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Antisemitische Bibel?

Zuletzt war es der US-Politologe Daniel J. Goldhagen, der in der Bibel Antisemitismus ortete. Es stimmt: Das Neue Testament kann antijüdisch verstanden werden. Um so wichtiger ist es, die Bibel im Blick aufs Ganze und nicht am Wort haftend zu lesen.

Mein verehrter Lehrer Kurt Schubert, der Doyen der österreichischen Judaistik, hat mehrmals deutlich erklärt, dass verschiedene neutestamentliche Texte, wie zum Beispiel im ersten Thessalonicherbrief (1 Thess. 2,14-16), judenchristliche und heidenchristliche Polemik enthielten und dazu angetan waren, gegen die Juden gerichtet gelesen zu werden. Letzteres haben auch die meisten Exegeten nicht abgeleugnet, die sich auf Einladung des Papstes zur Vorbereitung der vatikanischen Schoa-Erklärung im Oktober 1997 in Rom zusammenfanden, um über mögliche antijüdische Texte im Neuen Testament zu sprechen.

Damit ist aber auch bereits das Wichtigste zur Frage nach möglichen antijüdischen Texten im Neuen Testament gesagt. Denn es kommt nicht darauf an, ob ein Text in der Intention des Autors seinerzeit tatsächlich gegen das Judentum gerichtet war, sondern vielmehr darauf, ob dieser Text im Laufe der Geschichte eine unheilvolle Wirkung erzielte. Dies ist zweifellos vom Wort im Matthäusevangelium "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt 27,25) zu sagen, das letztlich bis vor gar nicht langer Zeit in kirchlichen Kreisen dazu angetan war, die unsägliche Verfolgung des Judentums zu rechtfertigen und als gerechte Strafe zu verteidigen.

Es hilft nichts, wenn der Neuendettelsauer Neutestamentler Wolfgang Stegemann missionarisch zu erklären versucht, es habe historisch keinen Prozess Jesu vor einem jüdischen Gremium gegeben. Die Kirchengeschichte hat das Judentum für die Verfolgung und Tötung Jesu verantwortlich gemacht, und diese Geschichte beginnt bereits im Evangelium selbst.

Wie also die Bibel lesen?

Wie also die Bibel lesen? Brauchen wir Hilfestellungen, Hilfsangebote, um hinter dem Text die versteckten Botschaften zu enttarnen, die Polemiken aufzulösen und gewissermaßen die zeitbedingt antijüdische "Spreu" vom überzeitlich gültigen "Weizen" trennen zu können? Wer entscheidet, welche Stellen des biblischen Kanons einem Leser nach dem Zweiten Vatikanum als Kanon zugemutet werden? Braucht es erläuternde Einleitungen, Wegweisungen bei Passionsaufführungen und Osterliturgien, wie dies die amerikanischen Bischofskonferenzen vorgezeigt haben? Freilich, solche Wegweisungen mögen hilfreich sein, ich habe im Rahmen des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit auch selbst schon daran gearbeitet und vor einigen Jahren hat unter anderem "mein" Salzburger Erzbischof eine solche verschicken lassen.

Aber die Frage: "Wie den Text lesen?" besagt mehr. Sie verweist auf die grundsätzliche Problematik des Zuganges zur Bibel. Als heilige Schrift ist sie uns heute in einer Form überliefert, die Ergebnis langen Mühens und Ringens um den sogenannten Kanon war, also die "Messlatte" an Schriften, welche in der frühen christlichen Gesellschaft als heilig anerkannt wurden. Immerhin dauerte es fast 400 Jahre, ehe die Christenheit ihren Text verbindlich vorlegt und damit auch klar macht, was dazu gehört und was nicht. Was wir heute vorfinden, ist bewusste Sammlung und Anordnung.

Nicht umsonst reihte man die Schriften des Ersten - so genannten "Alten" - Testaments bewusst an den Anfang, nicht ans Ende der Erzählung um Jesus, ordnete vielmehr ihn und die Darlegung seiner Botschaft hintan. Damit machte man klar, dass Wirken und Wesen Jesu nicht verstanden werden, wenn man nicht die Botschaft vom ersten Bundesvolk, von Israel, kennt. Diese Tradition übernahm man zudem aus dem Judentum, das bis heute (mit leichten Anordnungsvarianten und in der katholischen Fassung einem kleinen Überhang an Büchern aus der griechischen Fassung, der Septuaginta) dieselben Schriften als ihr Glaubens- und Lebensbuch als heilig bewahrt. Mit dem Ersten Testament erkannte die frühe Kirche diese gemeinsame Basis als unumstößlichen Bestandteil ihrer eigenen Identität an. Das Judentum wird damit wirklich zum "Innersten" der christlichen Religion, wie es Papst Johannes Paul II. in der Synagoge von Rom 1986 erklärt hatte.

Schon die Anordnung der Bücher zeigt, dass man die grundsätzliche jüdische Leseweise übernahm, indem man an den Anfang der neutestamentlichen Texte die Evangelien stellte, die ihrerseits dem ersten Teil der hebräischen Bibel (= Tora, Pentateuch oder fünf Bücher Mose) entspricht. Diese fünf Bücher Mose gelten dem Judentum bis heute als zentrale Bücher des biblischen Kanons. Danach folgt die Apostelgeschichte in Entsprechung der ersttestamentlichen Geschichtsbücher und die Briefliteratur in Entsprech-ung der erst-testamentlichen Weisheitsliteratur.

Am Schluss des Ersten Testaments steht nach der Septuaginta die Prophetenliteratur, der wiederum die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament entspricht. Diese ihrerseits bindet mehrmals an die Genesis, das erste biblische Buch, zurück, wodurch eine Kreisbewegung entsteht, die Anfang und Ende zu einer Einheit verbindet.

Mehr als das Neue Testament

Wichtig ist, dass das Erste Testament in seiner Stellung nicht als vorläufiges und ausschließlich auf das Neue Testament hin geordnetes Buch gelesen werden darf, wie dies in der Geschichte immer wieder geschah. Wer genau und aufmerksam liest, wird auch gleich entdecken, dass die Rede vom liebenden neutestamentlichen Gott gegenüber dem rächenden des Ersten Testaments nicht haltbar ist. Ebensowenig wie eine einseitig auf das Neue Testament ausgerichtete Theologie, welche alle jene Lebensbereiche ausblendet, die im Ersten Testament behandelt werden und im Neuen nur bruchstückhaft erscheinen beziehungsweise einfach aus dem Ersten vorausgesetzt werden. Von politischen Gerechtigkeitskonzepten bis zur Bedeutung der Lebensfreude reicht hier der Bogen. Erstes und Neues Testament stehen als gleichberechtigte Teile der einen christlichen Bibel in einem spannungsreichen Dialog, müssen als zusammengehörige und doch je eigenständige Bücher gelesen und

interpretiert werden.

Nimmt man das Erste Testament zudem als jüdisches Buch ernst, so verweist es immer wieder auf die jüdische Tradition und weitere Auslegung, die man mit Gewinn lesen kann und soll. Dazu bieten inzwischen auch die theologischen Kommentare bereits häufig Hinweise an.

Ebenfalls grundsätzlich gilt, dass die Bibel ein heiliges Dokument ist, das in seinem Textbestand unverfälscht zu bewahren ist. In seinem Inhalt zeigt sich jedoch, dass die Redaktoren unterschiedliche, ja widersprüchliche Texte nebeneinander bestehen ließen und so ein spannungsreiches und komplexes Gebilde schufen, das keine fundamentalistische Auslegung zulässt.

Nicht am Wort haften bleiben

Will man heute den Bibeltext verstehen, muss man ihn auslegen, interpretieren, auf die Bedürfnisse der Zeit anwenden, darf nicht am Wort haften bleiben. Das gilt insbesondere für jene Stellen im Neuen Testament, die für den christlichen Antijudaismus herangezogen wurden. Die Bibel ist eben kein Rezeptbuch, sondern ein vielfältiges und offenes Angebot, das immer neu zu Fragen zwingt, weshalb zwar der Text als Summe der Buchstaben, nicht aber der Text als Summe von Bedeutung an sein Ende gekommen ist.

Insofern können inhaltlich heute aus dem Text vielleicht auch Antworten gewonnen werden, die dem Buchstabentext entgegenstehen. Die klassische Auslegung sprach in diesem Zusammenhang vom sensus plenior, dem volleren Sinn, worunter etwa die Konzilsväter nicht zuletzt jenen Sinn meinten, den die Schrift als Einheit aller faszinierend sich gegenseitig erhellenden Einzeltexte, als Ganzes bietet, das immer mehr ist als die Summe der Teile. Derartiges Herangehen ist nicht zuletzt angesichts der dunklen Seite des Kirchengeschichte, in der einzelne Bibelstellen zur Rechtfertigung von Judenverfolgung dienten, nötig.

Der Autor ist Professor am Institut für alt- und neutestamentliche Wissenschaft der Universität Salzburg.

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