Frauen in der Kirche - © iStock / Joel Carillet
Religion

Angelika Walser: Heftige Kritik am Frauenbild im Schreiben „Querida Amazonia“ von Papst Franziskus

1945 1960 1980 2000 2020

Die Moraltheologin über den Papst und die Frauen: „Wir sind nicht mehr ‚zärtlich‘“.

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Die Moraltheologin über den Papst und die Frauen: „Wir sind nicht mehr ‚zärtlich‘“.

Seit Erscheinen des päpstlichen Schreibens „Querida Amazonia sind allein in meinem kleinen Bekanntenkreis zwei Frauen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Drei weitere haben diesen Schritt für die nahe Zukunft angekündigt.

„Wo wird meine Kleine einmal ihren christlichen Glauben leben?“, fragt eine junge Kollegin und schickt mir Fotos ihrer drei Wochen alten Tochter. Und eine ältere Dame, die nach eigenen Angaben soeben extra zu diesem Zweck das E-Mail-Schreiben erlernt hat, fragt mich: „Frau Professor, wo kann ich protestieren gegen das, was die Männer der katholi­schen Kirche über uns Frauen sagen?“

Seit Erscheinen des päpstlichen Schreibens „Querida Amazonia sind allein in meinem kleinen Bekanntenkreis zwei Frauen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Drei weitere haben diesen Schritt für die nahe Zukunft angekündigt.

„Wo wird meine Kleine einmal ihren christlichen Glauben leben?“, fragt eine junge Kollegin und schickt mir Fotos ihrer drei Wochen alten Tochter. Und eine ältere Dame, die nach eigenen Angaben soeben extra zu diesem Zweck das E-Mail-Schreiben erlernt hat, fragt mich: „Frau Professor, wo kann ich protestieren gegen das, was die Männer der katholi­schen Kirche über uns Frauen sagen?“

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Seit „Querida Amazonia“ sind Frauen ganz entgegen ihrer lehramtlich festgelegten Wesensbestimmung nicht mehr „zärtlich“. Enttäuschung und Tränen, Kränkung und Frust brechen sich in den Zuschriften Bahn, die die Herausgeberinnen des Buches „Frauen machen Kirche“ derzeit aus sämtlichen deutschsprachigen Ländern erhalten. Die Absenderinnen sind nicht Frauen, denen das Christentum gleichgültig und der Kirchenbeitrag zu hoch geworden ist.

Kreativ-ungehorsames und eigenverantwortliches Handeln in der Kirche vor Ort ist gefragt – mit dem Mut der Verzweiflung.

Nein, es ist der harte Kern der katholischen Kirche: Die Ehrenamtliche, die seit Jahren den Familiengottesdienst gestaltet; die Religionslehrerin, die im ganzen Dekanat im Auftrag betagter oder ausländischer Pries­ter die Schülergottesdienste hält; die ohnedies immer seltener werdende Spezies der ambitionierten Theologiestudentinnen, die fragt, was genau der Papst mit „weiblichem Stil“ meine und wie der Hinweis auf die allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria als „role model“ für Entscheidungs- und Leitungsfunktionen von Frauen in der Kirche denn zu verstehen sei.

Frauen und Männerstimmen

Unter die Frauen mischen sich Männerstimmen: Gemeindeassis­tenten, Priester, Professoren an Universitäten und Schulen. Sie berichten von Depression, innerer Emigration und den immer stärker werdenden Selbstzweifeln: „Gehöre ich da noch dazu?“ Stadtdekane, Generalvikare und Bischöfe fragen öffentlich, wie sie das päpstliche Nein zur Diakoninnenweihe ihren langjährigen Mitarbeiterinnen erklären sollen und wie lange sich der lebendige Geist des Evangeliums, der jeden Sonntag in der Eucharistie gefeiert wird, noch unter selbstverordne­ten starren Normen ersticken lässt.

Es möchte einen abwechselnd tiefe Resignation und heiliger Zorn packen, wenn man diese Stellungnahmen liest und hört. Wie lange wird das katholische Christentum in Österreich und in Europa gesellschaftlich überhaupt noch präsent sein, wenn es sich nicht endlich mit der Frauen­frage und damit auch mit dem Geschlechterverhältnis in der katholischen Kirche auseinandersetzt?

Die Vision des guten Lebens, die der Papst in „Querida Amazonia“ durchaus überzeugend beschwört, ist ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht umsetzbar. Dies gilt innerhalb der katholischen Kirche, dies gilt auch außerhalb.

Warum um Himmels willen ist Papst und vielen Bischöfen das Festhalten am Frauenbild des 19. Jahrhunderts anscheinend wichtiger als die Verkündigung der Botschaft vom Reich Gottes? Warum beraubt sich eine zwei­tausend Jahre alte Institution der eigenen Energie, indem sie die normative Kraft des Faktischen hartnäckig leugnet und Frauen nicht darin bestärkt in dem, was sie ohnehin im Dienst des Evangeliums seit Langem tun?

Die Vision des guten Lebens, die der Papst in „Querida Amazonia“ durchaus überzeugend beschwört, ist ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht umsetzbar. Dies gilt innerhalb der katholischen Kirche, dies gilt auch außerhalb. In zentralen ethischen Diskursen verliert die Kirche als global agierende Anwältin der Menschenwürde immer stärker an Glaubwürdigkeit: Die großen Frauenrechtskonventionen zum Schutz von Frauen vor Gewalt hat die katholische Kirche aus Angst vor der angeblichen Gender-Ideologie nicht unterschrieben.

In den drängenden Fragen des Lebensschutzes und in der Sexualethik hat man sich häufig unter Umgehung des zumindest stellenweise durchaus Hoffnung weckenden nachsynodalen Schreibens „Amoris Laetitia“ so fest eingemauert, dass man in der ethischen Diskussion maximal noch unter „religiöser Sondermeinung“ rangiert.

Nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und Lateinamerika, wo häusliche Gewalt gegen Frauen und die Tabuisierung von Sexualität und Abtreibung häufig mit Todesfolge für Frauen trauriger Alltag ist, verlassen insbesondere gebildete Frauen die katholische Kirche. Zu Recht erkennen sie einen durchaus persönlich betroffenen Klerus mit seinen Appellen zu demütigem Gehorsam und geduldigem Ausharren in der Ehe als Teil des Problems.

Eine Frage von Macht und Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit und Lebensschutz im umfassenden Sinn ist eben ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht zu haben. Angesichts der menschlichen Not, die sich hinter solch sperrig-abstrakten Begriffen verbirgt, darf man schon einmal fragen, wo eigentlich die Botschaft dessen bleibt, der es bekanntlich wagte, sich vom Schmerz der Armen berühren zu lassen ganz ohne Moralpredigt über ihren unsittlichen Lebenswandel, ohne Verweis auf den Katechismus und auf die im Sein selbst begründete Differenz zwischen den Geschlechtern!

Im Gegensatz zu einer wissenschaftlich betriebenen Theologie an den Universitäten verweigert die offizielle Amtskirche eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den genannten Themen. Nun holt sie das Leben ein. Das katholische Polaritätsmodell mit seinen metaphysisch festzementierten Weiblichkeits- und im Umkehrschluss herstellbaren Männlichkeitskonzept wird offensichtlich von vielen katholischen Frauen (und Männern) längst nicht mehr geteilt.

Dies zeigt ein Blick auf zahlreiche öffentliche Stellungnahmen von katholischen Frauen­organisationen zu „Querida Amazonia“. Sie bewerten das hier vertretene Frauenbild als Fremdzuschreibung zölibatär lebender Männer und kritisieren es als politisch motiviertes Instrument zur Erhaltung männlich klerikaler Macht um jeden Preis.

Selbstverständlich geht es in jeder sozialen Institution, so auch in der katholischen Kirche, auch um Strukturen der Macht. Diese Tatsache darf nicht mit spirituellen Phrasen verschleiert sein, sondern muss offen und fair auf gutem theologisch-philosophischen Niveau diskutiert werden. Dabei könnte beispielsweise zur Sprache kommen, dass Macht ganz positiv – frei nach Hannah Arendt – Gestaltungsmacht zwischen Gleichberechtigten ist, „power to“ und eben nicht „power over“. Macht und Autorität sind relationale Konzepte. Echte, nicht von Amts wegen erzwungene Macht und Autorität hat nur derjenige/diejenige, dem/der sie von anderen zugetraut wird.

Christentum auf eigene Faust

Genau hier liegt das Problem: Eine immer größer werdende Menge an Frauen gesteht den amtskirchlichen Repräsentanten der katholischen Kirche diese Autorität nicht mehr zu und sucht zunehmend auf eigene Faust Wege, ihr Christentum außerhalb der katholischen Kirche zu leben bzw. selbst entsprechende Angebote zu machen. Die Zahl selbsternannter christlicher Ritualbegleiterinnen wird in den nächsten Jahren sprunghaft ansteigen.

Wer könnte junge Katholikinnen ernsthaft daran hindern, den Schritt in die Selbständigkeit einer Diakonin oder Priesterin zu wagen? Die stets beschworene Spaltung, die es mit Rücksicht auf Vertreter und Vertreterinnen wertkonservativer Kräfte zu vermeiden gilt, ist längst geschehen. Bleibt nur die Frage, wie lange die leitenden Verantwortlichen der Ortskirchen diese Realität noch ignorieren wollen. Wo bleibt das österreichische Pendant zum Synodalen Weg in Deutschland? Mit dem Prinzip der Synodalität hätten die Ortskirchen Spielräume, die genutzt werden könnten, wenn denn wirklich ein ernsthafter Wille zur Veränderung existierte und die normative Kraft des Faktischen endlich zur Kenntnis genommen würde.

Die Lösungen kommen offensichtlich nicht aus Rom und auch nicht vom Beten allein. Kreativ-ungehorsames und eigenverantwortliches Handeln in der Kirche vor Ort ist gefragt, unter Berufung auf das eigene Gewissen und mit dem Mut der Verzweiflung. Man kann nur hoffen, dass es nicht bereits zu spät ist.

Angelika Walser

Die Autorin, Professorin für Moral­theologie und Spirituelle Theologie an der Uni Salzburg, ist Ko-Herausgeberin von „Frauen machen Kirche“.

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