Innenansicht einer Kirche - © Foto: Pixabay / Johannes Plenio
Religion

Bärendienst an der Kirche

1945 1960 1980 2000 2020

ANALYSE. Der Aufsatz Joseph Ratzingers, emeritierter Papst, zur Missbrauchskrise ist unhistorisch, im Gesamten falsch und kleingeistig. Er hilft der Kirche und Nachfolger Franziskus nicht. Im Gegenteil.

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ANALYSE. Der Aufsatz Joseph Ratzingers, emeritierter Papst, zur Missbrauchskrise ist unhistorisch, im Gesamten falsch und kleingeistig. Er hilft der Kirche und Nachfolger Franziskus nicht. Im Gegenteil.

Selten hat Benedikt XVI. solche Verstörung oder auch Empörung ausgelöst wie mit seinen am 11. April bekannt gewordenen Auslassungen zur Missbrauchskrise der katholischen Kirche. Dem im Alltag stehenden Katholiken spricht dazu die Conclusio der Analyse von Michael Sean Winters im US-Magazin National Catholic Reporter aus der Seele: „Gab es niemanden, der ihm so sehr nahesteht, dass er ihn vor der Peinlichkeit bewahren konnte, die dieser Artikel verursacht?“

Winters ist ein bekannter liberaler Kolumnist, der aber für seinen Respekt für Joseph Ratzinger und sein Denken bekannt war. Seine Reaktion auf den Aufsatz des emeritierten Papstes, der im deutschen Klerusblatt erschienen ist und von den exzellent vernetzten ultrakonservativen Seilschaften alsbald global verbreitet wurde, zeigt, dass die intellektuelle Reputation des 92-jährigen Emeritus enorm Schaden leidet. Die ausführlichen „Notizen“ Benedikts XVI. angesichts des Missbrauchsgipfels im Vatikan, zu dem Papst Franziskus im Februar geladen hatte, zeugen von Kleingeist und einer Verkennung der Lage, die erschreckend ist. Dass für Joseph Ratzinger die 1968er-Ereignisse an deutschen Universitäten traumatische Erfahrungen waren, ist zwar längst bekannt. Aber dass der dieser Tage 92 Gewordene seine Kirche nur mehr aus einer Perspektive des Niedergangs betrachtet, ist schon starker Tobak. Ratzinger führt persönliche Erlebnisse an –etwa Plakatsäulen mit „zwei völlig nackten Personen“, die ihn am Karfreitag 1970 in Regensburg verstört hätten. Er nennt auch den „Sexkoffer der österreichischen Bundesregierung“ oder das bislang von niemandem wahrgenommene Verbot von Sexfilmen in Flugzeugen, „weil in der Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach“.

Dass Missbrauch lang vor dem behaupteten Verfall ein großes Problem war, negiert der emeritierte Papst Benedikt XVI. ebenso wie die Opfer, um die es eigentlich gehen müsste.

Papst Benedikt - Papst Benedikt XVI. - © Foto: Getty Images / Alessandra Benedetti / Corbis
© Foto: Getty Images / Alessandra Benedetti / Corbis

Papst Benedikt XVI.

Könnte man derartige Auslassungen noch als Schrulligkeit durchgehen lassen, so folgt im zweiten Teil des Aufsatzes eine Generalabrechnung mit der Moraltheologie, die für Joseph Ratzinger völlig am Boden liegt und sich mit Haut und Haar dem Zeitgeist ausgeliefert hat. Hier zeigt sich auch Kleinlichkeit des Autors, wenn er im deutschschweizerischen Moraltheologen Franz Böckle (1921–91), mit dem er theologische Sträuße ausfocht, als einen Schuldigen dafür identifiziert. Ähnlich war Joseph Ratzinger im Vorjahr mit dem 90-jährigen Dogmatiker Peter Hünermann verfahren, den er damals zum „Papstfeind“ stilisierte.

Frauen am Seminaristentisch!?

Der Alt-Papst nimmt dann verschiedene Versuchungen in der Pries terausbildung wahr: In den Priesterseminaren hätten auch verheiratete Pastoralreferenten (mitunter gar mit ihrer Frau!) an den gemeinsamen Mahlzeiten teilgenommen, sodass es offenbar niemand zu wundern brauche, wenn das innerkirchliche Sex-and-CrimeProblem sich rasend verbreitete. Dass Missbrauch lang vor dem behaupteten Verfall ein großes Problem war, negiert Benedikt XVI. ebenso wie die Opfer, um die es eigentlich gehen müsste, und die Papst Franziskus viel mehr im Blick hat.

Wenn sich an die kleinliche, unhistorische und im Gesamten falsche Analyse des katholischen Missbrauchskomplexes dann theologische Reflexionen schließen, welche die Abwesenheit Gottes für den Missbrauchsskandal verantwortlich machen, klingt das wie Hohn. Die Gottesvergessenheit in den missbrauchenden und vertuschenden Teilen des Klerus wäre ja sehr wohl zu thematisieren, aber das liegt außerhalb des Ratzinger’schen Horizonts.

Ratzinger bricht seine Versprechungen

Einmal mehr zeigt sich, dass dieser Autor, der eben nicht mehr Papst Benedikt XVI. ist, sich an seine eigenen Versprechungen nicht hält. Keine Rede mehr davon, dass er seinem Nachfolger im Schweigen und Gebet nicht dreinpfuschen wolle. Das Gegenteil ist der Fall, und es nützt nichts, die Wortspenden des 92-Jährigen mit Hinweis auf sein Alter abzutun. Denn die kleine, aber äußerst laute ultrakonservative Kirchenfraktion spannt Joseph Ratzinger unverblümt vor den Karren, mit dem sie gegen den amtierenden Pontifex Franziskus anfährt. Im deutschen Sprachraum tat sich da einmal mehr der von Franziskus als oberster Glaubenshüter geschasste Kardinal Gerhard Müller hervor, der im Interview mit dem einschlägigen Internetportal kath.net die Auslassungen Benedikts XVI. als „die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral und intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zusammen“ bezeichnete. Die Kritiker qualifizierte Müller als solche ab, die die Kirche nur an die „eigene Dekadenz“ anpassen wollten. Dabei müsste die weltweite Kritik – gerade von vielen Theologen! – am Ratzinger Aufsatz auch dem konservativen Kirchenflügel zu denken geben. Aber der dürfte, wie der greise Emeritus, dagegen immun sein.

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