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Auf uns kommt es an

Anmerkungen zu Moral und Recht - und zur Rolle der Religion in pluralen Gesellschaften.

Nicht Leitartikel, nicht Festreden, auch nicht philosophische Abhandlungen können dauerhaft und allgemein Moral in den Menschen verankern. Entscheidende Bedeutung kommt der Sozialisation und Enkulturation zu. Sie beginnen früh in Kindheit und Jugend, ihr traditioneller Ort ist die Familie, deren Erschütterung gerade hier ihren Preis hat. Darüber hinaus bedürfen die Individualität und die Sozialität des Menschen ihrer institutionellen Einbettung und Stützung, wobei überindividuelle Ordnungsformen auch größere Einheiten erfordern: Parteien, Verbände, Städte, Staaten und Kirchen - samt einer unvermeidlich bürokratischen Organisation. Nur in größerem Rahmen können Glaube und Religion, universelle Moral, Menschenrechte, aber auch Bildung, Wissenschaft, Kunst, Friedens-, Entwicklungs- und Umweltpolitik entfaltet werden.

Der Rahmen einer Kultur, die zum Humus und Nährboden von Moral wird, lässt sich in drei - keineswegs erschöpfend erfassten - Bereichen identifizieren:

* Kultur der Sprache: Sprache ist buchstäblich "Lebensmittel". Vor allem die audio-visuell vermittelte Sprache dient dem Verständnis und der Verständigung, wenn auch Körper- und Zeichensprache nicht unterschätzt werden dürfen. In der gemeinsamen Sprache sind gemeinsame historische, kulturelle und letztlich auch Werterfahrungen kondensiert. Gemeinsame Sprache ist common sense, der den komplementären Widerpart zur autonomen Subjekthaftigkeit der neueren europäischen Tradition bildet. Eine treffliche Sprache bildet eine schützende "Decke" des menschlichen Zusammenlebens und ist nicht nur ein von jedem Windstoß bedrohter Regenschirm.

Reichtum durch Differenz

* Kultur der Toleranz: Die Aufklärung hat uns bewusst gemacht, wie wichtig Toleranz gerade in pluralistischen Gesellschaften ist, die keine einfache Lebenswelt mehr aufweisen. Toleranz ist eine produktive Moralkategorie, sie ist mehr als die lässig gewährenlassende Indifferenz, die in ihrer Gleichgültigkeit nicht weiterhilft. Toleranz bereichert den Einen durch die Verschiedenheit des Anderen.

* Kultur des Rechts: Gerade in einer pluralistischen, zumindest teilweise säkularisierten Welt, die nur mehr wenig Alltagsselbstverständlichkeiten kennt, ist die Frage nach dem, was rechtens ist, unausweichlich. Der Rechtspolitik wie der Plausibilität und Akzeptanz einer Rechtsordnung ist es sehr dienlich, wenn es vor und hinter den Normen und Institutionen moralische Energien gibt. Das ist von Zeit und Raum unabhängig, aber keineswegs immer vorhanden. Dazu kommt noch eine epochenspezifische Tatsache: In der aufgeklärten Moderne sind Moral, Brauch und Sitte, weil immer weniger "Gemeingut" im strengen Sinn des Wortes, immer seltener effektive Ordnungsfaktoren.

Wir sind daher auf Politik, Vereinbarung und Recht angewiesen. Es gibt eben keine allseitige Harmonie. Die würde Demokratie überflüssig machen, allseitiger Konflikt zerstört sie jedenfalls. Die europäische Entwicklung seit den schweren Auseinandersetzungen der konfessionellen Bürgerkriege zeigt, dass es möglich ist, Befriedungen herzustellen. Im nächsten Jahr werden wir vieler Ereignisse zu gedenken haben. Wahrscheinlich wird übersehen werden, dass auch das Jahr 1495 ein großes Ereignis brachte: die Beseitigung der individuellen Rechtsdurchsetzung in Gestalt des Rechtsinstruments der Fehde im Ewigen Landfrieden von 1495 unter Kaiser Maximilian I., einem der klügsten und erfolgreichsten Habsburger.

Im innereuropäischen und innerstaatlichen Bereich sind Gewaltdurchsetzungen im Großen und Ganzen, wenn es auch immer wieder tragische Ausnahmen - nicht nur in den USA, sondern auch in Europa (Nordirland, Baskenland, Korsika oder Südosteuropa, Kaukasus) - gibt, verpönt. Die Reduktion der Gewalt auf Fälle der Selbstverteidigung, Notwehr und Nothilfe ist das eine. Darüber hinaus entstand seit dem 18. Jahrhundert die Pflege der Sicherheit durch Freiheit und seit dem 19. Jahrhundert das - freilich heute wieder im Ringen um einen "wetterfesten" Sozialstaat erschütterte - wohlfahrtsstaatliche Denken. All dem entspricht im internationalen Bereich noch keineswegs die Verwirklichung der Sehnsuchtsparole "Friede durch Recht".

"Diakonie der Vernunft"

Seit der Enzyklika Papst Johannes XXIII. "Pacem in terris" gibt es keine katholische "Bellum-iustum-Lehre" mehr, und Papst Johannes Paul II. wird nicht müde, dem Krieg ein klares "Nein" entgegenzurufen, wie er es in seiner Neujahrsansprache 2003 tat. Ein besonderes Ärgernis ist es, wenn Kriegsparteien ihre Positionen religiös aufladen und behaupten, im Namen Gottes zu kämpfen. Blinde Emotionen helfen nicht weiter, sondern nur eine "Diakonie der Vernunft", wie der Grazer Bischof Egon Kapellari, ein gelernter Jurist, klug bemerkt hat.

Die Menschenrechte sind ein Hoffnungssignal, auch ein moralisches: Aber wann beginnt und endet das Menschsein und die es tragende Menschenwürde? Gerade da befinden wir uns in heftigen Spannungen, die eben auch ein moralisches Problem darstellen (Abtreibung, Euthanasie, Gentechnik, Bioethik).

Wider die Resignation

Wir geben uns nur allzu gern mit europäischen Erfolgen zufrieden. Der Universalismus der Menschenrechte ist das Problem. Die Begründung der Menschenrechte ist oft ex negativo leichter als ex positivo. Das Unrechtserlebnis lässt uns begreifen, dass der Mensch dem Menschen nicht die Augen ausstechen soll, auch nicht sich selbst, wie Ödipus es tat. Sklaverei, Frauen- und Kinderhandel sind ein Skandal, organisierte Kriminalität, Terror, Waffen- und Drogenhandel, Kinderpornografie und Kindersoldaten dürfen nicht zur zynischen Resignation auf den Minenfeldern ausgebrannter Hoffnung führen.

Der neue Terror lässt in säkularisierten Kreisen oft die Meinung entstehen, dass eine religionslose Welt die friedlichere und menschlichere wäre. Doch der Glaube ist ein menschliches Existenziale, eine humane Grundbefindlichkeit. Gerade deswegen ist die Frage so wichtig, in welcher Form sich Glaube realisiert, sich dann zu Religion und schließlich zu Kirche verdichtet: ob dialogisch, tolerant, ökumenisch oder fundamentalistisch.

Katholische Initiativen der Selbstbindung laufen nach wie vor problemlos und oft recht erfolgreich: Dreikönigsaktion, Familienfasttag, diverse Leistungen der Caritas (abgesehen von der Schwierigkeit, für die Dritte Welt zu sammeln!). Katholische Initiativen jedoch, die auch eine Fremdbindung implizieren und überdies in Rechtsnormen positiviert werden müssten, sind äußerst prekär, ja stoßen nicht selten auf heftigen Widerstand: umfassender Schutz des Lebens, rechtliche und finanziell gesicherte Hochschätzung der Familie, namentlich der Kinderreichen, aber auch Probleme der Behinderten und Fremden sowie der gesamten Dritten Welt, die in einer fatalen Verkürzung unserer Sichtweise seit der Dynamisierung der europäischen Integration und der Erosion des Kommunismus in den Bewusstseinsschatten gefallen ist.

Im Kirchenvolk ist das Bewusstsein lebendig, dass die Probleme und Konflikte der individualistischen Moderne Zonen solidarischer Stabilität als Widerlager brauchen. Gerade Zeiten mit einer Beschleunigung des historischen Wandels machen deutlich, dass der Christ alte Wurzeln und Erfahrungen hat, zu denen zwar - zum Ärger des Integralismus - auch die Aufklärung als eine störrische, aber doch unverlierbare Tochter gehört, die aber tiefer reichen als die Aufklärung und so die Illusion menschlicher Beglückung bloß durch Arbeit, Bildung und Konsum durchstoßen.

Freiheit & Freigiebigkeit

Der deutsche Philosoph Otfried Höffe hat das letzte Kapitel seines Buches über "Gerechtigkeit" aus dem Jahre 2001 unter den Titel "Mehr als Gerechtigkeit: Gemeinsinn und Freundschaft" gestellt. Hier weist er im Moral-, nicht im Rechtsbereich auf die menschlich berührenden Formen freiwilliger, auch emotionell gestützter Kontakte zwischen den Menschen als Mitmenschen. Er sieht den Zusammenhang mit der Freiheit schon bei den Griechen begründet, wo eleutheriótes wie später dann liberalitas bei den Römern edle Gesinnung, Freimut, Freigiebigkeit und Großzügigkeit bedeutet.

Die europäische Integration ist in eine neue Phase der Erweiterung getreten. Aus der Tiefe der Geschichte schimmern Traditionen durch, die Europa, dieser reich zerklüfteten Halbinsel Asiens, ein unverwechselbares Profil geben. Traditionen, die auch in der Debatte um die europäische Verfassung eine Rolle spielten: griechisch-römisches und jüdisch-christliches Erbe, Aufbruch in die Neuzeit, in der evangelischen Reformation mit ihrer großen Wortkultur, aber auch in der katholischen Reform mit ihrer leuchtenden Pracht in Architektur und Musik, dann die erhellende, oft schmerzliche Ernüchterung der Aufklärung, die zum demokratischen Verfassungsstaat führte.

Wegbereitschaft für Neues

Die bisweilen beklagte Pluralität Europas enthält, wie diffus auch immer, Sehnsüchte, die als "Wegbereitschaft" für neue, hoffnungsvolle Lebensentwürfe interpretiert werden können: Sehnsucht nach Liebe und Nachhaltigkeit, nach Zuverlässigkeit und Treue im Meer der Flexibilität, Sehnsucht nach Ungebrochenheit im Splitterhagel des Zerbrechens.

Franz Kardinal König schließt seinen letzten Aufsatz mit den Worten: "Auf diesem Weg besteht die Hoffnung, dass die christlichen Kirchen trotz einer leidvollen Geschichte von Spaltungen und Gegnerschaft zu einer einheitsstiftenden Kraft in dem sich neu formierenden Europa werden können." Wir müssen jenseits sektenhafter Resistenz und fundamentalistischer Revolte Scheinwerfer, nicht Stopplicht der historischen Prozesse sein. Es gibt keine schale Beruhigung. Es kommt nicht auf die großen Traktate an, sondern auf jeden von uns!

Der Autor ist Leiter der Abteilung Politikwissenschaft am Institut für österreichisches, europäisches und vergleichendes öffentliches Recht, Politikwissenschaft und Verwaltungslehre der Universität Graz.

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