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Auf Marktplätzen predigen

Am 17. Juni jährt sich der Geburtstag von John Wesley zum 300. Mal. Wesleys ursprünglich anglikanische Reformbewegung der Methodisten war die letzte Großkirchengründung der Neuzeit.

Gott bedient sich ungewöhnlicher Mittel, wenn er etwas Neues schaffen will. Dies war die Überzeugung von John Wesley, und unter diesem Aspekt hat er die von ihm ins Leben gerufene methodistische Bewegung gesehen. Auf der einen Seite war da die klare Loyalität zur Church of England, an der er zeitlebens festgehalten hat, und auf der anderen Seite setzte er Schritte, die scheinbar in völligem Gegensatz zur Tradition der Kirche zu stehen schienen, von denen er aber überzeugt war, dass sie der Verkündigung des Evangeliums an Menschen, die Glaube und Kirche völlig entfremdet waren, dienten.

Was John Wesley als irreguläres Handeln vorgeworfen worden ist, war: Predigt im Freien und Missachtung der Pfarrgrenzen; freies Gebet anstatt aus dem offiziellen Common Prayer Book zu lesen; Laien predigen zu lassen und die Bildung von Gemeinschaften (Konventikeln). John Wesley setzte sich mit seinen Pfarrerkollegen, seinen Bischöfen und seiner Universität Oxford öffentlich wegen dieser Vorwürfe auseinander. Er wich den Vorwürfen nicht aus, er argumentierte, er verteidigte und begründete sein Handeln - und suchte dabei immer die Zustimmung seiner Kirche. Einzige Grund für eine Trennung von der Kirche wäre für ihn ein Verbot gewesen, das Evangelium zu predigen. Das hat seine Kirche nie getan und so blieb er ihr widerborstiger, aber loyaler Sohn.

"Mann eines Buches"

Die Bibel war für John Wesley Richtschnur seines Lebens. Im Vorwort zu den 53 Standard-Predigten (einem Grundlagendokument der Evangelisch-methodistischen Kirche) schreibt er: "Was ich sein will, ist ein homo unius libri - Mann eines Buches." Seine Interpretationsweise dabei ist, dass er parallele Stellen der Schrift sucht und daraus "geistliche Sachen für geistliche Menschen" deutet: "Darüber meditiere ich so aufmerksam und ernsthaft, wie mein Verstand es nur kann. Wenn noch irgendein Zweifel bleibt, so frage ich die, die in göttlichen Dingen erfahren sind; und dann die Schriften, durch welche sie reden, obwohl sie gestorben sind. " So räumte Wesley bei der Schriftdeutung den Kirchenvätern eine besondere Stellung ein. Seine Predigten und theologischen Abhandlungen sind durchsetzt mit biblischen Zitaten und Begriffen. Und er bezog sich auf die ganze Schrift - das Alte und das Neue Testament. Er las aber mehr als die Bibel, war vertraut mit den theologischen Neuerscheinungen seiner Zeit, kannte Poesie und Dichtung. Für seine Laienprediger und jeden interessierten Christen stellte er eine Buchreihe zusammen, die er die Christliche Bibliothek nannte. Sie umfasst 25 Bände mit wichtigen Texte, beginnend mit der Frühzeit der Kirche bis in seine Zeit - aus allen christlichen Traditionen.

Rechtfertigung & Heiligung

Wesley hat christliche Erfahrung als sehr wichtig angesehen. Theologische Einsichten, die nicht gelebt werden konnten, hat er nicht sehr geschätzt. Ihm selber ist eine ganz wichtige Einsicht aufgegangen, als er die Vorrede Luthers zum Römerbrief vorgelesen hörte. In seinem Tagebuch vermerkte er: "Ich wurde inne, dass ich für das Heil meiner Seele wirklich auf Christus vertraute, auf Christus allein. Dazu wurde mir die Gewissheit geschenkt, dass er meine Sünden, ja gerade die meinen, weggenommen und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst habe." Diese Erfahrung war verbunden mit der Einsicht, dass die Rechtfertigung der Heiligung vorausgehe: Wer aber vor Gott gerechtfertigt ist, der beginnt den Weg der Heiligung. Nach dieser Herzenserfahrung begann sein Weg als Evangelist und Erneuerer seiner Kirche. Es begann 1739 mit einer Predigt im Freien in Bristol. Er sprach zu 3.000 Grubenarbeitern, die nie eine Kirche betreten hatten. Seine Predigt fand erstaunlichen Widerhall. Von da an war er unablässig tätig. Er predigte auf freiem Feld, auf Marktplätzen auch in Kirchen (die meist zu klein waren um die Zuhörer zu fassen), wenn er eingeladen wurde.

Als Hilfe für die Lebensgestaltung gab Wesley 1741 seinen wachsenden Gemeinschaften die so genannten Allgemeinen Regeln: Jeder soll lernen, regelmäßig und beständig 1.) nichts Böses zu tun und Böses aller Art zu meiden, 2.) Gutes zu tun allen Menschen gegenüber, bei jeder möglichen Gelegenheit, soweit die Kräfte reichen und 3.) die Gnadenmittel Gottes zu gebrauchen. Zu letzteren gehören: öffentlicher Gottesdienst; das Wort Gottes, gelesen oder ausgelegt; das Abendmahl; Gebet in der Familie und im Verborgenen; Forschen in der Schrift; Fasten und Enthaltsamkeit.

"Ökumenischer" Theologe

John Wesley wird oft als Volkstheologe dargestellt, der zwar nichts Originelles beigetragen, aber bereits vorhandene theologische Erkenntnisse unters Volk gebracht habe. Albert C. Outler, Theologe in Dallas und profunder Wesley-Kenner, der Anstoß zu einer kritischen Gesamtausgabe Wesleys gegeben hat, setzt einen anderen Akzent. Er nennt Wesley einen "ökumenischen Theologen". und meint, er habe die tiefer liegende christliche Einheit aller kirchlichen Traditionen wahrgenommen und deshalb die lehrmäßigen Gegensätze, die seit Augsburg und Trient soviel Tinte und Blut vergossen haben, zu überwinden gesucht. Für Wesley war die Frage nach der Liebe zu Gott und den Menschen eine wesentliche Frage, die auch die Beziehung zu Menschen aus anderen christlichen Traditionen betraf. Wo er diese Liebe vorfand, stellte er Lehrdifferenzen hintan und suchte nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit

Kirche von den USA aus

John Wesley hat dem Kirchewerden der methodistischen Bewegung zugestimmt. Das begann aber in den USA: 1784 konstituierten sich die Methodisten dort als Methodist Episcopal Church. In den USA war ja nach der Revolution eine politisch und kirchlich völlig neue Situation entstanden. Jetzt galt Trennung von Kirche und Staat. Nach der Konstituierung der Republik gab es keine offizielle Kirche mehr. Die bis dahin gültige Jurisdiktion des anglikanischen Bischofs von London war beendet. John Wesley ordinierte in dieser pastoralen Notsituation drei Personen und schickte sie nach Amerika, um bei der Konstituierung der Kirche in seinem Auftrag zu ordinieren, damit "die armen Schafe in der Wildnis genährt und geleitet werden können". Er gibt einen bemerkenswerten Brief mit, in dem er seine Gründe darlegt und der mit dem Satz schließt: "Da unsere amerikanischen Brüder jetzt völlig abgelöst sind, sowohl vom Staat als auch von der englischen Hierarchie, wagen wir nicht, sie mit dem einen und anderen zu verwickeln. Sie haben jetzt die volle Freiheit, einfach der Schrift und dem Beispiel der Urgemeinde zu folgen. Und wir halten es für das Beste, dass sie jetzt feststehen in der Freiheit, zu der Gott sie auf so seltsame Weise befreit hat."

John Wesley starb mit 89 Jahren, tätig bis zuletzt. Der Wesley-Biograf Roy Hattersley fasst zusammen: "Er ist in die Welt gesandt worden, um Erlösung zu predigen. Sola fide, durch Glauben allein. Er schuf eine neue Kirche, durch die dieser allumfassende Glaube in seiner universalen Gemeinde gepredigt werden konnte. Und indem er das tat, wurde er einer der Architekten der modernen Welt."

Der Autor ist emerit. Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich.

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