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Anti-autoritäre Impfungen

Anton Pelinka hat sich bleibende Verdienste um die Stärkung der demokratischen Kultur in diesem Lande erworben.

Anton Pelinka * 1941

Politologe

Im Laufe seiner beinahe 40-jährigen Lehrtätigkeit hat der Innsbrucker Politikwissenschaftler Anton Pelinka Dutzende von Dissertationen und Hunderte von Diplomarbeiten betreut sowie Tausende von Studenten ausgebildet. Daneben ist er auch Direktor des Wiener Instituts für Konfliktforschung, prägt den öffentlichen Diskurs auf vielen Gebieten der Politik mit seinen Beiträgen und Auftritten in den wichtigsten Medien des Landes, lehrt regelmäßig an ausländischen Universitäten (Harvard, Stanford, Michigan, New Orleans) - und schreibt meist noch ein Buch pro Jahr sowie zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze. Bei ihm kann man lernen, dass eine erstrangige wissenschaftliche Karriere nicht nur viel Intelligenz sondern auch ungemeinen Fleiß erfordert.

Leichte Feder

Anton Pelinka ist wohl der bekannteste public intellectual der österreichischen Sozialwissenschaften. Als Redakteur der Furche nach Abschluss des Studiums lernte er auch den Journalismus gründlich. Die Frucht seiner Arbeit bei der Furche ist vor allem eine leichte Feder, eine für Akademiker ungewöhnlich lesbare Schreibe. Diese einschlägige journalistische Erfahrung hat ihn so geprägt, dass ihm regelmäßige Kommentare und Analysen in der Tagespresse leicht und rasch von der Hand fließen. Er ist ein untypischer Wissenschaftler, der sich kurz fassen kann und die Kunst des sound bite beherrscht - ohne aber Konzessionen in der Schärfe der Analyse zu machen. Er ist auch einer der wenigen heimischen Experten, welche die österreichische Innenpolitik im Ausland kommentieren und damit Einfluss auf den dortigen öffentlichen Diskurs ausüben. Seine Dialogfähigkeit und Streitbarkeit hat ein Stück österreichischer politischer Kultur der Nachkriegszeit mitgeprägt.

Pelinka, im viergeteilten Wien der Besatzungszeit aufgewachsen, studierte an der Universität Wien Jus, wurde dann aber nicht Jurist, sondern gehörte zur Gründergeneration der neuen Disziplin der Politikwissenschaft. Er war einer jener hungrigen jungen Nachkriegsintellektuellen, die am Wiener Institut für höhere Studien (ihs) als Politikwissenschaftler ausgebildet wurden. Das aus Geldern der amerikanischen Ford-Stiftung gesponserte Institut ist das Kind von Paul Lazarsfeld und Oskar Morgenstein, also von zwei in den 1930er Jahren in die usa emigrierten bzw. vertriebenen Wiener Sozialwissenschaftlern, die an amerikanischen Universitäten große Karriere machten. Als Lazarsfeld 1959 Wien besuchte, fasste er das intellektuelle Klima in Österreich in einem vertraulichen Bericht für die Ford-Stiftung folgendermaßen zusammen: "Kein Hirn, keine Initiative, keine Kollegialität". Mit der Gründung des ihs 1963 wollten die jüdischen Emigranten jungen österreichischen Nachwuchstalenten die statistischen und analytischen Methoden einer modernen Sozialwissenschaft beibringen - und damit auch das intellektuelle Klima in Wien auffrischen.

Die Elite amerikanischer Politikwissenschaft, Soziologie und Ökonomie kam nach Wien und ersetzte das verstaubte Fach der "Staatswissenschaft", das noch an den Universitäten gelehrt wurde, durch eine moderne empirische Sozialforschung. Damit wurden junge Leute wie Pelinka konfrontiert: Sie würden sich nie mehr vom Staat instrumentalisieren lassen, wie dies bei den "Daheimgebliebenen" ihrer Vorgängergeneration passierte. Sie lernten Politik unabhängig von der eigenen politischen Einstellung zu begreifen.

Konflikt mit Haider

Die Pelinkas betrachteten das politische System der Demokratie als ein höchstes Gut, das es zu verteidigen galt. Sie bauten einen neuen Studienzweig auf, bei dem man Studentengenerationen den Wert und die Komplexität der Demokratie als Regierungsform beibrachte, um sie gegen die Viren der staatlichen Patronanz im noch autoritätsgläubigen Österreich zu impfen. In diesem Sinne verstand Pelinka seine Lehrtätigkeit in Innsbruck vor allem auch als antifaschistische Wissenschaft. Es hat wohl niemand mehr zur langsamen Unterminierung und dann in den 1980er Jahren zur Zertrümmerung der staatlichen Doktrin von Österreich als "erstem Opfer Hitlers", die den Diskurs im Land so lang dominierte, beigetragen als Pelinka - und die Zeithistorikerin Erika Weinzierl.

Mit einer solchen bedingungslosen antifaschistischen Gesinnung war der Konflikt mit Jörg Haider und dessen ewiggestrigem Gedankengut vorprogrammiert - und Pelinka hat nicht nur dem Ansehen der Republik Österreich sondern auch der Stärkung der demokratischen Grundgesinnung in diesem Land einen großen Gefallen getan, dem Konflikt mit dem Kärntner enfant terrible nicht auszuweichen. Die Gerichte haben Pelinka am Ende Recht gegeben: Der leichtfertige Umgang mit nationalsozialistischem Gedankengut und die Nähe zur "Wiederbetätigung" bleiben am Ende des schrecklichen 20. Jahrhunderts nicht ungestraft.

Der Autor, geboren in Mellau/Vorarlberg, unterrichtet Geschichte an der Universität von New Orleans, wo er auch Direktor des Österreich-Zentrums ist. Er hat gemeinsam mit Anton Pelinka 14 Bände der Zeitschrift "Contemporary Austrian Studies" herausgegeben.

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