Alte Wunde Antijudaismus

Rom hat die antijüdische Karfreitagsbitte im wiederzugelassenen tridentinischen Ritus "entschärft". Viele Juden und Christen sind damit nicht zufrieden.

Juden und der Vatikan: Ein neuer Zusammenprall." So titelte das Time Magazine, nachdem die Vatikanzeitung Osservatore Romano am 5. Februar einen neuen Text der tridentinischen Karfreitagsfürbitte für die Juden veröffentlicht hatte. Von vielen jüdischen Stimmen kam laute oder leise Kritik an der neuen Karfreitagsbitte des alten Ritus. Auch Rabbiner Walter Homolka kritisierte letzte Woche in seiner Furche-Kolumne die "römische Kosmetik" am antijüdischen Gebet.

Nirgendwo sonst in der katholischen Kirche war der christliche Antijudaismus bis zum II. Vatikanum so manifest wie in der Karfreitagsliturgie. Die christliche "Theologie der Verachtung" gegen das jüdische Volk kulminierte in der Fürbitte für die "treulosen" Juden, für die die Christen trotz der "Verblendung jenes Volkes" beten würden. Johannes XXIII. strich 1959 das "treulos", das schlimmste Wort des Gebets (vgl. Mittelspalte, oben).

Aber der immer noch massiv antijüdische Rest überstand auch noch die letzte Revision des alten Messbuchs von 1962, die im Juli von Papst Benedikt XVI. als "außerordentliche Form" des Messritus wieder in Kraft gesetzt wurde. Jüdische wie christliche Stimmen bestürmten Rom seither, die unsägliche Karfreitagsbitte abzuändern.

Die katholische Kirche war dabei von ihrem Antijudaismus längst abgerückt. In der Erklärung Nostra Aetate hatte das II. Vatikanum nicht nur jede Art der Judenverfolgung verurteilt, sondern auch den Alten Bund Gottes mit Israel als gültig anerkannt. Von daher bekam das Gespräch zwischen Christen und Juden entscheidenden Impuls: Christen sprachen nicht mehr von der "Bekehrung" der Juden - wie im vorkonziliaren Karfreitagsgebet: Da das Volk Israel in den Bund Gottes eingeschlossen ist, muss es auch nicht mehr "bekehrt" werden.

Diese neue Theologie gegenüber dem Judentum findet in der seit 1970 gültigen Karfreitagsbitte für die Juden ihre Entsprechung (siehe rechts), in der kein Wort mehr über Bekehrung verloren wird, sondern um die Treue Israels zu seinem Bund mit Gott gebetet wird. Dieser Quantensprung in einem neuen Verhältnis von Katholiken und Juden zueinander wurde aber in den letzten Jahren von konservativen Christen wieder zunehmend in Frage gestellt. Der amerikanische Theologe John T. Pawlikowski, einer der weltweit führenden katholischen Proponenten des christlich-jüdischen Gesprächs, klagte kürzlich auch in der Furche (2/2008): Prominente Stimmen würden den Einschluss der Juden in Gottes Bund wieder in Frage stellen. Pawlikowski sieht sich in seiner Ahnung bestätigt, denn der Papst machte nun nicht die nachkonziliare Karfreitagsbitte von 1970 auch für den alten tridentinischen Messritus verbindlich, sondern gab einen neuen Text heraus: Dieser merzt zwar die explizit antijüdischen Stellen aus, bittet aber wieder um die Bekehrung der Juden (Mittelspalte, unten). In einer ersten Stellungnahme zur neuen alten Karfreitagsbitte merkte Pawlikowski an, er habe mit seinen Befürchtungen recht behalten.

Aber auch wenn nur wenige "Traditionalisten" den Karfreitag im alten Ritus feiern, so haben die Vorgänge sehr wohl Einfluss aufs katholisch-jüdische Gespräch. Das kritisiert auch der österreichische Koordinierungsausschuss für christliche-jüdische Zusammenarbeit, in dem Vertreter christlicher Kirchen und des Judentums sich um eine dauerhaft neues Verhältnis zueinander mühen, in einem Brief an Kurienkardinal Walter Kasper, der für die Beziehungen zum Judentum zuständig ist: "Wir erleben eine Neuauflage der, Theologie der Verachtung'", heißt es unter anderem in diesem Schreiben. Kasper seinerseits bestreitet diese Sicht und meinte, die Fürbitte sei "keine Beleidigung" für die Juden, da der darin formulierte "Eintritt" in die Kirche eine endzeitliche Hoffnung ausdrücke.

Von jüdischer Seite wird dies aber ganz und gar nicht so gesehen. Neben scharfen Reaktionen aus den USA protestierte auch die Italienische Rabbinerversammlung, die das Gespräch mit der katholischen Kirche überhaupt auf Eis legen will: Eine "Denkpause im Dialog" sei nötig, erklärte Rabbiner-Präsident Giuseppe Laras gegenüber dem Corriere della Sera. Die deutschen Rabbiner hingegen begrüßten den neuen Text der Fürbitte, sie wollen sich der "Eiszeit" ihrer italienischen Kollegen keineswegs anschließen.

Auch Rabbi David Rosen, führender jüdischer Repräsentant des Gesprächs mit Christen, rief zur Mäßigung in der Kritik auf. Aber auch er schrieb im Time Magazine, die Formulierung der Fürbitte klinge für Juden immer noch "ausschließend und triumphalistisch". In der britischen Zeitschrift The Tablet äußerte Edward Kessler, Leiter des Zentrums für Jüdisch-Christliche Beziehungen in Cambridge seine Sorge, dass "vier Jahrzehnte Fortschritt in den katholisch-jüdischen Beziehungen" gefährdet seien. Kessler: "Es sieht so aus, als ob die Katholiken nun zwei einander widersprechende Positionen zum Judentum einnehmen."

Aus der Fürbitte für die Juden in der vorkonziliaren Karfreitagsliturgie:

Lasst uns auch beten für die treulosen Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen … Allmächtiger ewiger Gott, du schließt sogar die treulosen Juden von deinem Erbarmen nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Mögen sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden.

Johannes XXIII. strich 1959 den Ausdruck "treulosen" ("perfideis").

Karfreitagsfürbitte seit 1970:

Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will … Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt.

Neue Karfreitagsfürbitte für den vorkonziliaren Ritus:

Lasst uns beten für die Juden: Gott, unser Herr, möge ihre Herzen erleuchten, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen … Allmächtiger, ewiger Gott, du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird.

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