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"Adam, wo bist du?"

Nicht die Frage, wie man am besten anderen helfen könne, sei die erste Fragestellung der Ethik. helmut schüller fordert vielmehr dazu auf, zuerst den eigenen Sinn, den eigenen Standort zu definieren.

Unter Ethik wird heutzutage meistens das gehandelt, was man unter Bindestrich-Ethik versteht: Eine Vorsilbe vor alle möglichen Hauptwörter. In Wahrheit ist Ethik aber zunächst einmal die Sicht des Menschen von sich selbst. Es ist die Frage, was halte ich von mir selbst. Der Sozialethiker Arno Anzenbacher beschreibt es in seinem Buch "Was ist Ethik? Eine fundamentalethische Skizze" so: "Nach Thomas von Aquin ist das Vernunftwesen, der Mensch, Ursache seiner Selbst, sich Ursache des Handelns. Das heißt, er selbst bestimmt sich zum Handeln, und zwar zum so Handeln, er hätte auch anders handeln oder die Handlung unterlassen können. Wir rechnen Menschen ihr Handeln zu, wenn sie zurechnungsfähig sind. Wie wir handeln, liegt an uns. Darum können wir [...] Handeln vorwerfen. Damit hängt ein Gesichtspunkt zusammen, den wir mit der Rede von Verantwortung meinen. In Verantwortung liegt Antwort. Jemandem eine Handlung im Sinne von Verantwortung zurechnen heißt offenbar, von ihm erwarten, dass er vernünftig antworten kann auf die Frage, warum er so und nicht anders gehandelt hat. Wir billigen Handlungen dann, wenn wir sehen, dass sie einer vernünftigen Rechtfertigung fähig sind."

Der Menschheit würdig sein

Oder ein Zitat von einem großen Philosophen der ethischen Fragestellungen, nämlich Immanuel Kant, der es in der "Metaphysik der Sitten" so sagt: "Die Pflicht des Menschen also ist es, sich aus der Rohigkeit seiner Natur, aus der Tierheit immer mehr zur Menschheit, durch die er allein fähig ist, sich Zwecke zu setzen, emporzuarbeiten, seine Unwissenheit durch Belehrung zu ergänzen und seine Irrtümer zu verbessern. [...] Die moralisch-praktische (Vernunft, Anmerkung) gebietet es ihm schlechthin, macht diesen Zweck für ihn zur Pflicht, um der Menschheit, die in ihm wohnt, würdig zu sein."

Die Fragestellungen der Ethik hängen also nicht damit zusammen, wie sehr ich dem bedrängten Nächsten zu Hilfe komme, sondern was ich von mir selbst für ein Bild habe, in welcher Verantwortung, in welcher Freiheit zum Handeln ich mich sehe. Von der Ethik wird immer erwartet, dass sie als Allheilmittel, als spezielles philosophisches Know-How zu den Dingen, die da laufen, hinzukommt, damit sie besser laufen. Aber Ethik entzieht sich diesem Gebrauch. Wenn die Frage gestellt wird, welche Werte die Wirtschaft braucht, dann braucht sie zuerst den Menschen, der sich seiner selbst bewusst ist und bewusst bleibt. Letztlich geht es um die Frage, wozu ich selbst eigentlich da bin. Wenn ich diese Frage nicht für mich selber entscheide, dann definieren mir andere den Maßstab des Erfolges. Aber mein Selbstwertgefühl ist auf der Strecke geblieben.

Mancher Aufstieg ein Abstieg

Diese Gedanken sind für die längerfristige Überlegung unbedingt wichtig. Was bist du dir selbst wert? Was bist du deiner Grundberufung wert? Was wird aus einem Menschen ohne Berücksichtigung seiner ethischen Grundberufung? Vielleicht karrieremäßig sehr viel. Menschlich unter Umständen kann aber so mancher Aufstieg längst schon ein Abstieg sein.

Ethik hat also etwas mit dem persönlichen Standort in einem Wertgefüge zu tun. Und einem Stehen in sich selbst in dem Bewusstsein, dass, was immer ich in diesem Leben tue, letztlich der Vervollkommnung meines Menschseins und der Ausgestaltung meiner Grundberufung dienen soll. Wenn ich so von mir denken kann, dann ergibt sich auch auf den anderen Menschen ein anderer, ein besonderer Blick. Dann sehe ich auch im anderen, sei er nun Mitarbeiter, sei er nun Kunde, sei er gewöhnlicher Mensch, den, der selbst eine solche Berufung trägt. Und ihm in dieser Berufung zu helfen, ist dann meine eigene menschliche Berufung.

Werte ist übrigens ein Wort, das in der ethischen Diskussion umstritten ist, ein Begriff, der eigentlich von ganz woanders kommt und erst sehr neu in diese Ethikdiskussion hineingetragen worden ist. Und er hat auch so etwas Praktisches an sich, als könnte man es von außen herbeirufen und in Rahmenordnungen sicherstellen. Ich glaube auch aus meiner Philosophie, aus meiner Gesellschaftssicht heraus an die Bedeutung von Rahmenordnungen. Ich möchte sie aber nicht überschätzen. Sie sind nämlich letztlich sinnlos, wenn sie nicht korrespondieren mit einer mitwachsenden Selbstbewusstheit des Menschen, der in ihnen handeln soll. Sich alles von Rahmenordnungen zu erwarten, heißt in Wahrheit, die Kontrollen zu erhöhen und den Menschen immer mehr davon zu entwöhnen, seine Freiheit, sein eigenes Denken, seine Verantwortung und sein Gewissen zu strapazieren.

Schmerzliche Grenzfrage

Kommt Ethik zu teuer, ist mir die Frage gestellt worden. Ich glaube nicht. Wenn die Ausgangsfrage die ist, ob ich mit der Arbeit, die ich tue, und mit der Art, wie ich sie tue, meine eigene Berufung als Mensch erfülle, dann kann es nicht teuer genug werden.

Selbstverständlich beinhaltet dieser Gesichtspunkt, das möchte ich auch ganz offen auf den Tisch legen, auch die schmerzliche Grenzfrage, bis wohin gehe ich wo mit. Es wird einem keine Ethik dieser Welt dabei helfen können, sich vor dieser Frage zu drücken. Habe ich für mich selbst diese rote Linie markiert, ab der ich für mich mein eigenes Menschsein verliere? Oder ich den andern ihre Möglichkeiten, sich als Mensch zu entwickeln, raube. Und insofern ist der flexible Mensch, wie der Soziologe Richard Sannet eines seiner Bücher benannt hat, zunächst einmal eine schwungvolle Formel, aber er selbst analysiert es kritisch auch in seinem Buch: Flexibilität kann hier auch als letztes Ziel die Standpunktlosigkeit, sozusagen die Maßstabslosigkeit bedeuten, die Anpassungsfähigkeit an alles, wenn es nur Erfolg bringt. Aber was ist Erfolg ohne Ethik?

Standpunktfragen

Ich möchte noch einmal dazu plädieren, die Ethikfrage geduldig und gründlich in zwei Aspekte zu gliedern: Der eine, geläufigere, ist sicher der des Respekts vor dem anderen Menschen und letztlich, dass meine edelste Berufung wohl darin liegt, ihm zur Erfüllung seiner Berufung, der Entfaltung seines Menschseins, zu verhelfen, ob er nun ein Habenichts im Süden der Erde, ein auf seine minder bewertete Arbeitskraft reduzierter oder zum Kostenfaktor auf Beinen gemachter Mensch ist, der nur noch in Statistiken und Berechnungen und en masse vorkommt. Ich muss also den Menschen herauslösen aus dieser Sicht und ihm wieder seine ursprüngliche Würde zurückgeben. Aber der zweite Teil der Ethik ist eben die ganz wichtige, unabdingbare Frage: Was bist du selbst? Was wird aus dir in dem, was du tust?

Ganz am Anfang der Bibel stehen die dem entsprechenden, die zwei großen Grundfragen Gottes an den Menschen: Adam, wo bist du? Wo ist dein Bruder Abel?

Helmut Schüller ist Universitätsseelsorger an der Wirtschaftsuniversität Wien und Pfarrer in Probstdorf.

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