Die jüngsten Anschläge von Istanbul haben die enge Verflechtung zwischen der Antisemitismus-Debatte und der Frage eines türkischen EU-Beitritts vor Augen geführt.

Der internationale Terrorismus ist mit den Anschlägen von Istanbul an die Tore Europas gelangt. Damit ist auch exakt die Position der Türkei selbst beschrieben: an den Toren Europas, ein Scharnier zwischen zwei Welten.

Die Terrorakte haben erneut zwei ohnedies stark schwelende Debatten angeheizt: jene über den alten neuen Antisemitismus in Europa und jene über eine Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union. Wie sehr beide Themen letztlich zusammenhängen, lässt sich etwa aus einem in dieser Ausgabe auf Seite 12 abgedruckten Leserbrief (zur Affäre über antisemitische Äußerungen des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann) ersehen. Der Autor, einst als israelisch-amerikanischer Korrespondent in Wien, stellt sich als jener Journalist vor, dem gegenüber Bruno Kreisky einst den berüchtigten Satz fallen ließ, wenn es ein jüdisches Volk gäbe, so wäre es "ein mieses"; und er schreibt dann weiter: "Diesmal wurden die Türken' nicht vor den Toren Wiens gestoppt, die rapid wachsenden Massen islamischer Zuwanderer werden Europa für immer verändern."

Und eine Kärntner Leserin, selbst Jüdin, rechnet (ebenfalls S. 12) scharf mit einem letzte Woche in der Furche erschienenen Kommentar ("Bis dann im jüdischen Café!") zu den Anschlägen von Istanbul ab, dem es um eine differenzierte Sicht der Dinge zu tun war: Von der "einseitig propalästinensisch-antiisraelischen" Haltung der EU ist in dem Brief die Rede und von den "Nichtjuden ..., die uns Juden sagen, was Antisemitismus ist und was nicht".

Man kann von daher die Anschläge von Istanbul auch symbolisch sehen: der Terror ist nicht nur geographisch an Europa herangerückt, er ist auch engstens mit europäischen Schicksalsfragen verwoben. Immer schwieriger wird es, in dem Geflecht aus Antiamerikanismus / Antiisraelismus / Antizionismus / Antisemitismus und den jeweils entgegengesetzten Positionen, Unmissverständliches zu sagen - und immer schmerzlicher macht sich dieses Manko bemerkbar.

Umso wichtiger ist es, den inneren Kompass zu behalten, die eigenen Koordinaten nicht aus dem Blick zu verlieren. Dann wird man sagen müssen, dass Amerika wenigstens in principio für das Beste des europäischen Erbes steht (siehe dazu auch das Dossier dieser Ausgabe) - für Demokratie und Menschenrechte, für eine offene, plurale Gesellschaft; dann wäre daran zu erinnern, dass dieses Erbe ganz wesentlich jüdisch-christlich geprägt ist, der jüdische Wurzelstamm aber im 20. Jahrhundert brutal gekappt wurde, was zum einen die Gründung des Staates Israel zur Folge hatte, zum anderen aber, dass viele, die vor der NS-Barbarei fliehen konnten, in den Vereinigten Staaten neue Heimat fanden. Daraus ergibt sich eine nicht nur tagespolitische sondern wesensmäßige Zusammengehörigkeit von Amerika, Israel und Europa.

Und dennoch: Abgesehen davon, dass diese Verbundenheit natürlich nicht Kritik an konkreter US- oder israelischer Politik obsolet macht, darf darüber nicht der Islam einfach als "antieuropäisch" abgetan werden. Auch aus dieser Quelle speist sich, was "Europa" ausmacht, wie man aus dem Mittelalter weiß. Wie es ja überhaupt Europa eigen ist, nicht klar definierbar, begrenzbar zu sein. Das ist unter anderem entscheidend für die Türkei-Frage: Ein grundsätzlicher Ausschluss der Türkei aus Europa ist sicher nicht möglich. Historisch gesehen war die Türkei ein europäischer Player - und auch heute noch ist sie Mitglied der NATO, die sich ja auch, so haben wir es gelernt, immer als Wertegemeinschaft verstanden hat. Aber genau diese Werte, die ja auch jene der EU sind, müssen den Maßstab für den Umgang mit der Türkei (bis hin zum konkreten EU-Beitritt), mit der islamischen Welt überhaupt weiterhin bilden. Ein Zurück hinter das oben skizzierte amerikanisch-europäisch-israelische Erbe darf es nicht geben, falsche Toleranz wäre hier fatal. Wenn die Bushs und Sharons damit Recht haben sollten, dass die Europäer "auf der anderen Seite" stehen, wäre es um Europa schlecht bestellt. Die Türkeifrage könnte über die Zukunft des Kontinents, näherhin der EU werden: Gelingt der Brückenschlag zur islamischenWelt, das Modell "europäischer Islam" - oder versinkt Europa damit endültig in der Bedeutungslosigkeit?

rudolf.mitloehner@furche.at

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