Ausbildung zum kritischen Geist

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Seit 40 Jahren liefert der Dreimonatskurs der Katholischen Sozialakademie Österreichs engagierten Christen das Rüstzeug für gesellschaftliches Engagement.

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Seit 40 Jahren liefert der Dreimonatskurs der Katholischen Sozialakademie Österreichs engagierten Christen das Rüstzeug für gesellschaftliches Engagement.

Was bin ich?" lautet das Muntermacherspiel an diesem Freitag Morgen. Und so heften die jungen Leute einander Begriffe wie "Prämie" und "Kollektivvertrag" auf den Rücken, wandeln durch den Raum und versuchen schließlich, durch geschicktes Fragen das Wort auf der eigenen Hinterseite zu erraten. Der Sinn der Übung? "Einfach in Kontakt zu kommen", flüstert Kursleiterin Gabriele Lindner und beobachtet aus dem Augenwinkel das gruppendynamische Geschehen.

Selbst organisiert Für die acht spontanen Betriebspolitiker und ihre zehn Kollegen von der Kommunalpolitik nebenan ist es ein Tag wie jeder andere - mit prallem Programm und der Aussicht auf ein spärliches Wochenende. Von Anfang Jänner bis Ende März haben sie sich für den "Dreimonatskurs" frei genommen und begeben sich in Klausur, hier im Kardinal-König-Haus, dem Bildungshaus der Jesuiten in Wien-Lainz. Das Ziel für viele der - mehrheitlich weiblichen - Teilnehmer: Politik, Wirtschaft, Ethik und sich selbst besser kennen zu lernen. Kein leichtes Vorhaben, weiß Gabriele Lindner aus eigener Erfahrung: "Der Kurs ist oft wahnsinnig intensiv, manchmal würde man gern davon rennen. Aber die Leute haben sich eben entschieden, aus dem Alltag auszusteigen und an ihrer persönlichen Weiterentwicklung zu arbeiten."

Auch der Veranstalter, die Katholische Sozialakademie Österreichs (KSÖ), hat sich die Latte hoch gelegt. Zielgruppe des Kurses sind "Multiplikatoren", Menschen aller Altersgruppen und Regionen, die ihr Wissen und Können weitergeben. Auch Teilnehmer aus Rumänien, Albanien und der Slowakei waren heuer mit dabei. Das Rüstzeug zu ihrem Engagement in der Gesellschaft erarbeiten sich die 18 durch Anreichern von Wissen, aber auch durch praktische Übungen in Kommunikation, Moderation und den richtigen Umgang mit Konflikten. Das Zauberwort heißt selbstorganisiertes Lernen, erklärt Lindner: "Es geht darum, sich im Tun zu erleben. Denn etwas zu wissen heißt nicht automatisch, es umsetzen zu können."

Diese Weisheit ist für Bruno Leitsmüller ein alter Hut: Seit 27 Jahren ist er als Betriebsrat einer 1.000-Mitarbeiter-Firma aktiv. Zum ersten Mal sei er als fachlicher Berater beim Kurs dabei und vom Engagement der Leute schwer beeindruckt: "Ich bin sehr zufrieden, die lassen sich alles selber einfallen." Während er mit seinen Leuten an optimaler Betriebspolitik feilt, reflektiert einige Gänge weiter die zehnköpfige Gruppe "Kommunalpolitik" die vergangenen vier Tage. Als Zeichen ihrer Anwesenheit legen sie die Hausschuhe rings um eine Kerze und formieren sich im Sesselkreis. Ein Dorf samt geografischer Gegebenheiten sollte völlig frei gestaltet werden, erzählt Heinz Eder, seit 13 Jahren Bürgermeister von Katzelsdorf. In der Pause, bei Kaffee und Soletti, hält er den Jungen dann ein Grundsatzplädoyer: "Man kann in einer Woche nicht Kommunalpolitik durchschauen. Aber ihr seid gefordert, in Budgets hinein zu sehen, Gemeinderatssitzungen zu besuchen. Macht kleine Projekte, tretet für etwas auf, nicht gegen etwas. Und: Sucht euch Verbündete." Aus den Zuhöreraugen funkelt so etwas wie die Lust, die Welt umzukrempeln. Und man hat das Gefühl, diesen Leuten könnte es vielleicht gelingen.

Die Erwartungen an den Kurs und sich selbst sind hoch, bestätigt auch die 19-jährige Restaurateurin Andrea. "Mein Bruder und mein Freund haben den Kurs gemacht: Sie sind dadurch erwachsen geworden." Auch ihr falle es nun leichter, vor einer Gruppe zu sprechen oder mit Kritik umzugehen. Und ihr sei bewusst geworden, "dass ich mit Politik und Wirtschaft wirklich etwas zu tun habe, dass ich bin."

Sozialethisch urteilen Etagenwechsel. Einen Stock über den Kursräumen wohnt der "Vater" des Dreimonatskurses, P. Alois Riedlsperger. Der Jesuiten-Provinzial, langjährige Leiter der KSÖ und spirituelle Kurs-Begleiter, ist sich der Herausforderungen bewusst: "Die Sozialakademie war bei ihrer Gründung 1959 der Versuch, auf dem Weg der Erwachsenenbildung Fachwissen zu vermitteln. Seit den siebziger Jahren ist Mitbestimmung immer wichtiger geworden. Der Kurs wird nun als Lernwerkstatt gesehen und nicht als Vorlesungsbetrieb." Die neue Methode scheint nicht nur bei den Teilnehmern gut angekommen zu sein. Referenten wie Josef Taus, Erhard Busek oder Anton Pelinka gaben hier ihre Gedanken preis, und noch heute gibt Alexander Van der Bellen Impulse zum Thema "Wirtschaft". Als Spiritual sei ihm vor allem wichtig, "dass die engagierten Leute fähig werden zu sozialethischer Urteilsbildung", unterstreicht Riedlsperger. "Und dass sie wissen, woraus sie Kraft beziehen."

Den Teilnehmern wird viel zugetraut - doch wenig Zeit gegönnt. Nach der freitäglichen Kommunal- oder Betriebspolitik und einem freien Samstag heißt es nun am Sonntag Eintauchen in die "Kunst des Sehens". Wieder ist eine Aufwärmübung angesagt. "Such dir einen Gegenstand, der dich anspricht, nähere dich ihm blind und frag dich: Was geht mir durch den Magen". Und schon streifen die 18 Teilnehmer durch den Raum, betasten Äpfel, Schnittblumen oder Scheren. Gerade für die bevorstehende Gemeinde- und Betriebsuntersuchung sei bewusstes Wahrnehmen wichtig, weiß der Entwicklungsberater Peter Gruber. So schickt er seine Schützlinge blind, doch von einer Hand geführt, durch Wien. Für Gruber geht es hier vor allem "um den Mut und die Ausdauer, hinzuschauen. In Wirklichkeit sehen die Leute nicht, sondern interpretieren. Daraus entstehen Konflikte."

Dies zu vermeiden lehrte er schon im Konflikte-Block - für den 18-jährigen Philipp die prägendste Erfahrung: "Ich hatte zum Beispiel zu Beginn eine Glatze - und die anderen glaubten deshalb, ich sei besonders aggressiv." Mittlerweile hat sich der gelernte Modefachberater eingewöhnt und "total viel gelernt". Die Investition seines Vaters hätte sich auf jeden Fall gelohnt, betont Philipp: 18.000 Schilling Kursgebühr und rund 40.000 Schilling für Unterkunft und Verpflegung habe dieser für ihn ausgelegt. Viele seiner Kurskollegen kamen jedoch günstiger davon: Manch einer begnügt sich mit Frühstück oder Halbpension, andere erhalten als kirchlich Engagierte einen Zuschuss ihrer Diözese.

Das größte Problem steht den 18 kritischen Geistern im Kardinal-König-Haus jedoch noch bevor: Nach drei Monaten kritischen Hinterfragens, nach Tagen über Recht, politisches Theater, Medien und einer Kursreflexion geht es um die Umsetzung des Gelernten im Alltag. Dass dies möglich ist, zeigt Gabriele Lindner anhand eines Beispiels: "Wir hatten letztes Jahr einen Bauern, der sitzt nun im Gemeinderat, moderiert Arbeitskreise und Tagungen. Er kann sich der Anfragen gar nicht mehr erwehren."

Und noch etwas anderes gilt es zu bedenken: Der Dreimonatskurs schweißt zusammen. Viele Teilnehmer trafen einander wieder - manche auch vor dem Traualtar.

Informationen und Anmeldung: Katholische Sozialakademie Österreichs, 1010 Wien, Schottenring 35/DG, Tel.: 01/3105159-86, E-Mail: ksoe@eunet.at, Homepage: www.ksoe.at

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