Digital In Arbeit

Andrej Rubljows Gesicht

Im Moskauer Andronikow-Kloster wurde das mutmaßliche Grab von Andrej Rublow entdeckt. Nun sollen die Züge des berühmten russischen Ikonenmalers rekonstruiert werden.

Man wusste, wo er gelebt hat. Ein Rätsel blieb über all die Jahrhunderte aber, wo der wohl berühmteste russische Ikonenmaler Andrej Rubljow seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Das Geheimnis könnte jetzt gelüftet sein. Wie die russische Zeitung Izwestija vor kurzem berichtete, wurden unter dem Altar der Spasski-Kirche im Moskauer Andronikowklosters die Gebeine eines etwa Fünfzigjährigen und eines etwa Siebzigjährigen entdeckt.

Beide Mönche sollen Ende des 14. bzw. Anfang des 15. Jahrhunderts gestorben sein. Die Zeitung beruft sich dabei auf den Kriminologen Sergej Nikitin, der derzeit an der Rekonstruktion von Gesicht und Schädel der Leichname arbeitet.

Tod im 15. Jahrhundert

Im Andronikow-Kloster, in dem eine der schönsten russischen Kirchen erhalten ist, hatte Rubljow den Großteil seiner Schaffenszeit zugebracht. Noch heute trägt das Klostermuseum seinen Namen.

Werden die Gebeine des älteren Toten dem weniger bekannten Ikonen-Maler Danilo zugeordnet, so handle es sich nach Einschätzung mehrere Experten bei den jüngeren Gebeinen um die des genialen Malers aus dem 14./15. Jahrhundert. Bekannt ist, dass die beiden befreundeten Mönche im Abstand von drei Jahren (1427 und 1430) verstarben, wobei eine Seuche wie Pest als Todesursache nicht ausgeschlossen wird.

Sergej Nikitin, der sich als Gerichtsanthropologe und mit der Erforschung alter Gebeine weithin einen Namen gemacht hat, ist überzeugt, das Rätsel gelöst zu haben und der Welt bald das "wahre" Antlitz des Malers zeigen zu können. "Die Gebeine und der Schädel Rubljows sind im Unterschied zu denen Danilos erstaunlich gut erhalten", sagt er in einem Interview.

Ein Fall für Nikitin

Mit seinen Rekonstruktionen von Schädeln hat Niktin bereits mehrere Porträts historischer russischer Personen erstellt: so die des Mönches Nestor, des Verfassers der ältesten russischen Chronik aus dem 12. Jahrhundert, oder einiger Verwandter des Zaren Iwan des Schrecklichen.

Gefunden wurden die Gebeine im Zuge der Restaurationsarbeiten, die der jetzige Klostervorsteher nach dem jahrzehntelangen Verfall der Anlage während der Sowjetzeit 1992 in Angriff genommen hat. Während der Restauration des Altarbereichs wurden zuvor bereits vier Gräber mit den ersten Äbten des Klosters gefunden.

Nachdem die Arbeiten oftmals unterbrochen wurden und sich über die ganze postsowjetische Periode hinzogen, wurde das fünfte Grab erst nach Jahren entdeckt. Sergej Nikitin wurde hinzugezogen, wobei er sich für seine Arbeiten im Altarbereich erst der Taufe unterziehen musste.

"Unter den Gebeinen fanden sich ein Keramikkelch, aus Leder geflochtene Mönchskreuze und Lederschuhe. Dann noch ein zweiter Schädel", erzählt Nikitin: "Es wurde klar, dass das nicht das Primärgrab ist, sondern eine Umbestattung zweier Menschen neben eine besonders verehrte Grabstätte." Nikitin geht davon aus, dass die Umbestattung im 18. Jahrhundert vollzogen wurde.

Rubljows Wirken fiel in eine Zeit der sichtbaren Intensivierung des kulturellen Lebens in Russland Ende des 14. Jahrhunderts. Der erste und bedeutsame Sieg über die Tataren bei der Schlacht auf dem "Schnepfenfelde" (Kulikowo polje) 1380 am oberen Don hatte zwar noch nicht die völlige Befreiung von dem traumatischen Tatarenjoch gebracht, aber bereits angedeutet, dass eine neue Ära mit dem Aufstieg des Großfürstentums Moskau hin zu einer Einigung Russlands eingesetzt hat.

Südslawen nach Russland

Dazu kam, dass nach der Eroberung Serbiens (1389) und Bulgariens (1393) durch die Türken viele gebildete südslawische Flüchtlinge nach Russland kamen und die lebendige südliche byzantinische Kultur mitbrachten. Der künstlerische Stil wurde anspruchsvoller. Die neue Manier der Hagiografie etwa brachte der Serbe Logothetes in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf den Höhepunkt. Er schrieb die alten Heiligenviten um und wurde zum Vorläufer einer Blüte der russischen Literatur im 16. Jahrhundert.

Der bedeutend eindrucksvollere Höhepunkt wurde schon früher in der Malerei erreicht. Getragen von zwei Namen: Feofan Grek (der Grieche) und seinem noch berühmteren Schüler Andrej Rubljow. Feofan wirkte von 1370 an vor allem im nördlichen Nowgorod. Vom Moskauer Mönch Rubljow stammt unter anderem die berühmteste russische Ikone, das Dreifaltigkeitsbild, das in der Moskauer Tretjakow-Galerie ausgestellt ist. 1405 schufen beide Künstler zusammen den Ikonostas der Mariä Verkündigungskathedrale in Moskau.

Über das Geburtsjahr Rubljows herrscht keine Gewissheit. Es könnte genauso gut 1370 oder 1380 sein. Dass man sich auf 1360 "geeinigt" hat, hat angeblich damit zu tun, dass der russische Schriftsteller der nachstalinistischen Tauwetterperiode Ilja Ehrenburg sich angesichts neuer Zerstörungswellen gegen kirchliche Kulturgüter unter Präsident Nikita Chruschtschow 1959 mit dem Aufruf an die UNESCO wandte, 1960 den 600-jährigen Geburtstag Rubljows zu begehen und damit den Kreml zur Zurückhaltung zu zwingen. Die erste Erwähnung von Rubljows Schaffen datiert aus dem Jahr 1405. Manche Aufzeichnungen über Rubljow könnten auch bei einem Brand im Kloster während der Belagerung Moskaus durch Napoleon 1812 vernichtet worden sein.

Tarkowskis Biopic

Im Westen bekannt wurde Rubljow nicht zuletzt durch den russischen Kultregisseur Andrej Tarkowski (1932-1986). Ihn hat das Leben des Mönchs und Künstlers zu seinem 1969 gedrehten Film "Andrej Rubljow" inspiriert.

FURCHE-Navigator Vorschau