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Religion, die befreit

DISKURS
Marcelo Sayao / EPA / picturedesk.com  -  Gedenken an Dorothy Stang. - © Marcelo Sayao / EPA / picturedesk.com

Befreiungstheologie: Die prophetische Rolle von Frauen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Namen der feministischen Theologinnen der Befreiung sind kaum bekannt. Aber diese Frauen – darunter solche, die mit ihrem Leben bezahlt haben – setzen die christliche Botschaft konkret in ihre Wirklichkeit um.

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Die Namen der feministischen Theologinnen der Befreiung sind kaum bekannt. Aber diese Frauen – darunter solche, die mit ihrem Leben bezahlt haben – setzen die christliche Botschaft konkret in ihre Wirklichkeit um.

Die Option für die Armen trifft Frauen besonders: Denn Frauen sind weltweit häufiger von Hunger und Armut betroffen als Männer und zudem oft Opfer von sexistischer Gewalt. Doch brauchte es die Anstrengung von Theologinnen, damit 1979 im Dokument von Puebla der Situation der Frauen ein eigenes Kapitel gewidmet wurde. Dies war auch deswegen von Bedeutung, weil viele der tausenden Basisgemeinden von Frauen geleitet wurden, wie die bedeutende feministische Theologin Rosemary Radford Ruether in ihrem Bericht von der Bischofskonferenz in Puebla schreibt.

Besondere Erwähnung findet die Gottesmutter Maria im Dokument von Puebla – ist doch das Magnificat, ihr Lobgesang auf die Zuwendung Gottes zu den Armen, eine biblische Grundlegung der Befreiungstheologie: „Die Mächtigen stürzt er vom Throne und hebt in die Höhe die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seiner Gabe und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,52–53)

Große theologische Vielfalt

Von den jungen Theologinnen, die sich damals für die feministische Befreiungstheologie engagierten, bekamen jedoch nur wenige eine Stelle im Theologiebetrieb. Und obwohl es Übersetzungen gibt, sind Namen wie Ivone Gebara, Elsa Tamez, María Pilar Aquino, Maria Clara Binge­meyer oder Mary Judith Rees – um nur einige zu nennen – in Europa kaum bekannt. Vor allem die große evangelische Theologin Dorothee Sölle hat sich immer wieder auf die Stimmen der Frauen aus Lateinamerika bezogen. Denn in der feministischen Theologie der Befreiung findet sich eine große und spannende theologische Vielfalt, so bunt wie ein vielfärbiges Wollknäuel, wie Mary Judith Rees, Mitglied des Maryknoll­-Ordens, vor Kurzem rückblickend feststellte.

Dass nach dem Ende der Diktaturen in Lateinamerika das neoliberale Wirtschaftsmodell dominiert, hat die Situation der Armen und der Frauen im Besonderen verschlechtert. Der halb beendete Bürgerkrieg in Kolumbien, die fortgesetzten massiven Wirtschaftskrisen in Bolivien und Argentinien, die sozialen Konflikte in Brasilien sind nur einige Brennpunkte politischer und sozialer Probleme. Der neue Blick der feministischen Theologie der Befreiung auf die Tradition thematisiert Armut und Unterdrückung von Frauen in der neoliberalen Gesellschaft, aber auch im biblischen Kontext, sucht nach einer neuen Sexualethik und neuen Wegen des Verstehens.

Spätestens gegen Ende des 20. Jahrhunderts werden Klimakrise und Umweltprobleme, die Frauen besonders betreffen, immer ­vordringlicher. Ökofeministische Theologinnen – die prominenteste Ivone Gebara – sehen, dass Gewalt und Unterdrückung nicht nur Frauen, sondern die Natur im Ganzen betrifft. Alles Leben steht miteinander in Beziehung, deswegen ist der Kampf um soziale Gerechtigkeit nicht von Fragen der Ökologie zu trennen.

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