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"An Gott kommt niemand vorbei"

1945 1960 1980 2000 2020

Kann Karl Markovics mit seiner zweiten Regiearbeit an den künstlerischen Erfolg seines Spielfilmerstlings "Atmen" anschließen? Ein Gespräch über Gott und "Superwelt".

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Kann Karl Markovics mit seiner zweiten Regiearbeit an den künstlerischen Erfolg seines Spielfilmerstlings "Atmen" anschließen? Ein Gespräch über Gott und "Superwelt".

In "Superwelt", dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale, folgt Regisseur Karl Markovics der Supermarktkassiererin Gabi (Ulrike Beimpold), die eines Tages seltsame Stimmen und Geräusche wahrnimmt. Aus ihrem einfachen Alltag herausgerissen, hadert sie fortan mit der Vorstellung, Gott persönlich spreche zu ihr.

DIE FURCHE: Herr Markovics, der Begriff "Superwelt", der als Filmtitel zu Beginn über ein Bild aus der Vogelperspektive über den Alltag in einem kleinen burgenländischen Dorf eingeblendet wird, weckt schnell die Suggestion, es handle sich um eine zynische Abrechnung mit unserem Dasein.

Karl Markovics: Zynisch würde ich nicht sagen, vielleicht passt der Begriff ironisch hier besser. Dieses Bild ist ein vorsichtiges Augenzwinkern, ja, schon allein deshalb, weil ich mir einen Gott mit Humor wünschen würde. Ich habe mir als Protagonisten für diesen Film bewusst keine Familie ausgesucht, die einem großen Leidensdruck unterliegt, vor allem nicht die Hauptfigur, die Supermarktkassiererin Gabi, die im Prinzip keine besonderen Beschwernisse kennt. Dies war wichtig, um nicht die Geschichte einer Flucht in den Glauben zu erzählen, wie es sie schon unzählige gibt. "Superwelt" erzählt das Gegenteil: Gott kommt zu ihr, klopft mehr oder weniger an und stellt sich vor: "Da bin ich. Ich versuche das jetzt einmal in Einzelgesprächen mit sieben Milliarden Menschen und fange bei Ihnen an. Es wird ein paar Jahrtausende dauern, bis ich durch bin. Leider lebt ihr nicht lange genug, weshalb ich praktisch immer wieder von vorne anfangen muss."

DIE FURCHE: Einer Supermarktkassiererin erscheint Gott. Wie kommt man auf diese Idee, und was steckt da wirklich dahinter?

Markovics: Die Idee mit der Kassiererin entstand, als ich in einem Supermarkt eine solche Frau dabei beobachtet habe, wie sie ihr Kassenband gereinigt hat. Eine banale Tätigkeit, und doch war da Universalität. Das Thema Gott ist für mich scheinbar schon weitaus länger in der Luft gelegen. Das hängt damit zusammen, dass ich mir, wie die meisten anderen auch, regelmäßig Gedanken über meine Existenz mache, aber dabei nur bis zu einem gewissen Punkt gelange, über den es nicht hinaus geht. Es ist gar kein Punkt, sondern vielmehr ein Fragezeichen. Und dieses Fragezeichen, das vielleicht die meisten Menschen genauso gut kennen wie ich, wollte ich in einen Film bringen -das hat mich gereizt. Ich wollte mit dem Film keine Antwort finden, aber zumindest ein Stück weit besser greifen können, warum uns Gott so wichtig ist, sowohl in der Verneinung als auch im Zuspruch. Selbst Atheisten brauchen ja Gott, um ihn zu negieren. Das bedeutet: Man kommt nicht an ihm vorbei.

DIE FURCHE: Wie ist Ihre Einstellung zum Glauben?

Markovics: Meine Einstellung zum Glauben schwankt. Ich bin mir zumindest nicht sicher. Wenn ich wählen müsste, wäre mir eine Welt mit Gott lieber als eine Welt ohne Gott. Ich kann aber schwer erklären, warum. DIE FURCHE: Gegenwärtig sieht es so aus, als wäre das Wohl und Elend der Menschheit davon bestimmt, dass bestimmte Glaubensrichtungen gegeneinander antreten. Demokratien haben ein Problem mit Radikalismen, die sich zusehends auftun.

Markovics: In einer Demokratie, dieser höchst verletzlichen, empfindlichen Form, eine Gesellschaft zu organisieren, lebt man immer in dem Risiko, dass es Radikale gibt, aus welcher Fraktion auch immer, die diesen Zustand zum Kippen bringen wollen. Es gibt wenige Formen der Gesellschaftsorganisation, die so leicht von Minderheiten zu kippen sind, wie die Demokratie. Das ist eine Tatsache. Das macht die Demokratie für Menschen wie mich aber auch so kostbar. Es lohnt sich, dafür auf die Straße zu gehen. Wie man in Paris gesehen hat: Diese reflexartige Solidarisierung von Hunderttausenden Menschen war eine Schockreaktion darauf, zu bemerken, wie verletzlich die Art zu leben ist. Damit meine ich nicht die wirtschaftlich konsumorientierte Lebensart, sondern unsere Form von Freiheit, Toleranz und Pluralität. Alles Begriffe, die den Radikalen verhasst sind, weil sie das genaue Gegenteil einer Dogmatik sind.

DIE FURCHE: "Superwelt" zitiert auch biblische Motive, von einer brennenden Hecke über eine Essenssituation à la Letztes Abendmahl bis hin zu einer Verleugnung wie jener des Petrus. Wieso diese Zitate?

Markovics: Für mich sind das drei augenzwinkernde, bewusste Zitate, die mich schon beim Schreiben amüsiert haben. Es geht dabei gar nicht um eine allzu tiefe Bedeutung. Manchmal erzählt man mit einer Oberfläche, einem Bild, im Film viel mehr, während sich Tiefe gar nicht wirklich transportieren lässt. Die Tiefe muss der Zuschauer dem Film bringen.

DIE FURCHE: Ist Religion durch all ihre Regeln oft mehr Belastung als Befreiung?

Markovics: Ich glaube schon, dass Religion eine große Befreiung sein kann, aber wie jeder Befreiungskampf ist das auch eine große Belastung. Dabei geht es um die Belastung, zu erkennen, wie sehr man sich selbst belügt und sich im Wege steht, wie wenig man über andere weiß, und umgekehrt, wie unglaublich schön Menschen sind und wie wunderbar die Existenz an sich ist. Wie schön es ist, dass ich nur den Moment meines Daseins betrachte. Dass es überhaupt etwas gibt, und nicht Nichts. Je mehr und je genauer ich darüber nachdenke, umso schöner finde ich die Vorstellung, das alles in ein Wesen zu fokussieren, das man dann Gott nennt. Gott ist sozusagen die Summe aller Wesen.

DIE FURCHE: Und weil Gott die Summe ist, kann er auch nie Gestalt annehmen?

Markovics: Ich würde mir nie anmaßen, diese Gestalt zu konkretisieren, weil das schnell etwas Missionarisches bekommt. In der Bemühung über dieses Wesen zu sprechen, gelangt man sehr schnell ins Esoterische, ins Seichte oder ins Nebulose, weil uns die Begriffe fehlen. Da wird es auch für mich kritisch. Ich dachte: Mache lieber einen Film darüber, der immer im Konkreten bleibt und zeigt, was sichtbar und hörbar ist. Den anderen Konflikt, der nicht sichtbar und greifbar ist, den lasse ich meine Hauptfigur austragen, in der Hoffnung, dass jeder einzelne Zuschauer es zusammen mit der Hauptfigur versucht.

DIE FURCHE: Man merkt, dem Film ging ein langer Nachdenkprozess voraus.

Markovics: Ja. Der gesamte gedankliche Unterbau zu dieser Geschichte ist während eines langen Schreibprozesses entstanden, und dieser Prozess ist oft nicht kontinuierlich, sondern durch Pausen unterbrochen.

Das Hirn nimmt mir dabei die meiste Energie aus meinem Körper, weil ich es ja nicht abschalten kann. Die Geschichte zwingt einen, ständig darüber nachzudenken.

DIE FURCHE: Schließlich ist es Ihnen gelungen, adäquate Bilder für ihre Geschichte zu finden: Alles erstrahlt im gleißend hellen Licht eines heißen Sommers. Wieso?

Markovics: Der Film verfolgt nicht die Absicht, unsere Alltagsrealität schönzufärben, aber für mich war es schon beim Schreiben und später umso mehr in der Zusammenarbeit mit meinem Kameramann Michael Bindlechner klar, dass wir sehr stark auf Licht und Farbtemperatur setzen. Viel Licht, hohe Farbtemperatur, intensive Rot- und Orange-Töne, mit viel Wärme. Das war wichtig, damit man das Milieu, aus dem ich erzähle, nicht automatisch mit dem reflexhaften, trüben Wetter paart, was sonst üblicherweise geschieht, aber gar nicht notwendig ist. Gerade ein Film, den ich einen Versuch über Gott nenne, braucht Möglichkeiten, in andere Sphären vorzudringen. Das geschieht einerseits auf der Bildebene mit der Wahl der Perspektiven und der Wahl der Lichtquellen und -intensität. Andererseits auf der Tonebene, wobei das nicht die Dialoge meint, sondern die Klang-und Musikebene. Da sind wir sehr nach "vorn" gegangen, um dem Film Raum und Volumen zu geben.

DIE FURCHE: Der gegenwärtige Papst Franziskus vermittelt den Katholiken gerade eine ganz neue Sichtweise auf ihre althergebrachten christlichen Lebensentwürfe. Ist dieser jemand, der die katholische Kirche wieder näher zu den Menschen bringen könnte?

Markovics: Das wäre jedenfalls zu hoffen, denn es gibt ja nur sehr wenige Instanzen auf der Welt, die eine immer noch dermaßen große Klientel haben, immerhin 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt. Er ist vielleicht sogar eine größere Instanz als der Präsident der Vereinigten Staaten, wage ich zu behaupten. Früher dachte ich oft: Warum äußert sich der Papst nicht viel öfter zu Dingen, die uns alle angehen? Mit dem derzeitigen Papst ist das zum ersten Mal seit langer Zeit wieder der Fall. Auch mit diversen Einschränkungen, wie aktuell die Frage, ob man Kinder schlagen dürfen soll. Da wird es konfliktreiche Auseinandersetzungen geben, völlig zurecht. Aber in anderer Beziehung, etwa, was Arm und Reich oder was Barmherzigkeit und Toleranz anbelangt, oder seine Einstellung gegenüber geschlechtlich Andersorientierten und wiederverheirateten Geschiedenen, das ist ja für die katholische Kirche eine unglaubliche Bewegung. Für die konservativen Kreise muss das nicht einem Erdbeben, sondern einem Weltuntergang gleichkommen. Ich hoffe, dass er es durchhält, diesen Weg weiterzugehen und seine Ausstrahlung behält, die eine sehr offene und fröhliche ist.

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