#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Religion

Befreiung aus katholischer Gefangenschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Der weltweite Missbrauchs-Skandal erschüttert inzwischen auch Polen - befeuert von einem polnischen Spielfilm, der sich die Machenschaften der Kirchenhierarchen radikal vorknöpft. Der katholischen Kirche im Land weht ein nie dagewesener Wind ins Gesicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Der weltweite Missbrauchs-Skandal erschüttert inzwischen auch Polen - befeuert von einem polnischen Spielfilm, der sich die Machenschaften der Kirchenhierarchen radikal vorknöpft. Der katholischen Kirche im Land weht ein nie dagewesener Wind ins Gesicht.

Alles eine Verschwörung - wettern die rechten Blätter, rechtskonservative Politiker und selbst katholische Journalisten in Polen. Verschworen haben sich demnach die liberale Linke und die Filmemacher des Spielfilms "Kler", übersetzt: Klerus. Denn es könne ja kein Zufall sein, dass die weltweite Pädophilen-Debatte in der Romkirche just mit der Premiere des kirchenkritischen Kassenschlagers zusammenfällt.

"Der Film ist als ein Schlag gegen die Kirche, die Religion und die Gläubigen gedacht", schreibt das Onlineportal Wpolityce. In dem Film, den einige konservativ regierte Kommunen in stadteigenen Kinos boykottieren, zeigt Regisseur Wojciech Smarzowski schonungslos Fälle von Kindesmissbrauch durch polnische Priester und wie sie bislang gedeckt wurden. "Wir müssen die kirchlichen Archive von der Geheimhaltung befreien", sagt Smarzowski in einem Interview. "Die Gläubigen sollten sich auf die Seite der Opfer schlagen und aufhören, durch ihr Schweigen die Täter zu schützen."

Opfer haben einen schweren Stand

Dass die Opfer pädophiler Priester in Polen einen schweren Stand haben, darüber berichten auch Organisationen aus der nichtfiktiven Welt, die diese Menschen psychologisch und vor Gerichten unterstützen. Die Stiftung "Fürchtet euch nicht"(Nie l¸ekajcie si¸e) etwa hat rund 60 Fälle dokumentiert, in denen Priester verurteilt wurden. Doch dies scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Opferanwälte der Stiftung berichten, dass die Staatsanwaltschaften häufig die verantwortlichen Diözesen nicht zur Herausgabe von Priesterakten oder Protokollen kircheninterner Verfahren auffordern. Wenn sie dies tun, lehnt die Kirche oft ab -und die Staatsanwaltschaften nehmen dies hin, obwohl sie für die Weigerung Strafen auferlegen könnten.

Doch durch die Debatte erhalten nun jene eine Stimme, die Opfer wurden -und nun nach Gerechtigkeit suchen. So wie Dariusz, der seine Geschichte auf der Homepage der Stiftung publik macht. Als Minderjähriger, als junger Ministrant wurde er in den 1980er-Jahren, als die Kirche im Land der Solidarno´s´c-Bewegung ihren Autoritätsgipfel hatte, von einem Priester missbraucht. Er habe jahrelang niemandem darüber erzählen wollen. "Wem sollte ich etwas sagen?

Meiner Mutter? Sie kennt den Priester seit Jahren, er ist für sie wie eine heilige Ikone. Und da sollte ich ihr plötzlich sagen, dass er mich angefasst hat? Ich kannte noch nicht einmal den Begriff 'sexuelle Belästigung'." Heute wolle er darüber reden, schreibt Dariusz, gerade weil "ich selbst gegen eine Mauer aus Ignoranz, Gleichgültigkeit und schlichtem Spott geprallt bin".

Menschen wie Dariusz werden nun ernst genommen - sie überwinden die Angst, die sie in der spezifischen polnischen Realität jahrelang schweigen ließ. Dass die Stiftung, die Menschen wie ihn unterstützt, just den Spruch "Fürchtet euch nicht" als Namen wählte, entbehrt nicht einer bitteren Realität. Die Worte, die 1978 Karol Wojtyła bei seiner Wahl zum Papst Johannes Paul II. in die Welt sandte, haben in Sachen Kirchenkritik in Polen eher das Gegenteil bewirkt. Die überdimensionierte Autorität Johannes Pauls II. erstickte Jahrzehnte hinweg in weiten Teilen seiner Heimat jegliche Kritik an der Kirche schon im Keim. Erst in jüngster Zeit wird auch die zweifelhafte Rolle des polnischen "Jahrtausend-Papstes" bei der Deckung von Missbrauch öffentlich diskutiert.

Auch die polnische Bischofskonferenz tut scheinbar inzwischen etwas. Bereits seit 2014 sammeln in den 44 Diözesen und gut 30 Orden des Landes speziell dafür berufene Delegierte für Kinder und Jugendliche Angaben von Missbrauchsopfern, wenn diese dies melden. Doch was genau sie seither erfahren haben und welches Ausmaß die Missbräuche haben, ist aus einem banalen Grund nicht bekannt: Die Ergebnisse werden nicht gebündelt und auch nicht veröffentlicht.

"Fragen Sie die Bischöfe!"

Das gibt selbst Kirchenmann Adam Zak, seit 2013 Koordinator des Episkopats für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, offen zu. Zak selbst beteuert, er habe versucht, die Bischöfe davon zu überzeugen, die Angaben zentral zu sammeln -vergeblich. Zwar hätten sich die Bischöfe verpflichtet, alle Fälle an den Vatikan zu melden. Doch wie viele es seien -darüber gäbe es keine Angabe. "Fragen sie die Bischöfe. Ich habe keine Antwort", sagte der Jesuit jüngst gegenüber der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny.

Dabei könnte sich der polnische Eisberg der Missbräuche, das räumt selbst Episkopats-Vertreter Zak ein, als ähnlich groß erweisen wie jener in den USA oder Irland, inklusive der über Jahrzehnte stillschweigenden Versetzung straffälliger Priester in andere Gemeinden. "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass man hierbei in der polnischen Kirche anders vorging als in der irischen oder USamerikanischen", sagt Zak.

Einige Bischöfe scheinen den Ernst der Lage inzwischen zu sehen. Im Land rumort es derart, dass Ende September Erzbischof Romuald Kami´nski von Warschau- Praga sich öffentlich für Missbrauch in seinen Gemeinden entschuldigte. Der Episkopat veröffentlichte fast zeitgleich indes lediglich seine bereits bekannten Richtlinien zum Umgang mit straffälligen pädophilen Priestern. Dass darin "Entschuldigung" lediglich als Entschuldigung "für die Priester, die Kinder geschädigt haben" geäußert wird, könnte auch finanzielle Gründe haben. Denn ein polnisches Gericht hatte Anfang dieses Jahres ein womöglich wegweisendes Urteil gefällt: Es sprach dem Missbrauchsopfer eines Priesters eine hohe Entschädigung sowie eine monatliche Rente zu, die von der Ordengemeinschaft, der der Priester angehört, zu zahlen sei. Zwar ging der Orden in Berufung -doch die Bischöfe fürchten ebenfalls eine Welle von Entschädigungsforderungen. "Die straf- und zivilrechtliche Verantwortung für diese Art von Straftaten trägt der Täter als natürliche Person", heißt es in den eigenen Richtlinien vorsorglich.

Dieser Umgang der Kirche mit dem Thema Missbrauch stößt immer mehr Polen vor den Kopf. In einer jüngsten Umfrage der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita meinten rund 75 Prozent der Befragten, dass die Kirchenleitung die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht im Griff habe. Inzwischen reagieren die Bischöfe, wenn auch vage: Bis Ende November soll ein Missbrauchsbericht erstellt sein; kanonische Rechtskraft solle er aber nicht haben, sagte der Primas Polens, Erzbischof Wojciech Polak von Gnesen. Dennoch: Der Zeitpunkt seiner Ankündigung spricht für die Kraft der Kunst, Missstände wirkungsvoll anzuprangern -er sagte dies einen Tag vor der Premiere des Films "Kler".

Alles eine Verschwörung - wettern die rechten Blätter, rechtskonservative Politiker und selbst katholische Journalisten in Polen. Verschworen haben sich demnach die liberale Linke und die Filmemacher des Spielfilms "Kler", übersetzt: Klerus. Denn es könne ja kein Zufall sein, dass die weltweite Pädophilen-Debatte in der Romkirche just mit der Premiere des kirchenkritischen Kassenschlagers zusammenfällt.

"Der Film ist als ein Schlag gegen die Kirche, die Religion und die Gläubigen gedacht", schreibt das Onlineportal Wpolityce. In dem Film, den einige konservativ regierte Kommunen in stadteigenen Kinos boykottieren, zeigt Regisseur Wojciech Smarzowski schonungslos Fälle von Kindesmissbrauch durch polnische Priester und wie sie bislang gedeckt wurden. "Wir müssen die kirchlichen Archive von der Geheimhaltung befreien", sagt Smarzowski in einem Interview. "Die Gläubigen sollten sich auf die Seite der Opfer schlagen und aufhören, durch ihr Schweigen die Täter zu schützen."

Opfer haben einen schweren Stand

Dass die Opfer pädophiler Priester in Polen einen schweren Stand haben, darüber berichten auch Organisationen aus der nichtfiktiven Welt, die diese Menschen psychologisch und vor Gerichten unterstützen. Die Stiftung "Fürchtet euch nicht"(Nie l¸ekajcie si¸e) etwa hat rund 60 Fälle dokumentiert, in denen Priester verurteilt wurden. Doch dies scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Opferanwälte der Stiftung berichten, dass die Staatsanwaltschaften häufig die verantwortlichen Diözesen nicht zur Herausgabe von Priesterakten oder Protokollen kircheninterner Verfahren auffordern. Wenn sie dies tun, lehnt die Kirche oft ab -und die Staatsanwaltschaften nehmen dies hin, obwohl sie für die Weigerung Strafen auferlegen könnten.

Doch durch die Debatte erhalten nun jene eine Stimme, die Opfer wurden -und nun nach Gerechtigkeit suchen. So wie Dariusz, der seine Geschichte auf der Homepage der Stiftung publik macht. Als Minderjähriger, als junger Ministrant wurde er in den 1980er-Jahren, als die Kirche im Land der Solidarno´s´c-Bewegung ihren Autoritätsgipfel hatte, von einem Priester missbraucht. Er habe jahrelang niemandem darüber erzählen wollen. "Wem sollte ich etwas sagen?

Meiner Mutter? Sie kennt den Priester seit Jahren, er ist für sie wie eine heilige Ikone. Und da sollte ich ihr plötzlich sagen, dass er mich angefasst hat? Ich kannte noch nicht einmal den Begriff 'sexuelle Belästigung'." Heute wolle er darüber reden, schreibt Dariusz, gerade weil "ich selbst gegen eine Mauer aus Ignoranz, Gleichgültigkeit und schlichtem Spott geprallt bin".

Menschen wie Dariusz werden nun ernst genommen - sie überwinden die Angst, die sie in der spezifischen polnischen Realität jahrelang schweigen ließ. Dass die Stiftung, die Menschen wie ihn unterstützt, just den Spruch "Fürchtet euch nicht" als Namen wählte, entbehrt nicht einer bitteren Realität. Die Worte, die 1978 Karol Wojtyła bei seiner Wahl zum Papst Johannes Paul II. in die Welt sandte, haben in Sachen Kirchenkritik in Polen eher das Gegenteil bewirkt. Die überdimensionierte Autorität Johannes Pauls II. erstickte Jahrzehnte hinweg in weiten Teilen seiner Heimat jegliche Kritik an der Kirche schon im Keim. Erst in jüngster Zeit wird auch die zweifelhafte Rolle des polnischen "Jahrtausend-Papstes" bei der Deckung von Missbrauch öffentlich diskutiert.

Auch die polnische Bischofskonferenz tut scheinbar inzwischen etwas. Bereits seit 2014 sammeln in den 44 Diözesen und gut 30 Orden des Landes speziell dafür berufene Delegierte für Kinder und Jugendliche Angaben von Missbrauchsopfern, wenn diese dies melden. Doch was genau sie seither erfahren haben und welches Ausmaß die Missbräuche haben, ist aus einem banalen Grund nicht bekannt: Die Ergebnisse werden nicht gebündelt und auch nicht veröffentlicht.

"Fragen Sie die Bischöfe!"

Das gibt selbst Kirchenmann Adam Zak, seit 2013 Koordinator des Episkopats für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, offen zu. Zak selbst beteuert, er habe versucht, die Bischöfe davon zu überzeugen, die Angaben zentral zu sammeln -vergeblich. Zwar hätten sich die Bischöfe verpflichtet, alle Fälle an den Vatikan zu melden. Doch wie viele es seien -darüber gäbe es keine Angabe. "Fragen sie die Bischöfe. Ich habe keine Antwort", sagte der Jesuit jüngst gegenüber der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny.

Dabei könnte sich der polnische Eisberg der Missbräuche, das räumt selbst Episkopats-Vertreter Zak ein, als ähnlich groß erweisen wie jener in den USA oder Irland, inklusive der über Jahrzehnte stillschweigenden Versetzung straffälliger Priester in andere Gemeinden. "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass man hierbei in der polnischen Kirche anders vorging als in der irischen oder USamerikanischen", sagt Zak.

Einige Bischöfe scheinen den Ernst der Lage inzwischen zu sehen. Im Land rumort es derart, dass Ende September Erzbischof Romuald Kami´nski von Warschau- Praga sich öffentlich für Missbrauch in seinen Gemeinden entschuldigte. Der Episkopat veröffentlichte fast zeitgleich indes lediglich seine bereits bekannten Richtlinien zum Umgang mit straffälligen pädophilen Priestern. Dass darin "Entschuldigung" lediglich als Entschuldigung "für die Priester, die Kinder geschädigt haben" geäußert wird, könnte auch finanzielle Gründe haben. Denn ein polnisches Gericht hatte Anfang dieses Jahres ein womöglich wegweisendes Urteil gefällt: Es sprach dem Missbrauchsopfer eines Priesters eine hohe Entschädigung sowie eine monatliche Rente zu, die von der Ordengemeinschaft, der der Priester angehört, zu zahlen sei. Zwar ging der Orden in Berufung -doch die Bischöfe fürchten ebenfalls eine Welle von Entschädigungsforderungen. "Die straf- und zivilrechtliche Verantwortung für diese Art von Straftaten trägt der Täter als natürliche Person", heißt es in den eigenen Richtlinien vorsorglich.

Dieser Umgang der Kirche mit dem Thema Missbrauch stößt immer mehr Polen vor den Kopf. In einer jüngsten Umfrage der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita meinten rund 75 Prozent der Befragten, dass die Kirchenleitung die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht im Griff habe. Inzwischen reagieren die Bischöfe, wenn auch vage: Bis Ende November soll ein Missbrauchsbericht erstellt sein; kanonische Rechtskraft solle er aber nicht haben, sagte der Primas Polens, Erzbischof Wojciech Polak von Gnesen. Dennoch: Der Zeitpunkt seiner Ankündigung spricht für die Kraft der Kunst, Missstände wirkungsvoll anzuprangern -er sagte dies einen Tag vor der Premiere des Films "Kler".