Altes Testament - Bibel aktuell

Zu Beginn des "Jahres der Bibel" setzt sich die Furche mit jenem Buch auseinander, das Juden und Christen gemeinsam ist: Die Jüdische Bibel, von den Christen "Altes Testament" genannt, wird von christlicher Seite immer noch zu wenig wahrgenommen. Dabei ist das "große Gottesbuch", wie der Münsteraner Theologe Erich Zenger das Alte Testament betitelt, für Christen gleichermaßen Grundtext wie das Neue Testament. Redaktion: Otto Friedrich

Man kann beinahe auf jeder Seite des Neuen Testaments erkennen, dass die ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu ihr Christusbekenntnis mit Zitaten und Bildern aus den Heiligen Schriften Israels, dem später so genannten Alten Testament, formulierten und begründeten. Diese Schriften waren zunächst die einzige Bibel des jungen Christentums. Und die ersten neutestamentlichen Schriften sind nicht entstanden, um diese Bibel zu ersetzen. Auch nicht, um diese als Bibel zu ergänzen. Die neutestamentlichen Schriften erhielten ihre Anerkennung als "Bibel" erst im zweiten Jahrhundert.

Damals entschied sich die Kirche in der Auseinandersetzung mit Strömungen, die nach der institutionellen Trennung des Christentums vom Judentum forderten, die Kirche solle sich nun auch vom Alten Testament als einem durch und durch "jüdischen" Buch trennen, für zwei Dinge, die bis heute wichtig und schwierig zugleich sind: Sie hielt am Alten Testament als "Bibel" fest und sie stellte daneben - im Rang der Bibel - das Neue Testament. So entstand die zwei-eine christliche Bibel - und damit das Problem, wie sich diese beiden Teile zueinander verhalten. Hinsichtlich des Alten Testaments brachte dies vor allem die Fragen: Wozu brauchen die Christen dieses Buch überhaupt, wenn doch ihre eigentliche Botschaft im Neuen Testament vorliegt? Wie sollen sie es lesen?

Christliche Defizite

Blickt man in die Christentumsgeschichte, so zeigen sich aus heutiger Sicht eine ganze Reihe von Defiziten, die wir nicht nur beenden, sondern positiv überwinden müssen. Es sind vor allem die folgenden Problemfelder:

* Bei der theologischen Auslegung des Alten (und übrigens auch des Neuen) Testaments war das Christentum bereits seit dem 3. Jahrhundert weitgehend von Antijudaismus bestimmt. Alttestamentliche Texte wurden herangezogen, um die Verwerfung Israels zu begründen oder um die Enterbung Israels durch die Kirche als das wahre Israel zu erläutern.

* Alttestamentliche Texte hatten keine Eigenbotschaft, sondern fanden ihren theologischen Sinn erst und nur vom Neuen Testament her. Dieser Ansatz ist nicht prinzipiell abzulehnen, aber de facto wurde er vom Christentum für das Verhältnis Altes Testament - Neues Testament so realisiert, dass die alttestamentlichen Texte theologisch relativiert oder "entleert" wurden.

* Dass das Alte Testament zuallererst die Jüdische Bibel ist, dass die jüdische Leseweise anders aussieht wie die christliche Leseweise des Alten Testaments, und dass das Christentum gerade als biblische "Schwesterreligion" diese jüdische Leseweise nicht nur respektieren, sondern hochschätzen muss, ist eine Einsicht, die sich erst allmählich im Christentum durchsetzt.

Gott-Worte

Im Wissen um die christliche Wiederentdeckung der Würde des nachbiblischen und zeitgenössischen Judentums erscheinen folgende Essentials eines neuen Umgangs mit dem Alten Testament unverzichtbar:

* Auch wenn das Alte Testament Teil der christlichen Bibel ist, kommt es darauf an, dass sich seine einzelnen Stimmen zunächst einmal unabhängig vom Neuen Testament aussprechen können. Alttestamentliche Texte haben eine ihnen ureigene Botschaft. Das Alte Testament hat ein Eigenwort mit Eigenwert.

* Fragt man, ob hinter den vielen Stimmen des Alten Testaments eine gemeinsame Melodie hörbar ist, so ist dies nicht die Christologie, sondern die Theo-Logie - die Rede von und zu Gott in seiner erfahrenen oder gesuchten Zuwendung zu seinem Volk Israel und zu seiner Schöpfung. Von dieser Perspektive her kann man die Bibel insgesamt und ihre einzelnen Passagen als Kontextualisierung des Wortes Gott betrachten. Das gilt sowohl für die Jüdische, wie für die Christliche Bibel.

Aufgabe und Ziel der Bibellektüre ist es, diese unterschiedlichen Kontextualisierungen miteinander so ins Gespräch zu bringen, dass sowohl die ihnen allen gemeinsame Gottesbotschaft als auch ihre spezifischen geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontexte zur Sprache kommen. Für jüdische Bibellektüre wird dies dann anders geschehen als für christliche Bibellektüre, einerseits weil der Gesamtkontext jeweils unterschiedlich ist, andererseits aber auch, weil die Einzeltexte selbst für unterschiedliche Deutungen offen sind.

Letztlich geht es hier darum, den einzelnen biblischen Texten und im Bereich der christlichen Bibel den beiden Teilen Altes Testament und Neues Testament ihren Eigenwert und ihre Eigenbedeutung zu belassen und ihre unterschiedlichen Stimmen miteinander in den Diskurs zu bringen. Methodisch findet der Diskurs auf gleicher Augenhöhe statt, wobei die jeweils vorgebrachten Gotteswahrnehmungen und Gotteseinsichten abgewogen und gewichtet werden müssen.

Christentum nicht überlegen

Konkret bedeutet dieses Programm, dass es keine vorgegebene Sinn- und Bedeutungspriorität des Neuen Testaments vor dem Alten Testament gibt, und es demnach auch aus christlicher (!) Perspektive keine Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum geben kann, wie christliche Theologie dies jahrhundertelang dekretiert hat. Vielmehr geht es darum, die alttestamentlichen und die neutestamentlichen Stimmen so in einen wechselseitigen Diskurs zu bringen, dass sie sich gegenseitig erhellen. Lässt man sich auf diese Leseweise ein, kann das Alte Testament in vielfacher Hinsicht eine notwendige Ergänzung zum Neuen Testament sein. Worin die für Christen notwendige "Eigenbotschaft" des Alten Testaments liegt, lässt sich skizzenhaft mit dem Stichwort "Gottesbuch" zusammenfassen.

Das Alte Testament bietet eine Gottes-Botschaft, die im Neuen Testament nicht oder nicht so enthalten ist. Während das Neue Testament in der Gestalt Jesu Christi sozusagen die Vollendungsgestalt erlösten Lebens und Sterbens verkündet, konfrontiert das Alte Testament stärker mit der Realität des Durchschnittsalltags. Ist das Neue Testament das Buch von Christus, so ist das Alte Testament das Buch von Gott, der Welt und den Menschen.

Altes ...

Das Alte Testament ist das faszinierende Zeugnis vom lebendigen und lebendigmachenden Gott. Dass in den gängigen Handbüchern, die sich "Theologie des Neuen Testaments" nennen, meist nur auf wenigen Seiten von Gott die Rede ist, oder dass man sich gar mit dem Hinweis begnügt, Jesus habe bei seinen Zuhörern voraussetzen können, dass jeder wusste, wer der Gott Israels sei, macht deutlich: Ohne die eindrucksvollen Gottesbegegnungserzählungen der fünf Bücher Mose und der so genannten Geschichtsbücher, ohne das leidenschaftliche Beten zu Gott, wie dies in den Psalmen und im Buch Ijob geschieht, ohne die Zweifel an Gott im Stil des Kohelet, aber auch ohne die prophetische Rede von Gott, der nicht neutral bleiben kann, wenn die Lebens- und Freiheitsrechte seines Volkes bedroht sind - kurz: ohne die Theo-Logie des Alten Testaments wird die neutestamentliche Christo-Logie grund- und geschichtslos.

Der biblische Gott ist ein lebendiger Gott, der sich im Leben seiner Verehrer erweist, indem diese ihr Leben von ihm prägen lassen: So lautet die Grundannahme, mit der uns das Alte Testament viel konkreter konfrontiert als das Neue Testament.

Das Alte Testament ist das "monotheistische Gewissen" des Christentums: Es kann und muss die Christen vor der immer wieder drohenden Häresie des Christo-Monismus schützen - und vor einer hellenisierenden Auflösung der Gotteswirklichkeit in "schöne" Gottesideen.

Heil auch im Diesseits suchen

Der erste Teil der christlichen Bibel ist ein heilsamer Stachel gegen die in der Christenheit immer wieder durchschlagende Versuchung, Erlösung und Heil in die individuelle Seele oder ins Jenseits zu verlagern. Das Alte Testament schärft ein Verständnis von Heil ein, das den Zusammenhang mit sichtbaren, erfahrbaren Veränderungen in der geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit zur unverzichtbaren Voraussetzung hat.

Jesu Botschaft vom Kommen des Gottesreichs lässt sich vom Alten Testament her weder auf den inneren Seelenfrieden noch auf eine nur im Glauben wahrnehmbare Realität reduzieren. Die großen Gottesverheißungen des Alten Testaments halten die Geschichte offen - für ihre Vollendung durch Gott.

Gegen alle Spielarten des priva-tistischen, individualistischen und spiritualisierten Christentums protestiert das Alte Testament. Nicht nur an die Sozialkritik der Propheten ist hier zu erinnern, sondern auch an jene Passagen aus den Büchern Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium, die uns Christen weniger vertraut sind, die aber in der jüdischen Überlieferung sehr großes Gewicht erhielten. Sieht man nämlich näher zu, so erzählen diese Bücher davon, dass und wie die Erlösung Israels aus den Sklavenlagern des Pharao ein geschichtliches, politisches Ereignis war. Und sie schärfen vor allem die fortdauernde Bedeutsamkeit dieses Geschehens für Israel, ja für die Welt ein, indem sie die Dimensionen der Verbesserung und Vermenschlichung der sozialen Lebensqualität als Konsequenz des Gottesglaubens herausstellen.

Ein politisches Buch

"Politisch" wird das Alte Testament vor allem in jenen Passagen, in denen es die die strukturelle Gefährlichkeit der politischen Institutionen aufdeckt. Dass die Propheten konstitutiv zur Geschichte Gottes mit seinem Volk gehören, mögen sie nun als Antipoden von Königtum (Staat) und Priesterschaft (Tempel) oder als Kritiker der Oberschicht oder als warnende Prediger vor dem Volk (als "Gewissen des Volkes") auftreten, ist eine theologische Vorgabe Gottes, ohne die eine nur neutestamentlich orientierte Ekklesiologie oder "Soziallehre" eben jene Fehlleistungen produziert, die uns aus der Kirchengeschichte nur allzu bekannt sind.

Wer in den vielfältigen Situationen des Alltags, in den konkreten Beziehungsfeldern, in denen sich Menschsein verwirklicht, Orientierung und Hilfe sucht, der wird zumeist auf den ersten Teil der Bibel ausweichen. Dort trifft er auf Menschen, die in Leid und Schuld, in Freude und Todesangst, in Wissensdurst und in Skepsis, in ihrer täglichen Arbeit, in der Freude der sexuellen Liebe, im Feiern üppiger Feste, aber auch unter der Last von Gewalt und Feindschaft, von Zweifel und Versagen ihr Leben von Gott her und auf ihn hin leben wollen. Das Alte Testament weiß - mehr als das Neue - um die Höhen und die Tiefen des Zusammenlebens von Eltern und Kindern, von Mann und Frau, von Geschwistern und Verwandten. Es weiß um den Missbrauch von Macht. Es weiß von den Aggressionen und Begierden des Menschen, aber auch von seinen Träumen und Sehnsüchten.

Gegenbilder von Gott her

Schon auf seinen ersten Seiten deckt es in den Urzeit-Erzählungen die Gefährdungen und Versuchungen auf, unter denen die Menschheit leidet - und es entwirft Gegenbilder und Gegenvisionen von Gott her, damit das Leben dennoch gelingen kann. Es verdrängt das Leid und den Tod nicht, sondern weist Wege, wie das Leben trotz Leid und Tod angenommen und bestanden werden kann. Und immer wieder variiert es, dass die Schöpfung und dass das Leben von Gott her gut und schön sind. Und es lädt den Menschen ein, sich am Leben zu freuen. Freude am konkreten, irdischen Leben - hier ist das Alte Testament eine wichtige Ergänzung zum Neuen Testament.

Der Autor lehrt an der Kath.-Theol. Fakultät in Münster Zeit- und Religionsgeschichte des Alten Testamentes und war im Herbst Referent der "St. Georgener Gespräche" in Kärnten (Infos: www. kath-kirche-kaernten. at/pages/aktuell.asp?menuopt=585).

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