Ahmadiyya, Ahmadis, London, Moschee - © Foto: MKA UK

Ahmadis in Europa: Das andere Kalifat

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Während Hamburger Extremisten von einem Kalifat träumen, hat die islamische Gemeinschaft der Ahmadiyya dieses schon verwirklicht – freilich fernab politischer Machtansprüche. Ein Lokalaugenschein in Wien und London.

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Während Hamburger Extremisten von einem Kalifat träumen, hat die islamische Gemeinschaft der Ahmadiyya dieses schon verwirklicht – freilich fernab politischer Machtansprüche. Ein Lokalaugenschein in Wien und London.

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Es waren rund tausend Männer, die am 27. April durch die Straßen Hamburgs zogen. Und drei Dutzend Frauen marschierten – getrennt von ihnen und verschleiert – mit. Ihr großes Ziel hatte die Gruppe „Muslim Interaktiv“ ganz unverblümt auf Schildern formuliert: „Kalifat ist die Lösung“, stand darauf zu lesen, begleitet von Rufen gegen eine vermeintliche „deutsche Wertediktatur“.

Die Empörung war groß. Sollte es wirklich erlaubt sein, in einem liberalen, demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland eine Herrschaftsform unter einem religiösen Führer und unter Geltung der Scharia zu fordern? „Schwer erträglich“ nannte Innenministerin Nancy Faeser (SPD) die Demonstration der Islamisten, doch habe es „keine Rechtsgrundlage“ für ein Versammlungsverbot gegeben. Zwei Wochen später kam es zur nächsten Demo mit nun 2300 Teilnehmern – diesmal allerdings ohne Ruf nach einem Kalifat. Die Behörden hatten dies in Wort, Bild und Schrift untersagt. Ebenso Aufrufe zu Hass und Gewalt sowie Geschlechtertrennung.

So klar das Ziel der Hamburger Islamisten scheint, so historisch uneindeutig ist freilich der von ihnen verwendete Begriff „Kalifat“. Sein Spektrum reicht vom politisch starken Kalifat in Bagdad des 9. Jahrhunderts über das rein repräsentative, wie es etwa in Istanbul der 1920er Jahre existierte, bis zum aktuellen Kalifat der Gewalt, das Abu Bakr al-Baghdadi mit dem Islamischen Staat in Syrien und Irak errichtete.

Geistiges Kalifat vs. Gottesstaat

Auch für die europaweit zehntausenden Anhänger der „Ahmadiyya“ (siehe unten) ist das Kalifat längst Realität – wenn auch deutlich anders, als in Hamburg herbeifantasiert. Während die Organisation Hizb ut-Tahrir, der die Hamburger Islamisten angehören, die Demokratie abschaffen und durch einen islamischen Gottesstaat inklusive Alkoholverbot, Verhüllungsvorschriften und Körperstrafen ersetzen will, haben die Ahmadis keine politischen Ambitionen und glauben an die Trennung von Religion und Staat. „Der Kalif ist unser geistiger Vater“, sagt Imam Muhammad Ashraf, leitender Obmann und Missionar der Ahmadiyyaa-Gemeinde in Österreich. „Auch Muslime waren daher von den Hamburger Aufrufen verunsichert.“ Nicht zuletzt die Ahmadis selbst, die von Hizb ut-Tahrir als Häretiker angesehen werden. Doch was will und wie lebt diese Gruppe, die sich selbst als islamische Reformbewegung versteht?

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