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Autoritäre und relativ freie Verhältnisse

Der Wiener Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker weist darauf hin, dass sich im Islam Fragen eines "modernen" Umgangs mit den Quellen erst seit wenigen Jahrzehnten stellen.

Die Furche: Kann man den Koran oder die Hadiths, die Überlieferungen des Propheten Muhammad, "modern" lesen? Gibt es so etwas wie eine Relecture der islamischen Schriften und Quellen in einem modernen Kontext?

Rüdiger Lohlker: Was versteht man unter "im modernen Kontext"? Grundsätzlich ist es ja so, dass eine Relecture der Quellen erst im 20. Jahrhundert im Zuge der Alphabetisierung und auch der Neuauflagen einer breiten Literatur religiöser Quellen möglich geworden ist. Die sind überhaupt erst seit dieser Zeit zugänglich gemacht worden. Das war im 19. Jahrhundert noch völlig unmöglich. Das heißt, die Rahmenbedingungen haben sich sehr spät geändert.

Die Furche: "Normale" Gläubige haben also erst seit wenigen Jahrzehnten direkten Zugang zu den Quellen …

Lohlker: … und zwar einen Zugang, der nicht durch den Filter gelehrter Diskussionen geht. Das hat auch zur Folge gehabt, dass Interpretationen der Quellen unternommen wurden, die zu politisch-islamischen Bewegungen geführt haben. Auch das beruht auf einem erneuten Durchdenken der Quellen im Kontext des europäischen Einflusses in Ägypten oder in Indien um die 1930er und 1940er Jahre. Und es führte zu ähnlichen Bewegungen, wie es in Europa zu der Zeit gab: Massenbewegungen autoritärer Art.

Die Furche: Heißt das: Das, was man unter Moderne postuliert, hat eigentlich erst zum Problem des politischen Islam und des Islamismus geführt?

Lohlker: Es gab nicht mehr die "Mäßigung" durch Gelehrte. Der direkte Zugang zu Quellentexten religiöser Art führt nicht immer zu etwas Gemäßigtem. Das war die Voraussetzung. Aber politische islamische Bewegungen basieren darauf, dass ein Massenpublikum erreicht werden kann, und das wurde erst mit Massenmedien möglich - Presse, Broschüren, später auch Audio- und Videokassetten oder jetzt das Internet. Die Massenmedien sind die Voraussetzungen für eine Radikalisierung der Massen.

Die Furche: Im europäischen Kontext versteht man unter Relecture auch den historisch-kritischen Zugang zu den Texten. Ist dieser denkbar?

Lohlker: Ja. Eine solche Relecture findet in intellektuellen Zirkeln statt. Das ist ein breites Phänomen im indonesischen Kontext, in anderer Form in Indien. Im arabischen Raum ist das ein Minderheitenphänomen. In der Türkei findet es auf breiterer Ebene statt. Es variiert von Region zu Region. Dabei spreche ich gar nicht von den USA, von Europa, wo die Situation auch wieder anders ist. Die Relecture bringt eine große Bandbreite von Strömungen hervor, die von extrem autoritären bis zu sehr liberalen Positionen geht.

Die Furche: Was viele in Europa gerne hätten, wäre so etwas wie ein "liberaler" Islam.

Lohlker: Ich versuche hier die Kategorien liberal oder konservativ zu vermeiden, weil sie Maßstäbe anlegen, die man im Islam nicht be- nutzen sollte. Wir sollten da vielmehr von Transformation in nichtautoritäres Denken sprechen, wir sollten von Positionen sprechen, die eine kreative Neuaneignung, eine Erweiterung des Selbstverständnisses des Islams anstreben oder eine Verengung.

Die Furche: Dann einigen wir uns: Viele in Europa wünschen sich eine Erweiterung des islamischen Selbstverständnisses. Gibt es so etwas?

Lohlker: Ja. Da könnten wir als Beispiel die weibliche Relecture des Koran nehmen, wo es in Europa und den USA, in Malaysia oder Indonesien Versuche gibt, den Koran aus weiblicher Perspektive neu zu verstehen, unter der Voraussetzung, dass der Koran eine geschlechteregalitäre Ausrichtung hat. Da wird die traditionelle Lesart in vielen Positionen unhaltbar.

Die Furche: Die Furche hat vor einigen Monaten (26/2007) darüber mit einer der Gründerinnen der "Sisters in Islam" in Malaysia gesprochen …

Lohlker: … genau die meine ich.

Die Furche: Aber ist das eine Position, die in der islamischen Welt in irgendeiner Weise relevant ist?

Lohlker: Ich will nicht behaupten, dass das der Mainstream ist. Aber ich komme wieder auf Indonesien zurück, wo sich solche Positionen recht prononciert in den muslimischen Massenorganisationen finden. Es gibt dort Frauenorganisationen, die sich um eine neue Auffassung des Koran bemühen. Das findet auch nicht im großen intellektuellen Diskurs statt, das sind einfache Mitglieder - Hausfrauen, Angestellte. Da ist es durchaus ein Massenphänomen - und das im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt!

Die Furche: Wie kann sich im Islam aber ein solches Neuverständnis durchsetzen, zumal es da ja keine letztautoritative Instanz gibt?

Lohlker: Durch Akklamation. Wenn Sie ein Publikum erreichen, dann können Sie diese Anerkennung tatsächlich gewinnen. Wenn Sie keinen Zugang zu diesem Publikum haben, sei es in einem Land, in dem autoritär bestimmt wird, dass eine bestimmte Spielart des Islam über staatliche Instanzen gehört wird, wie in vielen arabischen Ländern, wo ein offizieller Islam gegen einen inoffiziellen Islam steht, dann wird es problematisch. Aber wenn eine relative Freiheit da ist, relativ wie in Indonesien, wie in der Türkei, teilweise auch in Indien, dann ist es schon möglich, eine Massenbasis zu erreichen.

Die Furche: Aber in den arabischen Staaten hat man den Eindruck, dass staatlich verordneter Islam noch die offenere Form der Religion darstellt. Würde der Staat in Ägypten nicht autoritär eingreifen, wären die Islamisten längst an der Macht, meine viele …

Lohlker: Diese Form eines identitätsorientierten Islam, einer sehr engen Islamauslegung, ist wiederum das Resultat des Nichtvorhandenseins eines öffentlichen Raumes. In Ägypten sieht man innerhalb der Muslimbruderschaft aber durchaus Differenzierungsprozesse. Das lässt mich vermuten, dass bei demokratischeren Verhältnissen auch dieses Lager, das man in Europa meist als "extremen Islam" versteht, sich ausdifferenzieren wird. Wir werden also unter demokratischeren Verhältnissen auch nicht mehr den äußeren Druck haben, der die islamische Opposition zusammenzwingt und Ausdifferenzierungsprozesse verhindert.

Die Furche: Oft wird argumentiert, viele der Streitpunkte seien gar nicht religiös, sondern kulturell bedingt; man hört etwa, auch die Kopftuch- oder Schleier-Frage sei eigentlich eine kulturelle und keine religiöse Frage?

Lohlker: Man muss bedenken, dass sich Religion in der Moderne verändert. Religion war in nichtmodernen Zeiten etwas, in das man hineingeboren wurde und mit dem man sich nicht auseinandergesetzt hat. Für alle Religionen gilt: In der Moderne muss man sich für den Glauben entscheiden. Das heißt auch, dass man sich für eine bestimmte Interpretation des Glaubens entscheiden muss, die wiederum kulturell geprägt ist. Und damit werden Interpretationen des Glaubens möglich, die vor 70 Jahren undenkbar schienen. Der Gegensatz zwischen Religion, die ich für mich selber als wahre Religion neu erfinde, und der traditionellen Religion entwickelt sich im islamischen Feld eigentlich erst seit 30 Jahren. Und damit wird es überhaupt erst denkbar zu sagen: Wir können Gewalt gegen Frauen islamisch eben nicht rechtfertigen! Die Frage ist früher überhaupt nicht stellbar gewesen.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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