linz hat nach mehrjähriger Arbeit den Nachlass Franz Jägerstätters in einer digitalen Edition (edition-jaegerstaetter.at) herausgegeben. Nachdem die Erbinnen sowie die Pfarre St. Radegund 2018 die Originale an die Diözese Linz übergeben hatten und in den vergangenen Jahren immer wieder neue Textfunde gemacht wurden, war es an der Zeit, eine kritische Gesamtausgabe des verfügbaren Textkorpus in Blick zu nehmen. Lag das Hauptaugenmerk bislang auf den Briefen und Schriften aus der Militär- und Gefängniszeit, wurden nun sämtliche Briefwechsel aus dem Leben Jägerstätters berücksichtigt.

Von besonderem Interesse sind auch die 30 mehrseitigen losen Blätter und vier Hefte, die Jägerstätter in der Entscheidungszeit sowie in der Haft beschrieben hatte. Textentwicklungsstufen und Textparallelen in diesem Teilkorpus können in der digitalen Umgebung angezeigt werden. Weiters werden alle neueren Funde gemeinsam mit dem bereits bekannten Material veröffentlicht. Zu den Neuheiten zählt etwa ein 2021 zufällig entdecktes zweiseitiges Blatt, das mit den Worten beginnt: „Wie kam ich eigentlich auf die Idee nicht einzurücken!“

Der erweiterte Jägerstätter-Nachlass

Das gesamte Textkorpus der „Franz und Franziska Jägerstätter Edition“ umfasst somit insgesamt 370 Schriften: 137 von Franz Jägerstätter verfasste Schriften, 183 an ihn gerichtete Briefe von Verwandten, Nachbarn und Bekannten sowie 50 Briefe, die über ihn verfasst und vorwiegend an Franziska Jägerstätter adressiert wurden. Dank der verdienstvollen Forschung von Erna Putz (vgl. Interview) und des diözesanen Seligsprechungsprozesses waren viele Grundlagen, auch in der Texttranskription, vorhanden. Eine zentrale Herausforderung war jedoch, die ca. 1000 Seiten Originaltext für Forschung, Schule, Pastoral, interessierte Laien usw. gleichermaßen aufzubereiten.

Hierfür wurde neben einer buchstabengetreuen Umschrift eine der heutigen Rechtschreibung entsprechende Lesefassung erarbeitet, in der lebensweltliche und dialektale Besonderheiten für junge Leser(innen) kommentierend erläutert werden. Gleichzeitig kann durch eine Doppelfensteransicht immer auch das Faksimile des Originals betrachtet werden, wodurch der materielle und ästhetische Aspekt des Schreibens präsent ist. Spezielle Filter ermöglichen es, per Mausklick in spezielle Lebensphasen Jägerstätters, etwa die oft als „wild“ qualifizierte Jugend (Frühzeit), einzutauchen – und schaffen so auch für wenig versierte Jägerstätter-Interessierte vielfältige Zugangsmöglichkeiten. Ein Namensregister mit über 400 Namen, ein Bibelstellenverzeichnis, eine Fotosammlung sowie Biografien zu Franz und Franziska Jägerstätter und ihren zentralen Briefpartnern machen die Edition zu einer Plattform mit verschiedensten Nutzungs- und Vertiefungsformen.

Digitale Medien können die Begegnung mit Zeitzeug(inn)en, wie sie mit Franziska Jägerstätter jahrzehntelang möglich war, oder den Besuch St. Radegunds nicht ersetzen. Aber besteht nicht im Digitalen die Gefahr zur Oberflächlichkeit in der Auseinandersetzung? Ja und nein! „Der Weg zu den Quellen führt gegen den Strom“ heißt es im Jägerstätter-Lied (Text von Martin Winklbauer). Diese theologisch verdichtete Aussage über Franz Jägerstätter lässt sich lapidar abwandeln: „Der Weg zu den Quellen führt über die digitale Edition.“

Als Historiker, Theologe und Gedenkpädagoge bin ich der Ansicht, dass die Schriften Franz Jägerstätters nicht nur historische Quellen sind, sondern auch zu den Quellen des christlichen Glaubens heranführen. Allein dadurch rechtfertigt sich das Großunternehmen der wissenschaftlichen Herausgabe der Originalschriften in digitaler Form. Das Medium ist zwar neu, aber es führt im besten Fall noch intensiver zu den Ursprüngen. Und das bei aller theologischen und teils auch sprachlichen Sperrigkeit, die so manchen Passagen nach über 80 Jahren anlastet.

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