Normalität Psyche Gesundheit Gesicht - © Illustration: iStock / Sergei Krestinin

Arnold Mettnitzer: Die Sehnsucht nach Halt

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Angst kann zur Krankheit werden und ganze Gesellschaften prägen. Theologe und Psychotherapeut Arnold Mettnitzer über ein mächtiges Gefühl an der Schnittstelle von Religion und Wissenschaft.

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Angst kann zur Krankheit werden und ganze Gesellschaften prägen. Theologe und Psychotherapeut Arnold Mettnitzer über ein mächtiges Gefühl an der Schnittstelle von Religion und Wissenschaft.

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DIE FURCHE: Sie sind Priester und Psychotherapeut. Wie eng gehören Religion und Angst für Sie zusammen?

Arnold Mettnitzer: Angst ist ein Frühwarnsystem des Körpers, damit man unter seelischer und körperlicher Gespanntheit Gefahren rechtzeitig erkennt und Gegenmaßnahmen einleitet. In Verbindung mit Religion ist Angst eine nüchterne Einschätzung der nicht in den Griff zu bekommenden Wirklichkeit. In Zusammenhang mit der Frage nach dem Sinn des Lebens muß sich der Mensch eingestehen, daß er diese Richtungen nicht in der Hand hat. Hier ist die Erfahrung von Angst, religiös betrachtet, verbunden mit der Sehnsucht nach einem Halt. Religion ist dort greif-, erleb- und spürbar, wo sie diese Angst vertreiben kann. Es ist eine psychotherapeutisch relevante Aussage im Neuen Testament, wenn Jesus den Jüngern fast vorwirft: "Warum habt ihr solche Angst?" Das heißt, im Neuen Testament scheint die erlebte Angst ein Zeichen von zu geringem Glauben zu sein. Wenn, scheint Jesus seinen Jüngern zu sagen, euer Glaube so groß wäre wie ihr tut, daß er ist, dann würdet ihr nicht solche Angst empfinden. Man kann auch sagen, daß die erlebte Angst ein Seismograph dafür ist, ob die Herzen der Menschen aus dem Lot gekommen sind.

DIE FURCHE: Der Psychiater und Neurologe Friedrich Strian hat geschrieben, daß jede schwere Angst letztlich eine Angst vor dem Tod sei. Kann man das so in diesem Satz zusammenfassen?

Mettnitzer: Ich denke, daß diesem Satz zuzustimmen ist, und er scheint mir nicht verkürzt zu sein. Der Philosoph Martin Heidegger hat den Menschen umschrieben als "Sein zum Tode hin". Oder mit Sigmund Freud gesprochen: "Wir wissen alle, daß wir sterben müssen, aber wir, die wir darüber nachdenken, leben noch und halten uns gerade deswegen im Grunde für unsterblich." Angstmomente sind die, wo unsere Unsterblichkeit in Frage gestellt wird und es uns schmerzlich und plötzlich bewußt wird: Das Ende könnte schon jetzt eintreten! Und damit ist dieses Bedrohungsmoment wahrscheinlich die intensivste Art und Weise, wie man sich mitten im Leben vom Tod bedroht fühlt und damit auch das Leben als Bedrohung erlebt.

DIE FURCHE: Der französische Historiker Georges Duby vertritt die Meinung: Der mittelalterliche Mensch war davon überzeugt, daß er auferstehen wird, der Tod war ein Übergang. Der zeitgenössische Verlust des religiösen Empfindens habe hingegen aus dem Tod sozusagen eine furchterregende Prüfung gemacht. Sind Sie auch dieser Meinung?

Mettnitzer: Man muß unterscheiden zwischen Hörigkeit und Mündigkeit. Wenn jemand nur davon redet, daß es ein Leben nach dem Tod gibt, das alleine wird mir meine Angst nicht nehmen. Aber durch die Suche nach Sinnspuren in meinem Leben kann ich eine Vorahnung für ein Leben danach gewinnen. Das geht nicht mit philosophischen Konzepten oder theologischen Vergewisserungen, sondern nur durch die Stimmigkeit eines in Gemeinschaft gestalteten und durch Liebe durchwirkten Lebens. Wer Partnerschaft, Liebe und Freundschaft im Namen Jesu oder im Namen einer anderen Weltreligion gelebt hat, der bekommt eine Ahnung davon, daß das, was er hier erlebt, sich nicht auf den Tod begrenzen läßt. Das ist für mich die einzige Art, über ein Leben nach dem Tod zu sprechen.

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