Atheismus - eine anerkannte Religion?

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Die Atheistische Religionsgesellschaft strebt nach staatlicher Anerkennung. Das ist ein in vielen Belangen fragwürdiges Ansinnen. Ein Kommentar.

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Die Atheistische Religionsgesellschaft strebt nach staatlicher Anerkennung. Das ist ein in vielen Belangen fragwürdiges Ansinnen. Ein Kommentar.

Podiumsdiskussion der Atheistischen Religionsgesellschaft in Österreich: Eine kleine Gruppe junger und engagierter Atheisten strebt die Anerkennung der Atheistischen Religionsgesellschaft als Bekenntnisgemeinschaft an, und später auch als Religion. Verblüffend daran: sie verstehen Religion nur nach dem Buchstaben der österreichischen Gesetze, als reinen Formalismus.

Atheisten glauben nicht an Gott, sondern daran, dass alle Götter von Menschen gemacht sind. Die Projektionsthese fungiert als Kritik an Gottesbildern. Kann man aber aus Kritik einen Glaubenssatz machen? Ja, meint Wilfried Apfalter, Präsidiumsmitglied und Sprecher der Gruppe. Die Ironie: Apfalter bleibt damit dem autoritären Religionsverständnis treu, das die österreichische Mentalität geformt hat.

Historische Vorbilder

So musste nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die mittlerweile mehrheitlich protestantische Bevölkerung Österreichs zwangsweise rekatholisiert werden oder auswandern. Entscheidend waren damals die richtigen Antworten auf Katechismus-Fragen, also ein Formalismus. Beinahe Gleiches tut nun die Atheisten-Gruppe, indem sie die alten Katechismus-Antworten in eine Negation packt: "Dieser Gott und alle anderen Gottheiten existieren nicht, sie sind menschliche Konstrukte“ - und sagen: dies ist unser Glaube.

Wäre alles nicht so ernst und als Vorlage für die Anerkennung als Religionsgemeinschaft gedacht, wäre es ein gelungenes ironisches Spiel mit den mentalen Überbleibseln eines autoritären Denksys-tems.

Diese Geschichte zeigt freilich auch, dass sich das Verständnis von Religion - und damit auch der Atheismus - in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Zunächst ist festzustellen, dass die Religionen keineswegs ausgestorben sind, sondern zu politischen Zwecken revitalisiert wurden. Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen“ (1996) zog die Trennlinie zwischen Kulturen mittels Religionen. Religion wurde zu einem "Identitätsmarker“ (Olivier Roy), und fundamentalistische Plattheiten in Sachen Religion nahmen zu. So wurde 2005, in den USA der Bush-Ära, der Kreationismus gleichwertig mit der Evolutionstheorie als Lehrstoff in Biologie zugelassen.

Das macht es kritischen Naturwissenschaftlern leicht, Religionen als irrational und unwissenschaftlich abzustempeln. Dabei geht es aber nicht um philosophische Kritik von religiösen Denkgebilden, sondern um die Durchsetzung eines mehr oder minder dogmatischen Naturalismus. Dafür stehen Autoren wie Dawkins, Hitchens oder auch der Physiker Stenger.

Konkurrierende Weltbilder

Das unterscheidet den Neuen Atheismus vom alten: es geht um konkurrierende Weltbilder, nicht wie im 19. Jahrhundert um eine philosophische Radikalkritik an Gottesvorstellungen. Die Debatte verläuft zudem im Gelände des Fundamentalismus, denn auf "Tatsachen“ berufen sich nicht nur Atheisten, sondern auch religiöse Fundamentalisten. Die poetische und philosophische Qualität von Religion scheint nach Jahrhunderten von dogmatischen Festschreibungen weitgehend in Vergessenheit und Misskredit geraten zu sein.

Viele verbinden mit dem Wort "Gott“ daher nichts oder Unverständliches. Das hat mit den grundlegenden Veränderungen der Alltagswelt zu tun, in der die Naturwissenschaften immer wichtiger wurden. Das Potential in Sachen Lebenssinn, das sich in Religionen findet, verliert durch den Sprachverlust an Verständlichkeit. Viele, denen "Gott“ nichts sagt, suchen nach Institutionen, die Gemeinschaft und Sinn vermitteln. In Österreich machen die Konfessionsfreien ungefähr ein Viertel der Bevölkerung aus.

Manche unter den Neuen Atheisten - wie der Philosoph Alain de Botton in seinem beeindruckenden Buch "Religions for Atheists“ - empfehlen daher, neue Gemeinschaften, Rituale und Formen zu schaffen, die "ohne Gott“ die alten emotionalen Bedürfnisse befriedigen. Von den Ideen de Bottons könnten auch die Kirchen profitieren. Denn wie sagte der Religionsphilosoph Raimon Panikkar? "Der Atheismus ist eine wunderbare Medizin gegen eine ganze Reihe von Gottesbildern.“

Gesellschaftspolitisch geht es den Atheisten um den Kampf gegen die Relikte des Staatskirchentums. Würde die Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich Anerkennung finden, käme die Gruppe selbst in den Genuss der damit verbundenen Rechte und würde damit eine Kirche unter vielen - zahnlos aber, weil ohne kritisches Potential.

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