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Auch für Menschen auf der anderen Seite

"St. Virgil ist nicht irgendein Haus", betont der Direktor der Bildungseinrichtung. Und das gilt nicht nur für die Architektur von St. Virgil, das dieser Tage sein 25-Jahr-Jubiläum begeht.

St. Virgil - der Name ist uns Programm." Ein blitzgescheiter Mann soll dieser Virgil gewesen sein. Den "Geometer" habe man ihn genannt, weil er schon Jahrhunderte vor Galilei für die Kugelgestalt der Erde eingetreten ist. Den ersten Salzburger Dom ließ er errichten. Eine Domschule geht auf seine Initiative zurück, Schriftsteller war er, geistig ungemein rege ... Hans-Walter Vavrovsky und Peter Braun, Rektor und Direktor des Salzburger Bildungshauses St. Virgil geraten beim Gespräch mit der furche nach dem Namensgeber ihres Hauses befragt ins Schwärmen. Dabei verschwimmen die Grenzen. Reden die beiden noch über den Heiligen oder schon von ihrer Bildungseinrichtung? Hatte nur St. Virgil einst Schwierigkeiten bei den Autoritäten in Rom, weil er ein Vertreter der sogenannten "Antipodenlehre" (auf der anderen Seite der Erde gibt es ebenfalls Menschen und nicht die Hölle) war, oder steht St. Virgil heute vor ähnlichen Problemen, wenn das Bildungsprogramm sich auch an "Menschen auf der anderen Seite" richtet, das Gegenüber nicht von vorneherein als das Böse, die Hölle und dergleichen abgekanzelt wird?

Emmaus ist das Motto

"Wir stehen voll und ganz in der Tradition des Zweiten Vatikanums", kommt Direktor Braun der Frage, wie ein offenes Bildungshaus in der sich zuweilen sehr eng präsentierenden Erzdiözese Salzburg behaupten kann, zuvor. "Breite und Offenheit des Hauses fußen auf dieser Tradition, und wenn ich mir heute die Programme und Texte anlässlich der Eröffnung vor 25 Jahren anschaue, dann liegen wir ganz gut auf der damals vorgegeben Linie", setzt Braun gleich nach. Und Vavrovsky, der Priester in der Runde, erläutert diese Linie von St.Virgil sogleich am biblischen Beispiel. In der Kapelle des Hauses breitet sich über fast 300 Quadratmeter ein Wandgemälde von Josef Mikl aus, das Thema: Emmaus - das Motto für katholische Erwachsenenbildung schlechthin, ist Vavrovsky überzeugt: "Da geht wer mit, fragt wo der Schuh drückt, kommt nicht gleich dozierend, besserwisserisch, sondern geht einfach mit", legt der Rektor die Emmausgeschichte auf die Bildungsarbeit um. "Und das, obwohl es in die falsche Richtung geht - die Auferstehung ist ja in Jerusalem passiert -, betont Vavrovsky die Pointe der Erzählung. "Da heißt es nicht gleich, nur bei uns ist die Wahrheit, du musst umkehren. Und das ist auch die Aufgabe dieses Hauses. Nicht bevormunden, sondern mitgehen, gemeinsam suchen, bis die Gäste selber sagen: Brannte uns nicht das Herz?"

Die Gelegenheit zu diesem Emmauserlebnis nutzten in den letzten 25 Jahren mehr als 700.000 Bildungshungrige bei rund 20.000 Veranstaltungen. Ursprünglich sollte auf dem Grundstück in Salzburg-Aigen ein neues Priesterseminar gebaut werden. Schließlich reifte, um die Ergebnisse des Zweiten Vatikanums umsetzen zu können, der Entschluss einen den Erfordernissen adäquaten Ort der Erwachsenenbildung zu schaffen. Weitere zehn Jahre sollte es bis zur Eröffnung des Bildungshauses aber noch dauern. Wilhelm Holzbauer gelang mit St.Virgil ein Meisterwerk zeitgenössischer Architektur, hinter dem er - trotz zahlreicher notwendiger Renovierungs- und Adaptionsarbeiten - nach wie vor steht, und das Direktor Braun im erwähnten Gespräch zur stolzen Selbstdefinition verleitet: "St. Virgil ist nicht irgendein Haus!" In einer Öffnungsphase der Kirche hin zur modernen Kunst entstanden, erwachsen St. Virgil aber diesbezüglich auch Verpflichtungen. Braun: Es geht darum, moderne Kunst im Haus präsent zu halten, Kontakt und Förderung mit und für junge Künstler zu suchen.

"Meine Art zu bauen, ist emotional. St. Virgil rührt durch seine Formensprache an das Wesentlichste der menschlichen Kommunikation, nämlich an den Dialog. Dafür ist es gebaut", sagt Architekt Holzbauer über "sein" Bildungshaus. Eine Aufgabenbeschreibung, der auch der Salzburger Weihbischof Andreas Laun zustimmt. Laun bemängelt jedoch, dass die katholischen Bildungshäuser zuwenig der dringenden Aufgabe nachkommen, die verschiedenen kirchlichen Lager - "mehr am Lehramt orientierte und mehr liberale Gruppen" - an einen Tisch, miteinander ins Gespräch zu bringen. "Die Bildungshäuser sind meist einseitig in der Hand der Liberalen. In diese Burgen kommt kein anderer hinein - und wenn, dann als Feigenblatt", wirft der Weihbischof den Verantwortlichen vor. Intoleranz gegenüber jenen, die nicht den eigenen Stempel tragen ortet Laun: "Mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften wird geredet, die eigenen Leute - wenn sie zum Beispiel von der Petrusbruderschaft kommen - werden hingegen gemieden, als hätten sie Aussatz. Ihm ginge es darum Personen, aber auch Themen - die ebenfalls als für die jeweilige Gruppierung reserviert gelten - kräftig durchzumischen. Eine Plattform dafür zu bieten, so Laun, sei momentan eine zentrale Aufgabe für katholische Bildungshäuser und natürlich auch für St. Virgil.

"Das ist auch unser Auftrag", gibt Peter Braun von St. Virgil dem Weihbischof Recht. Er erinnert an die Abschlussveranstaltung des Dialogs für Österreich, bei der sich das Haus als guter Rahmen bewährt hat, immer wieder vom "Geist von St. Virgil" die Rede war. Für Braun ist jedoch die Dialogfähigkeit zwischen den verschiedenen kirchlichen Lagern schlechter geworden und bei gewissen Themen herrsche eine große Sprachlosigkeit. Braun: "Wenn man zum x-ten Male merkt, da bewegt sich nichts, fragt man sich halt als Bildungshausverantwortlicher, wieviel Chance eine neuerliche Zusammenkunft hat." Die Kritik des Weihbischofs versteht der Direktor als Anregung: "Vielleicht müssen wir in dieser Frage auch wirklich wieder mehr tun. An dieses Thema einfach wieder mutiger herangehen."

Und wie steht Braun zu einem weiteren Wunsch, den Weihbischof Laun gegenüber der furche geäußert hatte? Die Bildungshäuser - der Weihbischof redete immer im Plural, meinte dabei aber sicher auch St. Virgil - sollten sich durchaus selbstkritisch die Frage stellen, welche Themen, in welchem Ausmaß in das Programm einer katholischen Bildungseinrichtung gehören? Er selbst habe den Eindruck, dass auch Veranstaltungen in Bildungshäuser hineindrängen, die nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv sind. "Eine Einführung in den Buddhismus zu bieten, kann nicht Aufgabe eines katholischen Bildungshauses sein", präzisiert Laun seine Kritik.

Bevor die St. Virgil-Verantwortlichen auf Laun replizieren, sei die Meinung eines weiteren, nicht zum Haus gehörenden, aber in pädagogischen Themen versierten Fachmanns zu diesem Vorwurf angeführt. Der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher sieht eine Hauptaufgabe von kirchlichen Bildungshäusern in der Förderung und Weitergabe eines mündigen und nicht infantilen Christentums. "Wir leben in einer multireligiösen Zeit, das ist ein Zeichen unserer Zeit, und darauf müssen Bildungshäuser eine Antwort geben."

Die Nase im Wind

Für Peter Braun wiederum ist gerade der "Dialog mit den Weltreligionen" ein Thema, das von St. Virgil schon sehr früh aufgegriffen wurde, wo das Team rund um Rektor und Direktor "die Nase im Wind" hatte. Jetzt sei Zeit für eine Zwischenbilanz, meint Braun. Was wurde erreicht? Wohin soll es gehen? Diese Fragen gehören jetzt vor allem beantwortet, "sonst beginne das Ganze zu schwimmen". Und im übrigen sehen sich die St. Virgil-Verantwortlichen bei dieser Thematik voll auf der Linie mit den Bemühungen der Gesamtkirche.

Erneut die bereits erwähnte St. Virgil-Linie! Was ist nun das Spezielle an St. Virgil? Was unterscheidet dieses Bildungshaus von anderen? Von der "Nase im Wind" war schon die Rede, eine im Haus angesiedelte Initiative, die zur österreichischen Armutskonferenz führte, sei als weiteres Beispiel genannt. Ebenfalls stolz sind Vavrovsky und Braun auf das umfangreiche eigene Frauenprogramm. Neues plant St. Virgil auch für die Zukunft. In der Aus- und Weiterbildung von haupt- und ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeitern soll die "Virgilakademie" eine zuverlässige Anlaufstelle werden.

Die Zeit ist fortgeschritten, das Mittagsbuffet lockt, noch dazu wo doch Eingeweihte behaupten, die Küche des Hauses schaffe es immer wieder, die Kritiker des Bildungsangebotes zu versöhnen. "Kirche soll auch einladend sein", sagt Rektor Vavrovsky zum Abschluss des Gesprächs. Und beim Weg durch das Haus wird klar, wie er das gemeint hat: Attraktiver Ort sein, für die aus den eigenen Reihen, aber auch für "Menschen auf der anderen Seite".

Am Sonntag, 5. Mai, feiert St. Virgil sein Jubiläum. Beginn 14 Uhr, freier Eintritt; Infos unter 0662/65901-514

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