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Auf den Spuren von „Freude und Hoffnung"

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Vor 30 Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil mit der Pastoralkonstitution ein neues Verständnis der Beziehung von Kirche und Welt eröffnet.

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Vor 30 Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil mit der Pastoralkonstitution ein neues Verständnis der Beziehung von Kirche und Welt eröffnet.

Mit,visionärer Kraft hat Papst Johannes XXIII. mit dem II. Vatikanischen Konzil den Weg in die Zukunft gebahnt. In seiner Eröffnungsansprache erwartet er von Christen(innen) überall in der Welt „einen Sprung nach vorn in dogmatischer Durchdringung und Formung der Gewissen ". Er will das Dogma der Kirche untersucht und gedeutet wissen „im Licht der Forschungsmethoden und der Sprache des modernen Denkens". Denn die Substanz des Glaubensgutes sei „eine Sache, und die Art und Weise, wie es dargestellt wird" eine andere. Wer diese Ansprache in der offiziellen lateinischen Übersetzung in den „Acta Apo-stolicae Sedes" nachliest, wird diese programmatischen Worte vergeblich suchen. Der Kampf um das Konzil und sein Programm hatte längst vor dessen Eröffnung begonnen.

„Gaudium et spes" erwies sich als jener Entwurf, der am meisten von allen nach dem Herzen von Johannes XXIII. konzipiert war. Tatsächlich bezieht sich „Gaudium et spes" als einziges Dokument des Konzils ausdrücklich auf die Eröffnungsrede des Papstes und macht seinen Ansatz, nämlich „den Sprung nach vorne" in dogmatischer und pastoraler Durchdringung zur Grundlage. Lange Zeit hatte das Kind keinen Namen und war deshalb dem Gespött vieler ausgesetzt, denen die ganze theologische Richtung zuwider war: im Jänner 1963 sprach man vom „ Schema XXI", im Mai 1963 vom „Schema XVII", schließlich im Juli 1964 vom „Schema XIII". Auch der Titel „Pastoralkonstitution" war heftig umstritten. So sah sich das Konzil genötigt, eine erläuternde Fußnote anzufügen, die auf die innere Verbindung von Dogma und Pastoral hinweist.

Was war die Absicht, die „Gaudium et spes" verfolgen sollte? Im Auftrag von Johannes XXIII. sollten Montini (Mailand) und Suenens (Me-chelen-Brüssel) ein Gesamtkonzept für das Konzil ausarbeiten. Suenens legte seine Vorstellungen in einer berühmt gewordenen Rede am 4. De-' zember 1962 vor. Nach seiner Vision müsse die Kirche auf die Frage antworten: Kirche, was sagst du von dir selbst? Sie müsse jedoch gleichzeitig in einen Dialog mit der Welt eintreten, um an den Lösungen der großen Fragen unserer Zeit mitzuwirken. Suenens sprach von Wert und Würde der menschlichen Person, den Fragen sozialer Gerechtigkeit, der Bedeutung der Armen für die Kirche und dem Frieden der Völker. Als Suenens seine Rede vortrug, wurde sie von den Vätern mit so lange anhaltendem Beifall bedacht, daß der Vorsitzende der Generalkongregation, Kardinal Caggia-no von Buenos Aires, meinte, der Konzilsversammlung eine Rüge erteilen zu müssen, denn ein solcher Applaus zieme sich nicht für eine Konzilsversammlung.

Der ursprüngliche Entwurf zur Pastoralkonstitution vom Mai 1963 umfaßte sechs Kapitel: 1. Die Berufung des Menschen, 2. Der Mensch in der Gesellschaft, 3. Ehe und Familie, 4. der Fortschritt der Kultur, 5. Wirtschaftsordnung und soziale Gerechtigkeit, sowie 6. Völkergemeinschaft und Friede. Nach dem Tod von Johannes XXIII. und der Weiterführung des Konzils durch Papst Paul VI. erhielt Kardinal Suenens am 4. Juli 1963 den Auftrag, ein neues Schema zu erarbeiten. Er vertraute diese Aufgabe einer Gruppe von Professoren der Universität Löwen an: G. Philips, Ch. Moeller, G. Thils, B. Bigaux OFM; dazu kamen später K. Rahner, Y. Congar, R. Tucci und Ph. Delhaye.

Mehrfach mußte der Text aufgrund eingebrachter Kritik von Grund auf überarbeitet werden. Bei der Diskussion in der Konzilsaula im Oktober 1964 gelang es, daß der Entwurf als Grundlage angenommen wurde, wenn auch eine Vielzahl von Änderungswünschen vorlag. Die Minderheit der Väter sprach von einem „trojanischen Pferd", mit dem eine Reihe von Wertungen und Sichtweisen als gefährliches theologisches Potential eingeschleust werden solle.

Von Spöttern wurde die Pastoral-konstitution „Arche Noah" genannt, denn der Text machte den Eindruck, daß in ihm alle Themen untergebracht werden sollten, für die sich anderswo kein Platz mehr fand. Manche hätten diese Arche am liebsten in den Sintfluten der konziliaren Auseinandersetzungen untergehen sehen. Tatsächlich war ja „Gaudium et spes" für die Väter konzeptuell völlig neu. Wie konnte man sich bei den aufgeworfenen Themen anders als in nur vorläufiger Form äußern? Doch ist solche Vorläufigkeit eines Ökumenischen Konzils würdig? Nicht nur der Kurienkardinal Ottaviani träumte von Texten mit dem „Hauch der Jahrhunderte", die sich erst gar nicht in welthafte Niederungen begeben, sondern eine göttliche im Sinne einer überzeitlichen Wahrheit verkünden sollten.

Nach einer nochmaligen Überarbeitung, die vor allem im Jänner und Februar 1965 in Ariccia südöstlich von Rom unter der Redaktionsführung von P. Haubtmann geschah, konnte am 21. September 1965 Erzbischof Garonne dem Konzil das Dokument als ganzes erneut vorstellen. Es folgte eine ausgiebigeDiskussion mit insgesamt 160 Wortmeldungen bis zum 8. Oktober 1965. Nochmals mußten über 20.000 Änderungswünsche (Modi) in das Dokument eingearbeitet werden. Die Schlußabstimmung fand am 7. Dezember 1965 statt. 2.309 Konzilsväter stimmten mit Placet und nur 75 dagegen.

Worin besteht das Neue der Pastoralkonstitution? Es geht um die Aufgabenstellung der Kirche in der heutigen Welt. Neu ist die Weise, wie Theorie und Praxis, Wort und Tat, Dogma und Pastoral miteinander in Beziehung gesetzt werden. Nie zuvor ist das Dogma so konsequent in seiner pastoralen Bedeutung und die Pastoral in ihrem dogmatischem Wert erfaßt worden. Die Situation der Welt von heute wird aus dem Licht des Glaubens verstanden, doch ebenso umgekehrt: der Glaube muß aus der Situation der Welt verstanden werden oder er wird überhaupt nicht verstanden.

In vielen Interpretationen wird „Gaudium et spes" als „dogmatisches Hauptereignis" des Konzils - so der Würzburger Fundamentaltheologe Elmar Klinger - verkannt. Doch es handelt sich um einen Zukunftsentwurf der Kirche auf höchster lehramtlicher Ebene.

Im ersten Hauptteil thematisiert „Gaudium et spes" die Kirche und die Berufung des Menschen. Diese Berufung wird entfaltet: 1. als Würde der menschlichen Person, 2. in der Gesellschaft, 3. dem menschlichen Schaffen in der Welt und 4. als Aufgabe der Kirche in der Welt von heute.

Im zweiten Hauptteil folgen zentrale pastorale Themen: Ehe und Familie, der kulturelle Fortschritt, das Wirtschaftsleben, die politische Gemeinschaft und die Förderung des Friedens. Der Begriff der Pastoral ist grundsätzlich gefaßt, nicht mehr nur im traditionellen Sinn als Betreuung der Laien durch die Priester, sondern als Beziehung der Kirche zur Welt. Pastoral bezieht sich auf den Baum der Gesellschaft; sie meint Seelsorge und Sozialethik.

Der Glaube an die Berufung des Menschen durch Gott ist ein Schlüssel zur Entdeckung des Menschen. Dieser Glaube läßt die „Zeichen der Zeit" erkennen und eine Unterscheidung der Geister treffen. Er erschließt Sinn und Bedeutung des menschlichen Handelns in der Welt. Mit der Verkündigung dieses Glaubens erschließt die Kirche „dem Menschen gleichzeitig das Verständnis seiner eigenen Existenz, das heißt die letzte Wahrheit über den Menschen" (GS 41). Indem dem Menschen diese Wahrheit erschlossen wird, wird ihm erschlossen, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

Wer an einem Glauben an Gott ohne diesen Glauben an die Existenz des Menschen festhalten will, steht nicht auf dem Boden des Konzils. Von Gott zu reden, ohne den Menschen einzubeziehen, erweist sich als Götzendienst, wie es sich umgekehrt als enthumanisierend erweist, vom Menschen in einem grundsätzlichen Sinn zu handeln ohne jene Dimension seiner prinzipiellen Offenheit und Freiheit in den Blick zu nehmen, deren Inbegriff die Theologie „Gott" nennt Der Glaube an Gott wird zum Bekenntnis für den Menschen. Jede Aussage über Gott und sein Geheimnis erschließt dem Menschen „das Verständnis seiner eigenen Existenz" (GS 41). Geschieht dies nicht, so hat eine Aussage keine theologische Bedeutung. Radikaler kann eine Theologie nicht mehr geerdet werden! Die Kirche existiert nicht nur in der Welt, sondern als Welt. Sie ist selbst eine geistliche und weltliche Gemeinschaft. So hat alles in der Welt einen transzendenten Sinn. Das Geheimnis Gottes ist nicht außerhalb der Welt zu finden, sondern als deren tiefster Grund. Der Glaube an Gott offenbart sich als Liebe zur Welt.

„Gaudium et spes" verkörpert gemeinsam mit der Kirchenkonstitution „Lumen gentium" den Gesamtentwurf des Konzils in seinen beiden Aspekten. Das Menschsein wird verstanden als Werden in Gott, und Gott wird verstanden als Werden des Menschen.

Die Katholische Kirche begreift ihr Wesen in ihrer Aufgabe. Sie ist - nach einem Wort Dietrich Bonhoeffers „für die Menschen da". Ist sie es wirklich oder gibt sie es nur vor? Nimmt sie den Menschen ernst, macht sie sich mit ihm solidarisch in seiner „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst", so wird die Dialogfähigkeit zu ihrem Strukturprinzip.

An der Bereitschaft, mit dem Konzil den Sprung nach vorne zu tun oder zu verweigern, läßt sich der wahre spirituelle Zustand der Kirchenmitglieder ablesen. Die Pastoralkonstitution ist kein Dokument blauäugiger Schwärmer, sondern ein maßgebender Text. Er gibt das Instrumentarium an die Hand, eine Unterscheidung der Geister anhand der Übereinstimmung von W7ort und Tat, von Programm und gesellschaftlicher Realität zu treffen.

Wer mit diesem Maß mißt, wird manche, die sich lautstark als Hüter der Orthodoxie gebärden, als gewogen und für zu leicht befunden erkennen und andere, die am Rande zu stehen scheinen, als spirituell wahrhaft bedeutsam.

Der Autor ist

Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Hochschule in Linz

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