Holl - © Foto: Rosso Robot cc (Bearbeitung: Manuela Tomic)
Religion

Auf Gottes krummen Zeilen

1945 1960 1980 2000 2020

Flotter Formulierer in Religionssachen. Polyhistor von Gnaden. Kirchlicher Rebell und Traditionalist. Kecker Ketzer. Surfer auf dem und abseits des Zeitgeistes. Zum Tod von Adolf Holl.

1945 1960 1980 2000 2020

Flotter Formulierer in Religionssachen. Polyhistor von Gnaden. Kirchlicher Rebell und Traditionalist. Kecker Ketzer. Surfer auf dem und abseits des Zeitgeistes. Zum Tod von Adolf Holl.

Sicher ist: Adolf Holl hat das religionsfreundliche wie das religionskritische Österreich ab den 1970er Jahren nicht kalt gelassen. Er, der katholische Priester, der in jungen Geistlichen-Jahren mit Kardinal König „sehr gut“ gewesen war, entdeckte wenig später nicht nur die Fleischeslust, sondern auch seine kecke Ader, die hehren Sätze der Besserwisser in Glaubenssachen flapsig zu relativieren, über Gott und die Welt mit flotter Zunge (genauer: Feder) drüberzufahren und doch tiefe Schichten von Glaube und Religion offenzulegen.

Nicht nur das: Obwohl ihn Kardinal König 1976 widerwillig, aber ob enormem Druck aus dem konservativen Kirchenflügel Öster reichs und dem Vatikan als Priester suspendiert hatte, weigerte sich Holl, das Pries teramt aufzugeben. Und auch wenn es in jenem durchaus kirchengegnerischen Milieu, in dem er sich auch bewegen konnte (und gern bewegte), kaum verständlich sein dürfte: Adolf Holl und das Katholische blieben einander weniger in inniger Feindschaft als in gegenseitig verschmähter Liebe verbunden. Am 23. Jänner ist Holl verstorben, bald 90 Jahre alt.

In schlechter Gesellschaft

Man kann sich der Gestalt und dem Werk Adolf Holls agnostisch, antikirchlich, sowie auch religionsfreundlich und kulturwissenschaftlich nähern. Aber man kann es auch katholisch-biografisch tun: Denn für einen begeistert in der nachkonziliaren Kirche Aufwachsenden, dem der stockkonservative Religionsunterricht zusetzte, war Holls „Skandalbuch“ aus 1971 „Jesus in schlechter Gesellschaft“ eine Offenbarung: Endlich erklärt einer den Glauben mit flotten Worten und bestach mit frecher Argumentation, dass das Mantra der Dogmen, die starre Glaubenshüter wie der besagte Religionsprofessor verständnislosen Jugendlichen einzuimpfen versuchte, nicht so klar und eindeutig waren, wie es die Kirche amtlich vorgab. Im Gegenteil, schrieb Holl, war ja vieles, was Jesus zugedichtet wurde, nicht wirklich von ihm „gewollt“, sondern hatte sich erst im Lauf der Kirche zur Glaubenspflicht versteinert.

Als junger Freigeist, der man damals war, hatte man solches längst vermutet, aber nun sprach es einer wie Holl aus – zum Entsetzen der Bewahrer, die nach dem Konzil ihre Felle sowieso ans teuflische Ufer der Zeitströme davonschwimmen sahen.

„Das Buch von A. Holl ist eines der besten Jesusbücher, die auf dem Markte sind.“ Auch solches war 1971 zu lesen – in der Schweizer Jesuitenzeitschrift Orientierung schrieb dies der renommierte Exeget Norbert Lohfink, der in seiner Rezension ausführte, dass „das meiste, was Holl über Jesus schreibt, richtig“ sei. Lohfink empfahl, „das Buch von Holl und dann wieder die vier Evangelien zu lesen. Wer sie nicht zu lesen pflegt, ist sowieso nicht autorisiert, über Holl den Stab zu brechen. Wer sie kennt und sie mit Holls Schlüssel wieder liest, wird feststellen, dass seine Aussagen erhellende und auf- schließende Kraft haben. Es kann zu überraschenden Erlebnissen kommen. Der wirkliche Jesus tritt aus dem Weihrauchnebel hervor.“

Es gab also auch theologische Schützenhilfe für den Ketzer, als der sich Holl in der Folge gerne stilisierte. Und wer bei ihm „dranblieb“, der lernte aus seinen Büchern vieles. Mindestens so berührend (und ebenso frech) wie der in schlechte Gesellschaft „geratene“ Jesus war Holls „Mystik für Anfänger“ aus 1977, wo er – Alltagserlebnisse beschreibend und zugleich Wurzelgründe offenlegend – die Gabe der Innenschau für Zeitgenossen aufbereitete. In kurzen Abständen setzte er wirkmächtige Holl-Marken – etwa mit „Der letzte Christ“ (1979), einer der bis heute besten Franz-von-Assisi-Biografien, oder mit „Die linke Hand Gottes“ (1997), seiner „Biographie des Heiligen Geistes“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Holl mit dieser Linkshändigkeit sich selbst mitgemeint hat.

Sicher ist: Adolf Holl hat das religionsfreundliche wie das religionskritische Österreich ab den 1970er Jahren nicht kalt gelassen. Er, der katholische Priester, der in jungen Geistlichen-Jahren mit Kardinal König „sehr gut“ gewesen war, entdeckte wenig später nicht nur die Fleischeslust, sondern auch seine kecke Ader, die hehren Sätze der Besserwisser in Glaubenssachen flapsig zu relativieren, über Gott und die Welt mit flotter Zunge (genauer: Feder) drüberzufahren und doch tiefe Schichten von Glaube und Religion offenzulegen.

Nicht nur das: Obwohl ihn Kardinal König 1976 widerwillig, aber ob enormem Druck aus dem konservativen Kirchenflügel Öster reichs und dem Vatikan als Priester suspendiert hatte, weigerte sich Holl, das Pries teramt aufzugeben. Und auch wenn es in jenem durchaus kirchengegnerischen Milieu, in dem er sich auch bewegen konnte (und gern bewegte), kaum verständlich sein dürfte: Adolf Holl und das Katholische blieben einander weniger in inniger Feindschaft als in gegenseitig verschmähter Liebe verbunden. Am 23. Jänner ist Holl verstorben, bald 90 Jahre alt.

In schlechter Gesellschaft

Man kann sich der Gestalt und dem Werk Adolf Holls agnostisch, antikirchlich, sowie auch religionsfreundlich und kulturwissenschaftlich nähern. Aber man kann es auch katholisch-biografisch tun: Denn für einen begeistert in der nachkonziliaren Kirche Aufwachsenden, dem der stockkonservative Religionsunterricht zusetzte, war Holls „Skandalbuch“ aus 1971 „Jesus in schlechter Gesellschaft“ eine Offenbarung: Endlich erklärt einer den Glauben mit flotten Worten und bestach mit frecher Argumentation, dass das Mantra der Dogmen, die starre Glaubenshüter wie der besagte Religionsprofessor verständnislosen Jugendlichen einzuimpfen versuchte, nicht so klar und eindeutig waren, wie es die Kirche amtlich vorgab. Im Gegenteil, schrieb Holl, war ja vieles, was Jesus zugedichtet wurde, nicht wirklich von ihm „gewollt“, sondern hatte sich erst im Lauf der Kirche zur Glaubenspflicht versteinert.

Als junger Freigeist, der man damals war, hatte man solches längst vermutet, aber nun sprach es einer wie Holl aus – zum Entsetzen der Bewahrer, die nach dem Konzil ihre Felle sowieso ans teuflische Ufer der Zeitströme davonschwimmen sahen.

„Das Buch von A. Holl ist eines der besten Jesusbücher, die auf dem Markte sind.“ Auch solches war 1971 zu lesen – in der Schweizer Jesuitenzeitschrift Orientierung schrieb dies der renommierte Exeget Norbert Lohfink, der in seiner Rezension ausführte, dass „das meiste, was Holl über Jesus schreibt, richtig“ sei. Lohfink empfahl, „das Buch von Holl und dann wieder die vier Evangelien zu lesen. Wer sie nicht zu lesen pflegt, ist sowieso nicht autorisiert, über Holl den Stab zu brechen. Wer sie kennt und sie mit Holls Schlüssel wieder liest, wird feststellen, dass seine Aussagen erhellende und auf- schließende Kraft haben. Es kann zu überraschenden Erlebnissen kommen. Der wirkliche Jesus tritt aus dem Weihrauchnebel hervor.“

Es gab also auch theologische Schützenhilfe für den Ketzer, als der sich Holl in der Folge gerne stilisierte. Und wer bei ihm „dranblieb“, der lernte aus seinen Büchern vieles. Mindestens so berührend (und ebenso frech) wie der in schlechte Gesellschaft „geratene“ Jesus war Holls „Mystik für Anfänger“ aus 1977, wo er – Alltagserlebnisse beschreibend und zugleich Wurzelgründe offenlegend – die Gabe der Innenschau für Zeitgenossen aufbereitete. In kurzen Abständen setzte er wirkmächtige Holl-Marken – etwa mit „Der letzte Christ“ (1979), einer der bis heute besten Franz-von-Assisi-Biografien, oder mit „Die linke Hand Gottes“ (1997), seiner „Biographie des Heiligen Geistes“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Holl mit dieser Linkshändigkeit sich selbst mitgemeint hat.

Adolf Holl und das Katholische blieben einander weniger in inniger Feindschaft als in gegenseitig verschmähter Liebe verbunden.

Im Laufe der Jahre brillierte der Religionswissenschafter in großen Bögen und einer mit dicken Pinselstrichen gemalten Kulturgeschichte, es kam schon vor, dass er im Gespräch mit einem Satz ein Phänomen bei der Jungsteinzeit beginnen ließ, um dann in der unmittelbaren Gegenwart zu enden. Dass dies nicht immer wissenschaftlich detailgenau war, störte weder ihn noch seine Rezipienten. Mochte dies zu platt erscheinen, so blieb zumindest eine gute Formulierung oder ein Bonmot, weswegen Holl gern gelesen und besprochen wurde.

Vormoderne Frömmigkeit

Gleichzeitig verfing sich Holl, der Kirchenrebell, in einer bis an die traditionalistische Grenze reichenden Frömmigkeit: Er, der „Modernist“, beklagte den Verlust des Lateinischen in der Liturgie und sehnte sich nach den vorkonziliaren Messriten seiner Jugend – etwa im als „Monolog“ bezeichneten Büchlein „Weihrauch und Schwefel“ (2003), in dem er aber auch Sexualfantasien beim Küssen von Marienstatuen von sich gab. Letztere las er Anfang 2004 bei den „Gedanken für den Tag“ auf Ö1 vor, was einige Radiohörer so verstörte, dass die ORF-Oberen die weiteren Folgen absetzten.

In seinen letzten 20 Lebensjahren war Holl auch Gesprächspartner der FURCHE – nicht zuletzt in pointierten Interviews, die er anderswo so nicht gab. Etwa 2003 ein Gespräch über Sexualität und Religion, in der er „seiner“ Kirche attestierte: „Für mich gibt es keinen Gesellschaftskörper, der am ganzen Körper so mit Erotik tätowiert ist wie den katholischen.“ Gleichzeitig diagnostizierte er, wir würden einer „völlig frigiden Gesellschaft“ leben. 2010, zu seinem 80er, nahm Holl zu den aufpoppenden kirchlichen Missbrauchscausen Stellung, indem er diese in den Kontext seiner Sexualitätssicht stellte und zum Schluss kam: „Ich experimentiere zurzeit mit einem anderen Kampfbegriff, um dem nahe zu kommen, was jetzt abläuft: Dekadenz.“

Das letzte FURCHE-Gespräch fand 2015 mit dem fast 85-Jährigen statt, wo Holl auch darüber sprach, in seiner Lebensform die religiösen Sachen zur Hauptbeschäftigung gemacht zu haben –„also nicht so hier und da einmal, wenn man zwei Viertel getrunken hat, oder wenn man einen Leberkrebs hat oder jemand gestorben ist, der einem sehr wichtig war: Dann tauchen natürlich diese Sinnfragen auf, nebenbei sozusagen, und kommen ein bisserl in den Vordergrund. Bei mir war diese Lebensführung immer die Hauptsache.“

Das Interview zu Adolf Holls 90er kann jetzt nicht mehr stattfinden. Zumindest nicht im Diesseits.

Holl - © Foto: Rosso Robot cc (Bearbeitung: Manuela Tomic)

Adolf Holl

Geb. 1930 in Wien, Priesterweihe 1954, 1963 Dozent für Religionswissenschaft an der Kath.-Theol. Fak. Wien, 1973 Entzug der Lehrerlaubnis, 1976 Suspendierung vom Priesteramt, u. a. Moderator beim „Club 2“, gest. am 23. Jänner 2020.